Gender: Male
Status: In a Relationship
Age: 35
Sign: Capricorn
City: Berlin
State: Berlin
Country: DE
Signup Date: 4/23/2009
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July 20, 2009 - Monday
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............
Bierläufer
.. ..
Kaum verkriecht sich die Sonne hinter den Dächern der Stadt,
die so gerne größer scheinen will als sie ist, laufen sie auch schon durch die
Strasse. Die jungen Menschen mit der Bierflasche in der Hand. Manchmal reicht
es dazu schon aus, wenn sich die Sonne nur hinter einer größeren Wolke
versteckt, das Licht sanft schwindet und einen zarten Hauch von
Feierabendstimmung zaubert. Es ist 11.13 Uhr.
Die Flaschen werden meistens lässig gehalten, zwischen zwei
Fingern, direkt am Flaschenhals. Der Daumen regelt gekonnt die Balance. Selten
jedoch sieht man sie fest umklammert.
Ein Großstadtphänomen? Oder nur Ausdruck von
Massenalkoholismus in unserem hektischen Alltag?
.. ..
Um das gleich klar zustellen: Ich mag Bier! Dieses
„mit-dem-Bier-in-der-Hand-durch-die Stadt-laufen“ mag ja cool sein, aber es
wirkt doch ganz so, als die vielen Menschen überhaupt keine Zeit mehr haben,
sich irgendwo zur Ruhe zu setzen und sich in aller Gemütlichkeit das kühle
Blonde hinter die sprichwörtliche Binde zu gießen.
Da steht also eine Gruppe, zwei junge Damen, drei junge
Herren, an der Straßenecke, in Sichtweite eines Supermarktes und halten sich
die viel beworbenen Trend-Hilfs-Möchtegernbiere a la Cola-Lemmon, Strawberry,
Kirsch-Cola, Gold-Light, Gold-Extrem, Level-Seven, Orange-Iregendwas, oder wie
sie alle heißen, an den Hals und unterhalten sich darüber, wie peinlich das
doch ist, immer von diesen saufenden Pennern vor dem Supermarkt angequatscht
und angeschnorrt zu werden.
Gut Leute! Schnorren habt ihr natürlich nicht nötig! Aber
wenigstens haben sich die Penner Klappstühle organisiert und diese schön
schattig, unter den Bäumen, an der grauen Mauer, aufgestellt. Wenn genug
geschnorrt wurde, geht Penner also in den Laden, kauft ein neues Bier und
begibt sich zur Sitzecke unter freiem Himmel. Dort nimmt man Platz und gönnte
sich die wohlverdiente Pause vom Schnorren…
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May 25, 2009 - Monday
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Es ist wahrlich ein beruhigendes Gefühl zu merken, dass
alles so bleibt wie es war und so bleibt, wie es sein soll.
Da ruft man bei einer Pressestelle an, die sich Abteilung
für Öffentlichkeitsarbeit nennt und bittet um Ausfunkt über eine Sache, derer
man teilweise Zeuge geworden ist. Nun ist es journalistisch geboten zu
recherchieren und nachzufragen, um die Informationen die man bereits erhalten
hat, zu überprüfen. Oder auch, um eine andere Sicht auf die Dinge zu erfahren. Das
ich von einer Pressestelle selten Informationen erhalte, dessen bin ich mir bewusst.
Aber das man ein offensichtlich stattgefundenes Ereignis, zu einem niemals
stattgefunden Ereignis macht, nur weil man davon nichts weiß, nichts wissen
will, nichts wissen wird und auch niemand da ist, den man hausintern dazu
fragen könnte, das ist schon eine Ausnahme. Sonst redet man gerne viel und sagt
nichts. Aber so…
Ich meine es heißt doch Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit?
Und ich bin die Öffentlichkeit! Besser gesagt die gesamte Weltöffentlichkeit
steht begierig hinter mir, um von dem offensichtlichen Ereignis, welches wegen
Nicht-Wissen, auch nicht stattgefunden haben kann, zu erfahren… Zitat: „Wir
wissen nur, dass es nichts gibt, was für die Öffentlichkeit von Interesse sein
könnte.“
Jetzt mal zu einem anderen Ereignis, welches noch
stattfinden wird. Das steht schon mal fest. Und ebenso felsenfest steht auch
die Tatsache, dass eine vorherige Anmeldung zu besagtem Ereignis zwingend
erforderlich ist.
Was tut Journalist in einem solchen Falle? Er ruft dort an,
an einem Ort der noch Pressestelle heißt und trägt in aller Höflichkeit den
Wunsch vor, sich für dieses bevorstehende Ereignis anzumelden. Ich möchte noch
kurz erwähnen, dass eine Pressestelle für den Kontakt mit der Presse zuständig
ist. Im Normalfall jedenfalls sollte es sich so verhalten. „Nein wir können die
Anfrage jetzt nicht bearbeiten. Wir haben hier auch noch andere Dinge zu tun
und können uns doch nicht um alles kümmern!“
An welcher Stelle habe ich da etwas nicht richtig
verstanden?
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May 23, 2009 - Saturday
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Heute ist ein bedeutsamer Tag, egal wie man dazu stehen mag,
aber eine gewisse Bedeutung kann man ihm nicht absprechen. Heute wird die
Bundesrepublik 60 Jahre alt. Es ist unwichtig, wie ich das finde und überhaupt
nicht von Belang für das, was ich hier berichten möchte. Lediglich, die
Tatsache, dass aus diesem Anlass in Berlin-Mitte, rund um das Brandenburger Tor
gefeiert wird, muss erwähnt werden. Es reiht sich eine Fressbude an die
Nächste, auf den Bühnen wird Programm gemacht, das Wetter ist schön und so
machen sich unzählige Menschen dorthin auf den Weg. Ich mit ihnen.
Ich nähte mich dem Brandenburger Tor von Osten, schob mich
mit den vielen Besuchern die Strasse Unter den Linden in Richtung der
Festivität entlang, obwohl ich eigentlich gemütlich schlendernd mein Ziel
erreichen wollte. Als ich plötzlich von einer jungen Dame mit einem übergroßen
Mikrofon angesprochen wurde. Ein Kameramann richtete begierig seine Linse auf
mich und der arme Tonmensch musste einem Bodyguard gleich, dafür sorgen, dass
der Menschenstrom die Szene nicht mit sich riss.
„Sollen wir Dir ein kostenloses Styling verpassen?“, wurde
ich gefragt. Das Mikro reckte sich mir erwartungsvoll entgegen. Als ich
staunend und wahrlich überrascht schwieg, legte sie nach:“ Sieh Dich mal an. So
ganz in schwarz und völlig unmodisch wie Du gekleidet bist, unrasiert und mit
so einem uncoolen Basecap und der alten Sonnenbrille, denke ich, Du könntest so
etwas gut gebrauchen?“ Ich schwieg weiter. Jedoch jetzt mehr beleidigt, als
überrascht. „Deine Hose ist ausgewaschen und sitzt nicht richtig.“ Ich blickte
an mir hinab. „Und diese Kapuzenjacke, ist ja nun sowas von Out…“ Aber ich mag
diese Jacke wollte ich entgegnen, doch ich ließ es. „Und neue Schuhe könntest
Du auch gebrauchen. Und ein bisschen Farbe sowieso!“
Ich sah wieder hinab auf die ausgelatschten Turnschuhe. Und
ja, wo sie Recht hatte, hatte sie Recht. Da könnten wirklich mal neue her. Ich
blickte wieder hinauf, ihr ins Gesicht und entschloss mich, ihr aber diesen
Triumph nicht zu gönnen und verharrte weiter schweigend. Das Mikrofon wartete
gereizt auf das erste Wort, das ich wohl sprechen mochte. Aber der Typ sprach
einfach nicht.
Und ehrlich, es bereitete mir ein klein wenig Freude zu
beobachten, wie sich ihre Ratlosigkeit in ihrem Gesicht manifestierte. Sie
blickte erst Hilfe zu ihrem Kameramann, der sich gelangweilt hinter dem Okular
versteckte und sie völlig ignorierte und dann zu dem Tonmann, der immer noch
damit beschäftig war, zum einen seine Kabel unter Kontrolle zu behalten und zum
anderen die Szene vor dem Menschenstrom zu schützen. Hinter mir winkten laut
kichernd einige Mädchen in die Kamera. Der Kameramann ignorierte auch das.
Obwohl es kaum etwas gibt, was einen Kameramann mehr zur Raserei bringen kann.
Sie nahm das Mikro ruckartig zu sich und sprach: „Ich
meine…, also…, äh…Ihre Figur entspricht so eher nicht dem Ideal und wenn Sie
sich von uns stylen lassen, wenn Sie ein neuer Mensch geworden sind, das geht
alles auf unsere Kosten, alles, dann laden wir sie danach zu einem Abendessen
mit den schönsten Frauen Deutschlands ein, und Sie werden dann sehen, was
solche eine Veränderung bewirken kann. Sie haben es doch bestimmt nicht leicht
bei den Frauen, oder? Na wie wär..s?“
Und wieder reckte sich das Mikrofon mir sehr erwartungsvoll
entgegen. Ich schwieg noch einen kleinen Augenblick lang, genoss noch einmal
die sich deutlich manifestierende Ratlosigkeit in ihrem Gesicht. Ich vermute,
ihr hatte noch niemand gesagt, dass es wirklich Leute geben könnte, die weder
eine Fernsehkamera noch ein eines solches Angebot in keiner Weise interessieren
könnte.
Aber nun sprach ich doch, sehr leise nur und beugte mich
über das Mikrofon hinweg, wandte mich direkt an die junge, schöne Frau und
sagte: Wie ich rumlaufe geht Sie nichts an! Und ob es Frauen gibt, denen das
gefällt oder nicht, dass geht Sie auch nichts an! Und darüber hinaus, verbitte
ich mir jede Art von Verwendung dieses Materials!“
Ihr Gesicht ward plötzlich völlig ausdruckslos, der
Kameramann nahm sehr erleichtert die Kamera von der Schulter und der Tonmann
entließ die Kabel in die Freiheit und gab den Kampf gegen die vorbeiziehenden
Menschenmassen auf. Ich machte auf der Stelle kehrt, kämpfe gegen den Strom,
weg vom Brandenburger Tor und den Feierlichkeiten, hin zu nächsten Supermarkt.
Und jetzt esse ich Spargel, viel Spargel, ein großen Steak
dazu und gebackene Kartoffeln. Auf es meiner Figur nicht gut tun möge!
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May 21, 2009 - Thursday
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Oh mein Gott! Es ist Vatertag! Wieder rennen die Herren der
Schöpfung dauerhaft- sinnentleert mit der Flasche am Hals durch die Stadt. Je
jünger, desto sinnloser!
Und wer bitte, denkt
sich eigentlich diese bescheuerten Sprüche aus, die auf den T-Shirts
geschrieben stehen, die knalleng dem Bierbauch so richtig schön Form verleihen?
„Bier formte diesen Körper!“ steht dort gerne mal geschrieben. Jawohl!
Darauf können die Väter stolz sein. Und es zeugt auch
überhaupt nicht von Intelligenz mit einem in alkoholgetränkten Reisenschnuller im Maul, so richtig die Sau
raus zulassen. Das ist es wohl, was einen Vatertag ausmacht.
Ich habe es gut. Ich bin kein Vater. Ich habe also einen
Grund dem ganzen Blödsinn zu entgehen. Aber halt! Da höre ich doch schon die
Frage von meinem Nachbarn Müller, wie ich den Herrentag verbringe? Herrentag?
Oh, Herr im Himmel. Da dachte Mann: Keine Frau, kein Sex, kein Kind, somit kein
Vater und damit auch glücklicher Weise kein Vatertag. Und da kommen die auch
noch auf die Idee, dem auch noch einen anderen Namen zu geben, damit die
gesamte Männlichkeit eingeschlossen wird.
Mich hat niemand gefragt, ob ich das will? Und: Ich will es
nicht!
Ich will nicht so tun, als ob ich in augenscheinlich fröhlicher
Herrenrunde mir die Birne zu knalle. Denn: Ich brauche keinen besonderen Tag
und keinen besonderen Grund, um mich zu besaufen. Und das schöne daran ist: Ich
muss nicht mal so tun, als ob ich gute Laune dabei hätte!
Protst!
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April 29, 2009 - Wednesday
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Kleine Eiszeit
Gebärfreudige Mütter, so 35 Jahre
alt plus X, die ihre Torschlusspanik glücklicherweise überwunden zu haben
glauben, stehen mit ihren Kinderwagen, vertieft in eines der wichtigsten
Gespräche überhaupt, mitten auf dem Bürgersteig. Wehe, man wagt es, in einem
solchen Augenblick um Platz für das Fortkommen zu bitten.
Neben den Kinderwagen oder manchmal
an den Händen besagter Frauen, die den Prenzlauer Berg erst erobert und
schließlich zu ihrer Hochburg erkoren haben, ist nun der ganz persönliche kleiner
Messias gerade damit beschäftigt, ein schönes Schokoladeneis vor sich
herzutragen.
Man möchte es kaum glauben und vom
Standpunkt erwähnter Frauen aus betrachtet, ist es geradezu dreist, dass ein
Mann es wagt, eilig dem Kind entgegen zu laufen. Er ist bekleidet mit einer
schwarzen Hose, einem schönen blauen Hemd, einer Krawatte, einem guten Sakko
und er trägt eine Aktentasche unter dem Arm. Die Dreistigkeit des
entgegenkommenden Mannes liegt einzig und allein in seiner Eile begründet.
An diesem Punkt dürfte jedem klar
sein, was jetzt passieren wird!? Und erst, als das schöne Schokoladeneis, sich
über einige unwichtige Bereiche des Oberhemdes und weite Teile der Hose
verteilt hat, fällt dem Herrn seine Unachtsamkeit auf. Dem Kind kann man da keinen
Vorwurf machen. Ist ja schließlich nur stolz mit dem Eis in Vorhalte kreuz und
quer, zwischen den schwatzenden Frauen und den Kinderwagen, über den
Bürgersteig gefegt. Nun steht es da und weint gar bitterlich. Im nächsten
Augenblick schreit es aus voller Kehle. Schuldbewusst beugt sich der Mann nun
weit nach vorn und entschuldigt sich bei dem Kleinen. Kann ja mal vorkommen,
oder?
Noch ehe der gute Mann mit
besudelter Hose, ganz einsichtig angesichts seiner Unachtsamkeit, der Mutter
des kleinen plärrenden Heiligenscheinträgers höflich das Angebot unterbreiten
kann, ein neues Eis am nahe gelegenen Eisladen zu kaufen, beginnt das ganz große
Geschrei.
Es ist wichtig und es muss unbedingt
an dieser Stelle hervorgehoben werden, es handelt sich dabei jetzt um das
Geschrei einer erwachsen Frau. Ob der denn keine Augen im Kopf hat? Was ihm denn
einfällt, einfach so blind über den Gehweg zu hasten? Schließlich, muss man
doch auf die Kinder achten! Der Man steht steif und schockstarr vor der Frau,
die ihre sehr laute Verbalattacke zusätzlich noch mit aggressiven Gesten
unterstreicht. Er sieht sich gezwungen, eine Pufferzone einzurichten.
Noch ist der Herr guten Willens. Er
will sich gerne entschuldigen. Und auch wirklich gerne will er ein neues Eis kaufen.
Und dass seine Sachen nun beschmutzt sind, stellt für ihn auch kein größeres
Problem dar. Er setzt erneut an, seinen Vorschlag an die Frau zu bringen...
Für den geübten Beobachter ist klar,
dass auch dieser zweite Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.
Vor allem angesichts der Tatsache, dass die Mutter mittlerweile in gleicher Tonlage,
wie des immer noch plärrende gottgleiche Kind, den armen Mann weiterhin anschreit.
In der irrigen Annahme, sein
vorübergehendes Schweigen könnte die Situation beruhigen, lässt er den
Wortschwall über sich ergehen. Weit gefehlt: Eine andere Frau, deren Stimme aus
den unergründlichen Weiten des immer voller werdenden Bürgersteigs
heranschallt, tituliert ihn nun laut als Schwein! Er möge sich jetzt sofort,
auf der Stelle, entschuldigen!
Er setzt erneut an, holt tief Luft…
Doch, sich der Unterstützung der umstehenden Frauen wohl bewusst, zetert Mutter
ohne Unterlass weiter. Das gottgleiche, mit dem Heiligenschein versehene und
vor allem vor Männern in Anzügen zu schützende Kind, hat es sich unterdessen
auf einem Treppenabsatz gemütlich gemacht. Es hat das Plärren längst eingestellt
und wendet sich anderen, gerade viel spannenderen Dingen zu. Ohne es zu ahnen,
wohnt ihm eine potentielle Vorbildfunktion inne und man könnte es einfach bei
dem derzeitigen Stand der Dinge belassen. Man könnte…
Seine Mutter jedoch plustert sich
nun todesmutig vor dem Mann auf, von dem alles andere, nur keinesfalls eine
Bedrohung ausgeht. Er seinerseits, hebt beschwichtigend die Hände. Es ist eine
verzweifelte Geste. Und in ruhigem Ton will er dem wiederholt einsetzenden
Gekeife begegnen. Er stellt mit einem mühevollen Lächeln fest, dass doch eigentlich
nichts geschehen sei und die ganze Aufregung überhaupt nicht von Nöten ist…
Wann sich die Mutter aufregt und was hier von Nöten ist oder was nicht, dass
solle er gefälligst ihr überlassen! Und darüber hinaus, fordere sie immer noch
eine Entschuldigung, die ja nun angesichts des dem Kinde zugefügten Leides, längst
überfällig wäre! Überdies wäre seine beleidigende Art ja wohl das Allerletzte!
Und auch dafür habe er sich gefälligst zu entschuldigen! Der Mann schaut ratlos
auf den Boden, wo sich die Reste des einst süßen Schokoladeneises langsam
verflüssigen.
Sie stößt ihn nun mit den
Fingerspitzen auffordernd vor die Brust. Bemüht holt er erneut tief Luft, setzt
an, um etwas zu entgegnen, als er im gleichen Moment verbal sehr unsanft darauf
hingewiesen wird, es gefälligst zu unterlassen, sie anzufassen. Er bricht auch
diesen Versuch ab und schaut lieber resigniert weiter dem dahin schmelzenden
Eis zu.
Aus der Gruppe, die den Herren bis
eben anstandshalber noch in einem respektablen Abstand umstellt hatte, tritt
nun eine zweite Mutter nach vorn und verstellt ihm nun ebenfalls den Weg. Das
alles obwohl, oder vielleicht gerade weil er keine Anstalten macht, die Flucht
zu ergreifen.
Ein Kindergarten und der Eisladen
sind nicht weit: also finden sich nach und nach, noch weitere Frauen ein. Aus
der Gruppe ist längst eine Menschenansammlung geworden und nun ertönt der Ruf,
dass solche Leute wie er, hier überhaupt nicht zu suchen hätten! Von irgendwoher
schallt das Wort „Wichser“ über das Geschehen hinweg.
An einen geordneten Rückzug ist längst
nicht mehr zu denken. Das Einzige was ihm jetzt noch bleibt, ist Fassung zu
bewahren und weiterhin auf einen günstigen Moment zu hoffen. Was jedoch mit der Hoffnung zuletzt
geschieht, ist ja hinlänglich bekannt.
Mittlerweile ist auf dem
Bürgersteig längst kein Durchkommen mehr. Und ein jeder, der jetzt noch mit
Kind und Kinderwagen dem Geschehen folgen möchte, muss zwangläufig mit den
billigen Plätzen vorlieb nehmen. Das bedeutet, man stellt sich einfach auf die
angrenzende Straße. Das veranlasst sie Autofahrer zum Hupen. Und das Hupen
wiederum, erzürnt selbstredend diejenigen, die es angesichts dieser Situation
für ihr gutes und mit Sicherheit irgendwo verbrieftes Recht halten, sich auf
der Straße aufzuhalten. Eine mütterliche Hand trifft in voller Wucht eine
nichts ahnende Windschutzscheibe. Was denn dem Autofahrer einfalle, brüllt die
eine. Eine andere schreit aus der Ferne, was er wage, hier zu hupen? Der Mann im
so getroffenen Automobil verschießt panisch alle Türen. Er hat die nahende
Gefahr sich zusammenrottender, wild gewordener Mütter erkannt. Auch die
dahinter befindlichen Autofahrer versuchen, sich nun ihrerseits in Sicherheit
zu bringen und verriegeln hektisch die Fahrzeugtüren, schließen eilig die
Fenster. Der eine, der durch ein gewagtes Wendemanöver zu entkommen sucht,
scheitert an einem im Weg stehenden Kinderwagen. Mit Kind! Er verharrt
ängstlich in zusammengekauerter Haltung und hofft, dass sie es ja nicht
schaffen werden, die Fahrzeugtüren zu öffnen.
Wütende Frauen und plärrende Kinder
haben die Strasse fest im Griff. An den Fenstern drängen sich die vorerst noch
neutralen Beobachter, und weil hier fast jeder was mit Medien macht, ist die
Presse längst vertreten. Die Schlagzeile einer großen Berliner Tageszeitung
wird morgen lauten: Brutaler Angriff auf Frauen - Schwere Ausschreitungen in
Berlin-Prenzlauer Berg. Ein beliebiger Leserreporter hat die Bilder bestimmt
schon gemacht.
Von Ferne hört man nun die Sirenen
der nahenden Staatsmacht…
Wie, Sie halten das für stark
übertrieben? Dann bitte ich Sie, machen Sie doch einfach einen Selbstversuch an
einem sonnigen Wochentag zur Feierabendzeit irgendwo rund um den Kollwitzplatz…
Viel Spaß! Sagen Sie aber ja nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.
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April 29, 2009 - Wednesday
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Herr Drossel fährt aufs Land
Edgar Drossel hat Urlaub. Um ganz genau
zu sein, es ist Sonntag und es ist sein letzter Urlaubstag. Morgen wird er
wieder seiner Arbeit nachgehen. Doch heute ist heute und das Wetter ist
wunderschön. Und wenn das Wetter schön ist, pflegt der Berliner ins Grüne zu
fahren. Das machen schließlich alle so! Also: Edgar Drossel macht es nicht
anders! Wie überall, gibt es allerdings auch hierbei Ausnahmen. Unzählige
Ausnahmen, denn es gibt erstaunlicher Weise, unzählige Mitbürger, die dann doch
auf die Landpartie verzichten. Die trifft man dann in den Grünanlagen der
Stadt. Meistens mit einem Grill, manchmal aber auch ohne. Und weil Herr Drossel
heute überhaupt nicht nach Kindergeschrei, Müttergeplärre und
Grillrauchschwaden zu Mute ist, steht er früh auf, setzt sich in sein altes,
sehr lieb gewonnenes Auto und fährt in Richtung Norden. Sein Ziel ist ein
kleiner Ort in Mecklenburg-Vorpommern.
Wann er sein Ziel erreicht, ist
Herrn Drossel eigentlich egal. Zum Mittag vielleicht oder auch später. Es
spielt absolut keine Rolle, denn Edgar nimmt sich fest vor, frühzeitig von der
Autobahn abzufahren und sich dank seines guten Orientierungsvermögens, über die
vielen kleinen Dörfer zu seinem Ziel, durchzuschlagen. Er will schließlich
etwas sehen. Und wenn ihm ein Ort gefällt, würde er anhalten und einen kleinen Spaziergang
machen. Oder auch nicht. Ganz wie es sich ergibt.
Die Autobahn liegt nun schon längst
hinter ihm. Die schlechten Brandenburger Strassen liegen vor ihm. Nein, jetzt
gerade liegen sie spürbar unter ihm. Edgar macht sich für einen Augenblick
Sorgen um sein Auto. Aber er ist recht
pragmatisch: Wenn es kaputt geht, dann ist es halt kaputt. Was soll weiter
sein… In Berlin geht es schließlich auch ohne.
Das Autoradio spielt ihm zu Gefallen
gerade recht entspannende Musik, als er von der einen Dorfstrasse anlässlich
einer Baustelle, auf eine andere Dorfstrasse umgeleitet wird. Umleitungen sind
für einen Berliner nun wirklich kein Problem. Die gibt es in der Stadt in Hülle
und Fülle. Sie tauchen in einer Geschwindigkeit auf, dass es nicht einmal mehr
sinnvoll ist, dem Verkehrsfunk zu lauschen. Und welche Umfahrung man dann auch
immer wählt: Es geht sowieso nicht voran! Aber immerhin, lernt man die Stadt
etwas besser kennen. Edgar Drossel kennt sich also damit aus und er ist gerade
sehr stolz darauf, als er mutig der ausgewiesenen Umleitung folgt und mit Schwung
die schlechte, aber immerhin geteerte Strasse verlässt und mit erschreckend lautem
Scheppern über fieses Brandenburger Kopfsteinpflaster holpert. Nun ist es ist
zwingend angezeigt, die Geschwindigkeit zu reduzieren und ebenso zwingend
geboten auf die Schlaglöcher und Mulden zu achten, die sich zwischen den
bisweilen schon überwachsenen Pflastersteinen verstecken und recht unerwartet,
vor allem für einen Großstädter recht unerwartet, aufzutauchen pflegen.
Herr Drossel vermindert seine
Geschwindigkeit erneut. Für die liebliche Umgebung hat er längst keinen Blick
mehr. Und leider auch nicht so recht für den Streifenwagen der Polizei, der ihm
gerade entgegenkommt. Edgar nimmt ihn lediglich zur Kenntnis. Er verschwendet
auch keinen Gedanken an die armen Polizisten, die sonntags in dieser Einöde
arbeiten müssen. Wie sollte er auch? Schließlich ist er gerade damit
beschäftigt, die Schlaglöcher auszumachen bevor er sie erreicht, um bei dem
dann folgenden Ausweichmanöver, garantiert ein anderes zu erwischen. Eines von
den gut getarnten.
Sein kleiner Ausflug gestaltet sich
an diesem Punkt doch deutlich anstrengender, als er es erwartet hätte. Von
lieblicher Landschaft keine Spur.
Herr Drossel wünscht sich gerade in
den Berliner Tiergarten zurück, als blinkende Blaulichter hinter ihm
aufleuchten. Er lässt den Streifenwagen passieren. Der setzt sich nun auch prompt
vor Edgars Wagen und blinkt jetzt zusätzlich noch recht unfreundlich mit den
Worten „Polizei, bitte folgen!“. Polizei. Na, wer hätte das gedacht!? Nicht
genug, dass das in großen Lettern auf dem Wagen steht?
Edgar Drossel folgt dem
Polizeiwagen weisungsgemäß, bis dieser endlich in einer kleinen, namenlosen
Ansiedlung zu stehen kommt. Zwei, drei Häuser konnte Edgar gerade noch erkennen
und eine Kirche, von der nur die Grundmauern die Zeit überdauert haben. Genau dort
kommen die beiden Fahrzeuge zum Stehen, irgendwo im brandenburgischen,
gottverlassenen Nichts.
Herr Drossel schaltet den Motor
aus. Stille umfängt das Geschehen. Die Sonne scheint herab. Herr Drossel wollte
noch Äpfel an den Alleen pflücken…
Ein behäbiger Polizeibeamter steigt
umständlich aus. Eine ebenso behäbige Kollegin folgt ihm. Der Beamte stellt
sich an die im vorauseilenden Gehorsam bereits heruntergelassene
Fensterscheibe. Die Hand hat er an der Waffe und seine Kollegin sichert die
Situation außerhalb von Drossels Blickfeld ab. Der Polizist steht einfach nur
da. Wahrscheinlich soll es ihm mehr Autorität verleihen und Herrn Drossel Zeit
geben, über seine Verfehlungen im brandenburgischen Straßenverkehr
nachzudenken.
Edgar Drossel ist sich keiner
Schuld bewusst! Abgesehen davon, kann der Dorfbeamte ihn überhaupt nicht
beeindrucken, denn mit der Staatsmacht kennt er sich aus.
Freundlich wünscht Edgar dem Herren
mit der langweiligen Uniform einen schönen Tag. Ohne seinen Gruß zu erwidern,
stellt der Beamte sich in bellenden Befehlston vor und verlangt ohne Umschweife
die Fahrzeugpapiere. Was zu erwarten war. Herr Drossel nickt sanft und reicht
die Papiere mit einem freundlichen Lächeln durch das geöffnete Fenster. Und weil sich Herr Drossel
mit der Staatsmacht auskennt, weiß er ziemlich genau, dass Freundlichkeit zwar im Ernstfall nicht unbedingt weiterhilft,
aber dass Freundlichkeit einen Polizeibeamten mehr ärgern kann, als verbaler
oder gar physischer Protest. Der dicke Dorfpolizist blättert in den Papieren,
umrundet langsam das Fahrzeug, und nimmt es mit seinem gründlichem Beamtenblick
von außen in Augenschein. Während dessen tritt nun die Beamtin von hinten wortlos
in Drossels Blickfeld. Mit der Hand an der Waffe und vermutlich mit
Rasierklingen unter den Armen, lässt sie Herrn Drossel nicht aus den Augen.
Edgar lehnt sich zurück und genießt
es, dass nicht er, sondern die da arbeiten müssen. Das mag auch der Grund gewesen
sein für diese Fahrzeugkontrolle. Denn wer hier als Polizeibeamter sonntags
durch die kopfsteingepflasterte Einöde zuckeln muss, kann einfach keine gute
Laune verbreiten. Er lächelt in sich hinein. Man stelle sich vor, die beiden
scheppern mit ihrem Polizeiwagen von Dorf zu Dorf und es gibt absolut nichts zu
tun. Die kennen ja schließlich jeden Stein, jeden Baum, jeden Menschen…,
einfach alles. Und dann musste halt mal eben der mit dem auswärtigen
Kennzeichen dran glauben. Wer kann es ihnen verübeln?
Nach dem der Dicke in das Funkgerät
gesprochen hat und das Funkgerät zurück gesprochen hat, dreht er sich zu
Drossel um und sagt: „Steigen Sie bitte aus dem Fahrzeug!“ Seine Kollegin tritt
einen Schritt zurück, um den Sicherheitsabstand zum gefährlichen Berliner
Subjekt zu wahren. Drossel öffnet langsam die Wagentür und steigt aus. Er
wartet. Der Beamte wartet. Die Beamtin sichert.
Plötzlich scheint die Phantasie
Edgar Drossel einen Streich zu spielen. Und was tut er? Da er gerade sowieso nichts Besseres zu tun hat, lässt
sich jetzt einfach mal darauf ein:
Der Beamte setzt seine Sonnenbrille
wieder auf und schiebt sich plötzlich seinen amerikanischen Cowboyhut ein klein
wenig mehr in den Nacken. Er wirkt jetzt noch dicker. Sein Colt hängt schief an
seiner Hüfte und der Sheriffstern funkelt drohend in der Sonne. Der Sheriff
mustert ihn langsam, mit versteinert finsterer Mine und wippt wissend langsam
mit dem Kopf.
Edgar muss hier den vermeintlichen
Bösewicht geben, das ist ihm klar. Auch er setzt eine rebellische, finstere
Mine auf, um dem Blick des Sheriffs begegnen können. Mit der rechten Hand
greift er nach seiner Hutkrempe und zieht sich seinen Cowboyhut tiefer in die
Stirn. In der weiten Ferne hört man einige Pferde. Der Hilfssheriff verfolgt
das Geschehen gelangweilt aus sicherer Distanz. Für einen kurzen Augenblick nur
scheint der Ausbruch von Gewalt unvermeidlich! Das ist dann auch genau der Augenblick, in dem die
Mundharmonikamusik tragend einzusetzen hat.
Der Sheriff schaut seinem Gegenüber
fest in die Augen, Schweiß rinnt über seine Stirn und er sagt in einem Ton der,
keinesfalls Widerspruch duldet: „ Fremder, verschwinde bis Sonnenuntergang aus
meiner Stadt!“ Dann spuckt der Sheriff auf den staubigen Boden.
Edgar nimmt den Rat an. Er hatte
wirklich nicht vor länger hier zu verweilen, verstaut die zurück erhaltenen
Fahrzeugpapiere in seiner Brusttasche und holpert weiter über das brandenburgische
Kopfsteinpflaster der Sonne entgegen. Er lächelt in sich hinein und sucht sich
einen Radiosender, der Countrymusik spielt.
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April 29, 2009 - Wednesday
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Solidarische Grüße an die Nachbarschaft
Heute habe ich meinen alten
Nachbarn Müller getroffen. Der kennt mich noch als kleinen, vorlauten
Dreikäsehoch. Als ich hier damals mit meiner Familie einzog, waren Müllers
bereits legendär. Was Müller sagte, war Gesetz! Der war früher mal Helfer der
Volkspolizei, danach war er was anderes oder auch gar nichts, aber eines war
er: ständig am Fenster Ausschau haltend, um uns Kindern das Leben so richtig
schwer zu machen.
„Das Fahrradfahren auf dem Hof ist
verboten!“ Ja klar, so stand es unübersehbar groß auf dem Schild geschrieben.
Allerdings, es machte uns viel mehr Spaß, den ollen Müller zu ärgern, als mit
dem Fahrrad zum nächsten Spielplatz zu fahren. Das Lärmen war sowieso verboten!
Und überhaupt: Wenn etwas, was wir Kinder taten, verboten war oder sich einfach
nur nicht gehörte, war es der Müller, der uns die Leviten las. Meistens hielten
wir uns auch daran. Wenigstens für einige Minuten. Dann war es auch schon
wieder vergessen und wir drehten mit unseren tollen Rädern weiter unsere Runden
auf dem Hof. Denn wir hatten sehr schnell begriffen, war Frau Müller daheim,
würde sie sich schon für uns Kinder einsetzen. Was sie dann auch meistens tat,
wenn ihr Mann, weit aus dem Fenster gebeugt, in seinem weißen Unterhemd versucht
uns lauthals Zucht und Ordnung beizubiegen. Spätestens aber, wenn auch Frau
Müller damit begann, uns zurechtzuweisen, dann wussten wir, wir hatten es jetzt
wirklich übertrieben.
Frau Müller ist schon vor einigen
Jahren verstorben, meine Familie ist längst ausgezogen, nur ich bin geblieben
und Nachbar Müller hat längst nicht mehr das Sagen. Das Regime haben nun andere
übernommen. Es sind die Mütter mit ihren Kindern, von denen man bisweilen den
Eindruck hat, dass ihnen alles, aber auch wirklich alles erlaubt ist. Nur das
weiße Unterhemd, das der Müller heute noch trägt, hat die Zeit überdauert.
Vor einiger Zeit hat sich der alte
Müller mal wieder getraut, sich über die Balkonbrüstung zu lehnen und doch um
Nachsicht für einen alten Mann zu bitten, da ja nun eigentlich Mittagszeit sei
und er gerne ein klein wenig ruhen wolle. Er brüllte nicht. Seine Bitte
schallte eher sehr resigniert über den Hof. Von seiner alten Stimmgewalt war
längst nichts mehr geblieben.
Ich hatte selbst schon überlegt, um
Ruhe ersuchen, denn ein Kindergeburtstag mit vielen kleinen Kindern und einem
Picknick auf dem Hof kann durchaus etwas störend sein. Ich fand seine Bitte
daher angemessen. Und als er noch meinte, die Kinder können ja gerne ab 15.00
Uhr weiterspielen, war mir endgültig klar: Müller war längst nicht mehr Müller
wie ich ihn einst kannte, sondern nur noch ein alter gebrechlicher Mann, der
ein klein wenig Rücksicht erwartet.
„Wenn Dich das stört, dann kannst Du
ja woanders hinziehen!“, ätzt eine der Frauen unten vom Hof zurück. Allein das
„Du“ fand ich gerade sehr unangemessen, aber weiter konnte ich mir keine
Gedanken machen, weil eine zweite Frau mit buntem Wickelrock einfiel: „Kinder
machen nun mal Krach! Daran musst Du Dich wohl gewöhnen! Aber was will man von
einem alten Blockwart aus dem Osten auch anderes erwarten.“
Sie dreht sich weg und stellt den
CD-Player mit den gellenden Kinderliedern demonstrativ lauter.
Ich muss zugeben, es fiel mir
wirklich nicht leicht, mich auf Müllers Seite zu schlagen, aber jetzt wurde es
auch mir zu bunt. Ich trat ans Fenster und meinte in meiner beschwichtigenden
Art, dass ich es auch sehr nett fände, wenn man wenigstens für ein Weilchen auf
die Musik verzichten könnte, oder vielleicht, das sollte ein Vorschlag zur Güte
werden, man doch auf den Spielplatz ausweichen könnte? Der befindet sich keine
zwei Minuten entfernt. Und ich hatte wirklich gehofft, durch meine unaufgeregte
Art, meine höflich-freundliche Stimmlage und dem Umstand, dass die
angesprochenen Mütter und ich eine Alterklasse darstellen, einen gewissen Erfolg
zu erzielen. „Dann kannste ja gleich mit ausziehen, wenn..s Dir nicht gefällt!“
Ich war etwas sprachlos.
Schließlich verließ ich das Haus
und überließ Müller das Schlachtfeld. Aber der hatte bereits kapituliert. Aus
seiner Wohnung drang leises Fernsehgeplapper. Er hatte sich längst damit
abgefunden, dass sein Wort nichts mehr galt in diesem Haus. Und ich ärgerte
mich über die maßlose Rücksichtslosigkeit der Frauen.
Einige Stunden später kehrte ich
zurück. Die Kinder waren noch immer erwartungsgemäß laute Kinder und die Mütter
immer noch laute Mütter. Die müssen doch glatt noch alle ihre Freundinnen
angerufen haben, denke ich so bei mir, denn auf dem Weg zu meinem Hausaufgang,
war kein ein Durchkommen mehr. Als ich mit einem rennenden Kind zusammenstieß,
blaffte mich die vermeintliche Mutter an, ich möchte doch gefälligst besser
aufpassen. Sämtliche Hauswände waren mit bunten Kinderkritzeleien verziert. Irgendwer
musste Wachsmalstifte in rauen Mengen verteilt haben. Der Hof war übersät von
Einweggeschirr. Aber Hauptsache, das ist ökologisch abbaubar. Aus den Kellern
trug man gerade viel unnützes Gerümpel heran, um für die lieben Kleinen schnell
eine Holzburg zu errichten. Ein Herr schleppte kistenweise Bionade heran, es
gab selbst gemachte Bowle, Kuchen vom Biobäcker nebenan, Grünen Tee ohne Zucker
und Tofuwürstchen vom Grill. Ein gerade eben
gegründetes Kinderorchester spielte schreckliche Kinderlieder schrecklich
falsch und schrecklich laut. Die Eltern standen ergriffen davor und lauschten
mit stolz geschwellter Brust ihren genialen Kinderlein und lobten lautstark die
hervorragende Ausbildung in der nahe gelegenen privaten Musikschule. Von der ist
nun wirklich nichts zu merken, dachte ich bei mir, als ich begleitetet vom
Dschingderassabumm die Treppen hinauf stieg.
Was ich mir jetzt ehrlich wünschte,
wäre eine Einladung mitzufeiern. Denn wer mitfeiert, den stört der Lärm
bekanntlich nicht so. Aber die, die dort unten feiern, sind die, die was mit
Medien machen. Und um dort dazu zu gehören, habe ich mich schließlich gerade
erst, vor wenigen Stunden, diskreditiert.
Zwei Tage später: Die Wachsgemälde
prangen noch immer an den Wänden, das biologisch abbaubare Einweggeschirr baut
sich ,eilig in einer Ecke zusammengefegt, immer noch biologisch ab und die
Holzburg dient jetzt auch weit entfernten Nachbarn als Abladestelle für
ausgediente Möbel.
Zwei Tage später also treffe ich
den alten Müller auf dem Treppenflur. Ich grüße höflich. Nicht zu grüßen, wäre
das größte Verbrechen in Müllers Augen überhaupt. Ich wende mich gerade zum Weitergehen,
als der mich der alte Mann am Arm erwischt und sich mit brüchiger Stimme bei
mir bedankt, für den Einsatz gegenüber den Müttern.
Dann zeigt er mir einen Brief von
der Hausverwaltung, worin man sich über ihn beschwert. Nicht nur, dass der alte
Müller sich erdreistet, mit einem modisch völlig überholten weißen Unterhemd
auf seinem Balkon zu sitzen. Sondern: Und das wäre schlichtweg der Gipfel der
Unmöglichkeit in einer zivilisierten Hausgemeinschaft, dass der Herr Müller es
wagt, seine Altherrenunterwäsche, sowie andere Kleidungsstücke zum Trocknen auf
seinen Balkon zu hängen. Dies sei für die Kinder ein unzumutbarer Anblick, und
dafür müsse die Hausverwaltung sorgen, dies mit sofortiger Wirkung zu unterbinden, sonst würde
man mit diversen Rechtsmitteln eine Strafbewehrte Unerlassung erwirken.
Auch ich war einigermaßen erstaunt.
Der alte Müller einfach nur noch ratlos. Er trottete resigniert die Treppen
aufwärts. „Ich werde sowieso bald ausziehen“, murmelte der Alte. „Zu meinen
Kindern, die haben ein Haus in Brandenburg…“
Aber bis das geschieht, beschloss
ich sehr solidarisch in diesem Augenblick, bis das geschieht liebe Freunde, hänge
ich meine Wäsche ebenfalls zum Trocknen auf den Balkon!
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April 29, 2009 - Wednesday
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Herr Drossel geht mal auf ein Bier
Edgar Drossel hat gerade seinen
langen Arbeitstag hinter sich gebracht. Sein erster Gedanke war, dass er es
sich nach dem Abendbrot in seinem Fernsehsessel gemütlich machen würde. Ein
Blick in das aktuelle Fernsehprogramm nötigte ihn jedoch, ernsthaft eine
Alternative in Betracht zu ziehen. Da man Entscheidungen keinesfalls übers Knie
brechen durfte, stellte sich Edgar erstmal auf seinen Balkon, zündete sich genüsslich
eine Zigarette an, nahm einen tiefen Zug und hatte damit seine Vorbereitungen
abgeschlossen, um sich jetzt in aller Ruhe dem Entscheiden zu widmen. Sein
Blick ging quer über den Hinterhof, der wurde einst saniert, war hell und grün
und wenn die Kinder nicht wären, von denen es jetzt immer mehr im Prenzlauer Berg
zu geben scheint, dann wäre das hier ein sehr schöner ruhiger Ort. Aber ein
einfach schöner ruhiger Ort reichte ihm auch. Mit den Kindern konnte Edgar
Drossel gut leben. Allerdings fragte er sich, während er von oben herab auf die
spielende Kinderschar blickte, zu wem diese Kinder dort unten eigentlich
gehören? Gerade wurde ihm bewusst, dass er kaum noch die Leute kannte, die hier
in immer kürzeren Abständen ein- und meist bald wieder ausziehen.
Früher war nicht alles besser, das
wollte er damit auf keinen Fall sagen, aber einiges schon! Das war eine seiner
Standardredewendungen, wenn er auf die alten Zeiten zu sprechen kam. Wen kannte
er denn noch in seinem Aufgang? Da ist im Erdgeschoß die arabische Terror-WG,
von denen man fast nie etwas hört oder sieht, aber immerhin riecht, wenn sie
kochen. Gegenüber wohnen die beiden Schwulen. Sind junge Leute…und halt schwul.
Sei es drum! Tun.. ja keinem was. Aber was weiß er schon, hat ja noch nie ein
Wort mit denen gewechselt. Darüber, in der ersten Etage, wohnt eine Familie,
die nie grüßt, mit einem Kind, das nie schreit und dann noch die Frau, die
irgendwas mit Medien machen soll. Die wohnt noch nicht lange hier. Und
vorgestellt hat sie sich auch keinem. Die muss Geld haben, denn ihre ganze
Wohnung hat sie sich selbst edel herrichten lassen. Zumindest wusste das der
Hausmeister zu berichten. Und der muss es schließlich wissen.
In der zweiten Etage wohnt die
Mutter mit dem Kind und dem Cello. Das Cello stört bisweilen. Aber wenigstens
grüßen die Beiden. Früher, nein die alte Zeit will er wirklich nicht
heraufbeschwören, aber früher waren die Menschen, die in einer Hausgemeinschaft
zusammenlebten, höflicher zueinander, stellte Drossel gedankenverloren fest.
Der Mutter gegenüber wohnt der alte Müller, der schon immer hier gewohnt hat. Ein
scharfer Hund war der früher. Hat immer für Ordnung gesorgt. War ja nicht das
schlechteste, aber heute ist der Müller nur noch ein alter Mann. Seine Frau ist
vor einiger Zeit verstorben. Und wenn Müller nicht so ein verbitterter Kerl
wäre, dann würde Edgar ihn auch öfter besuchen. Aber jetzt, wo keiner mehr,
kein Kind, keine Mutter, kein Hausmeister, kein Postbote, ja nicht einmal mehr
der entflohene Hamster von dem Cello- Gör gegenüber auf ihn hört, ist der
Müller nur noch unerträglich.
Gegenüber von Edgar Drossel wohnt
der Fotograf. Der ist wenigstens höflich und wohl erzogen. Der grüßt immer. Den
kennt Drossel seit seiner Kindheit. Ist halt so ein Künstlertyp geworden. Aber
nicht einer von jenen, die nur so tun als ob, sondern ein echter, mit allen
Ticks und Macken. Wenigstens auf dem Teppich ist er geblieben. Und das ist wirklich
schon viel wert hier im Prenzlauer Berg, wo alle was mit Computern oder Medien
machen. Der faselt immer was über Ideen und Projekte, mit denen er, Edgar
Drossel, der immer nur hart mit seinen Händen gearbeitet hat, bestimmt nichts
anzufangen weiß.
Früher traf man hier noch viele
Handwerker in dreckigen Sachen, wie sie morgens zur Arbeit gingen oder
nachmittags von der Arbeit kamen. Heute sieht man hier nur noch die jungen
Leute, die irgendwas mit Medien machen. Was soll das eigentlich bedeuten: was
mit Medien machen? Edgar Drossel versteht davon sowieso nichts. Edgar ist noch
ein echter Handwerker. Vielleicht der letzte seiner Art, hier in Prenzlauer
Berg.
Über ihm wohnen zwei Männer. So
reiche Schnösel. Sind gerade erst eingezogen und parkten mit ihrem schicken Auto
direkt auf der Einfahrt, so dass kein Mensch mehr daran vorbei kam. Dem
Kennzeichen ließ sich entnehmen, dass die beiden aus Stuttgart kommen. Die sind
bestimmt auch schwul. Was soll..s, Schwule gab es schon immer viele im
Prenzlauer Berg. Jedoch, das ist es nicht, was Drossel an den beiden Herren so
überaus störend findet. Nicht nur, dass sie nicht grüßen, oder sich gar bei
ihren neuen Nachbarn vorgestellt hätten, sie meinen hier absolut alleine zu
wohnen. Neulich wurde Drossel von den beiden in ihren teuren Anzügen
angeschnauzt, weil er nach 20.00 Uhr noch Musik gehört hatte. In was für einem
Ton. Was denken die beiden eigentlich, wer sie sind?! Edgar bekämpft die erneut
aufsteigende Wut mit der nächsten Zigarette. Kein bitte, kein höfliches Wort.
Mit der Polizei haben die sogar gedroht. Dabei wäre Edgar der Letzte, der nicht
mit sich reden lassen würde. Aber so nicht! Die sollen mal Hilfe vom alten Handwerker
Drossel brauchen. Ha, da können die aber lange warten! Jetzt straft Edgar sie
mit schlichter, kalter Missachtung. Und sollten die, mit ihrer teuren Karre
noch mal auf der Einfahrt parken, würde sich Drossel auch nicht zu fein sein,
und die Polizei über diese Ordnungswidrigkeit informieren. Mit keinem hier im
Haus würde er so etwas tun! Aber die beiden Schnösel aus der vierten Etage
hätten es verdient! Auch das Cello-Kind und deren Mutter, sind mit den Lackaffen
bereits aneinander geraten. Jetzt hieße es für alle eigentlich: zusammenhalten!
Früher wäre das… aber früher ist leider längst vergangen.
Und gegenüber von diesen beiden
reichen Schwulen wohnt, na wie sollte es auch anders sein, noch ein schwules
Paar. Das sind nette Leute, haben sich sogar allen Mietern vorgesellt, als sie
vor knapp einem halben Jahr eingezogen sind. Sind beides bodenständige Männer.
Aus Bayern wie es scheint, und sie machen glücklicherweise nichts mit Medien.
So viel steht fest. Aber was genau die beiden tun, das hat Edgar noch nicht herausgefunden.
Man müsste die einfach mal fragen?
Er wirft noch einen Blick auf die
Kinder, von denen nun langsam eines nach dem anderen nach Hause geht. Ein
warmer Sommerabend legt sich sanft über Edgars geliebten Berliner Hinterhof. Er
nimmt ein Buch zu Hand, setzt sich in seinen Gartenstuhl und macht es sich
gemütlich. Es ist weitestgehend Ruhe eingekehrt. Edgar wird erst einmal ein
bisschen lesen. Vorerst ist das seine Alternative zum geplanten Fernsehabend,
und später dann, so hat er sich gerade entschlossen, wird er in diese
Szenekneipe an der Ecke gehen. Die hat ja einen guten Ruf.
Nachdem Edgar schließlich genug in
seinem Buch gelesen hat, setzt er sein Vorhaben in die Tat um und schlendert in
die besagte Kneipe an der Ecke. Szenekneipen sind eher nicht so sein Ding, aber
was sollte er tun? Seine Stammkneipe hat schon vor Jahren geschlossen. Heute befindet
sich dort eine Pizzeria. Und da es fast nur noch Szenekneipen oder viel zu
teuere Restaurants, Schwulenkneipen, Darkrooms, Suhi-Bars und Pizzaläden und
hier gibt, muss sich Herr Drossel halt anpassen. So lange es nicht zu geleckt
aussieht und nicht zu viele Öko-Weltverbesserer dort herumsitzen, würde es ihm
schon gefallen.
Edgar Drossel betritt den Gastraum
und sucht sich einen von den Holztischen aus, nimmt Platz und bestellt sich
sein Bier. Es ist ziemlich leer im Gastraum. Ein Paar, einander zugetan, hat es
sich in der Ecke auf einem Sofa gemütlich gemacht, zwei Mädchen kichern
irgendwo und an der Bar, sitzen die Gäste, die hier bestimmt ein jeder kennt,
weil sie immer an der Bar sitzen. Er hätte auch draußen Platz nehmen können, auf
dem Freisitz, aber da war kaum noch ein Platz frei, es ist laut dort, nur junge
Leute, eng gedrängt, nein, danach stand ihm wirklich nicht der Sinn. Er genießt
lieber die Ruhe und sein Bier. Und was passt besser zu einem Bier, als eine
Zigarette. Aber seit kurzem muss man sich ja, wenn man diesem Laster frönen
will, fast jede Kneipe verlassen und sich vor die Tür begeben. Ein bisschen
diskriminierend ist das schon, findet Edgar, aber halt nicht zu ändern. Über
Sinn und Unsinn von diversen Gesetzen und Verordnungen macht sich Drossel schon
seit langem keine Gedanken mehr. Wäre ja nur reine Zeitverschwendung!
Er tritt vor Tür hinaus in die laue
Berliner Sommernacht und macht eine merkwürdige Beobachtung: Da es sich um eine
Eckkneipe handelt, gibt es folgerichtig auch zwei Eckkanten, entlang derer die
Tische für die Gäste aufgestellt wurden. Die linke Seite ist die, wo sich die
Menschen drängen, die rechte Seite ist vollkommen leer. Das verwundert auf den
ersten Blick. Und da Edgar immer noch nicht der Sinn nach lauter Gesellschaft
steht, entschließt er sich, auf der vollkommen leeren Seite, an einem der
Tische Platz zu nehmen, und dort in aller Gemütlichkeit zu rauchen. Kaum glimmt
das Feuerzeug auf, steht auch schon der Kellner oder Inhaber neben Edgar
Drossel und bittet ihn, doch den Tisch zu verlassen und sich zu den Gästen auf
der anderen Seite zu setzen. Edgar schaut den jungen Mann ungläubig an. „Nein,
mir is heut.. nich nach Jesellschaft zu Mute und ick würde doch gern hier meene
Zigarette rochen. Aber“, Edgar wurde gerade seine eigene Verwunderung über
diese Aufforderung bewusst, „warum soll ick det überhaupt tun? Hier is doch nu
wirklich jenuch Platz?“ Er schaut dem Kellner ins Gesicht. Der seinerseits
entzündet auch gerade seine Zigarette und erzählt, bestimmt schon um x-ten Mal
einem Gast, der sich wie Edgar Drossel einen ruhigen Platz, an einem der leeren
Tische auf der rechten Seite gesucht hatte, dass dies auf Grund von
Lärmschutzbestimmungen nicht gestattet sei! Edgar schaut weiter ungläubig. „Als
ob ick hier alleene Lärm machen würde?! Wer kommt denn uff sone dummen Idee?“.
Mit einer gewissen Verzweifelung in seiner Bewegung deutet der Mann auf das
Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite „Da wohnt ne Frau im zweiten
Stock, die ruft sofort die Bullen, wenn hier nach 23.00 Uhr noch jemand sitzt!“
Edgar folgt mit den Augen dem Finger. Ist doch sein Haus, wer sollte das denn sein,
fragt er sich insgeheim? „Die is gerade hier einjezogn“, fährt der Kellner
fort, „und hat uns gleich am ersten Tag die Bullen uff..n Hals jehetzt.“ Edgar
schüttelt ungläubig den Kopf „ Die soll sich mal nich so haben! Schließlich roche
ick alleene und dit nur schweigend!“
„Seien Se doch bitte so nett und
jehn Se einfach rüber“, erneuerte der Barmann seine Aufforderung, mit einer
hörbar verzweifelten Stimmlage. Bestimmt hat er solche Diskussionen auch schon mindestens
einhundert Mal heute hinter sich.
„Nee, sagt Edgar, „da rüber will
ick nich. Is mir zu laut. Dann roche ick lieber keene. Wissen Se, früher hätt..s
sowat nich jejeben. Früher, da war vielet schlechter, aber eben nich allet,
verstehn Se, da hätte man nich gleich die Bullen jerufen, da hätte man erstmal
miteinander jeredet und wenn et dann nich jeht, na dann. Aber heute…? Wat wolln
sone Leute hier? Im schicken Prenzlauer Berg wohnen, bei die Szene und die
Künstlers, und die, die wat mit Medien machen und so…, aber wenn..s mal lauter
wird fang se an zu heulen!“
Edgar war jetzt richtig sauer.
Jetzt versaut ihm auch noch so eine reiche Tussi seinen schönen Abend. Bestimmt
eine Zugezogene.
„Wissen Se, ick wohn in dem Haus
da. Wissen se denn jenau, wer det is? Dann könnt ick ja mal mit die reden. Weil,
reden hilft ja immer?“
Der Kellner zieht an seiner
Zigarette und bläst den Rauch verächtlich in Richtung der anderen Straßenseite.
„Det ham wa doch jemacht. Die Dame
kommt aus..m Rheinland und macht hier wat janz wichtjet beim Radio oder so. Und
globen Se mir, mit die kann man nich reden! Und leider is se och noch im Recht.“
„Quatsch! Im Recht“, unterbricht
ihn Edgar, „die is mit nen Klammerbeutel jepudert, da leben wolln wo richtich wat los is, aber bloß nich in meine
Umjebung. Son Qatsch! Det macht doch allet kaputt hier! Dann soll se sich doch
ne andere Bude suchen. Is ja nun nich so, das det keener sieht, das hier ne Kneipe
is, mit Freisitz und so. Hat ja schließlich jeden Tach uff der Laden von früh
um zehne. Komme ja hier immer vorbei, wenn ick von Schicht komme. Also ick lebe
länger hier! Und mir jefällt det mit die vielen Kneipen. Soll se doch nach..n
Grundewald ziehn!“
Edgar war gerade so schön in Rage
und der Herr Kellner erfreute sich gerade daran, einen Alteingesessenen
getroffen zu haben, was schon selten genug ist, den es ausnahmsweise mal nicht
stört, wenn eine Kneipe einen Freisitz betreibt.
„Wenn det allet mit dem Krach im
Rahmen bleibt, weeßte, und man mit..nander reden kann, is doch allet jut! Aber
sone Leute kann ick leiden!“, grummelt Edgar vor sich hin.
Keiner von den beiden bemerkt den
Streifenwagen, der hinter ihnen zum Stehen kommt. Erst als die beiden Beamten
näher treten, wird dem Wirt bewusst, dass die kleine Plauderei schon
ausgereicht hatte, um die Staatsmacht zu bemühen.
„Na klasse“, sagt Edgar.
„Hätten se bloß mal ausm Fenster
kieken müssen und wat jesacht, dann wärn wa och rin jejang..n, bellt er laut
über die Strasse den Fenstern gegenüber entgegen. Einer der Polizisten, legt
ihm sachte die Hand auf die Schulter. „Nu mal janz ruhig!“ Er seufzt und die
Unlust, an dieser Stelle seiner Tätigkeit nachkommen zu müssen, ist dem
Polizeiobermeister deutlich anzusehen. Er holt tief Luft und sagt das, was er
immer sagt in solchen Fällen: Das sei ein unerlaubter Lärm und es täte ihm sehr
leid, weil er ja keinen Lärm vernehmen kann, aber er müsse ja, weil es einen
Anruf gab, nur seinen Job machen. Und er bitte doch um Ruhe. Denn, sollte es
noch eine Beschwerde geben, müsse der Freisitz gänzlich geräumt werden.
Ausatmen. Seufzen. Der Beamte hat seinen Spruch aufgesagt und man merkt ihm
schon an, dass ihm das ein klein wenig unangenehm ist. Wenn es doch wenigstens
richtig laut wäre, dann hätte er auch was Richtiges zu tun gehabt. Oder einen
Räuber schnappen, aber so… An jedem Wochenende unzählige Lärme beilegen, weil gleich
nach der Polizei geschrieen wird, ohne auch nur auf die Idee zu kommen, den
Nachbarn einfach mal nett um Ruhe zu bitten…
Edgar drückt dem Wirt schnell das
Geld für das Bier in die Hand, die Lust auf einen gemütlichen Abend ist ihm
gründlich vergangen. Er schüttelt noch immer verständnislos den Kopf.
„Mensch Kinders, sowat hätt..s früher
wirklich nich jejeben! Als ob die Bullen nüscht Besseres zu tun hätten.“
Die beiden Beamten nicken und
schauen ihm nach. Der Wirt verzieht sich an die Bar und Edgar Drossel muss nun
wirklich feststellen, wie wenig er die Menschen, die um ihn herum leben noch
kennt.
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April 26, 2009 - Sunday
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Es ist ein sonniger und klarer, kalter Tag. Ein Tag voller
Termine. Fast im Stundentakt folgt ein dokumentationswürdiges Ereignis auf das
andere. Und immer stehen berühmte Persönlichkeiten der Presse Rede und Antwort -
oder wie in meinem Fall - sie lassen sich fotografieren. Weil ich im Grund ein recht
fauler Mensch bin, ist es sehr erfreulich, dass alle diese Termine in einem
recht kleinen, gut zu Fuß erreichbaren Radius um ein großes Hotel stattfinden.
Zwischendurch bleibt dann immer noch gerade genug Zeit, mal eine Zigarette zu
rauchen oder mit Kollegen zu schwatzen. Manchmal bleibt sogar Zeit für eine
Tasse belebenden Kaffee in einem der viel zu teuren Restaurants, Bars oder
Lounges. Einer Perlenkette gleich, reiht sich Lokalität an Lokalität, den
ganzen langen Straßenzug hinunter.
Am Hintereingang der erwähnten noblen Herberge, wo die Stars
in großen schwarzen Limousinen vorfahren, stehen nun die Fans mit Stift,
Zetteln und Kameras bewaffnet, allzeit bereit für den Ernstfall. Nähert sich nun
ein schwarzes Fahrzeug, kommt Bewegung in die dicht gedrängte Menge. Hält es
sogar innerhalb der Absperrung, bricht die Menge in vorhersehbarer
Regelmäßigkeit in ein verzücktes Geschrei aus, noch bevor der Wagen richtig zum
Stehen gekommen ist. Geradezu hysterisch wird das Geschrei, wenn der Verschlag
der Edelkarosse durch dienstbeflissen herbeigeeiltes Personal aufgetan wird.
Ich beobachte gerade dieses Treiben aus einiger und recht
sicherer Entfernung, lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen und ziehe
genüsslich an meiner Zigarette. Über der rechten Schulter hängt ein Fotoapparat,
groß und schwarz, bestückt mit der „langen Linse“. Über der linken Schulter
hängt noch ein Fotoapparat, der mit der „kurzen Linse“. Weil das die leichte
Knipskiste ist, hängt ebenfalls über der linken Schulter meine kleine Notebooktasche.
Um den etwas zu auslandenden Bauch hängen an einem Koppel noch einige Taschen
mit weiteren Objektiven und all den anderen notwendigen Kleinigkeiten. Eine
dicke Jacke schließlich schützt mich vor der Kälte. Ähnlichkeiten mit dem
Michelin-Männchen wären reiner Zufall.
Just ist die Zigarette unter meinem Schuh verstorben. Ich
nehme die Kamera mit der „langen Linse“ von der Schulter, hänge mir den
Schultergurt direkt um den Hals, so kann das teure Gerät nicht herunterfallen
und hebe schließlich den schwarzen Kasten vor die Augen, blicke hindurch und
schaue in aller Ruhe den Autogrammjägern zu. Ich schwenke nach rechts, nach
links, korrigiere die Schärfe, verändere mit dem Zoom den Bildausschnitt und
warte, bis mein Kopf mir sagt: Das ist jetzt das Bild. Lösen Sie bitte genau
jetzt aus. Klick. Ein Gedanke lässt mich kurz schmunzeln: Bei ganz tollen,
modernen Kameras wird diese Aufgabe bestimmt von Mini-Japanern übernommen. Die
hat man höchstwahrscheinlich in die kleinen Kameras gezwängt und die sagen dem Fotografierenden:
Bitte dlücken Sie jetzt! Angenommen nun, der kleine kamerainterne Japaner ist
männlich. Und es kommt eine schöne, eine wunderschöne, Frau des Weges: dlücken,
dlücken, dlücken!!!! Schnellel dlücken! Noch schnellel dlücken! Mein Lächeln
verfliegt…
Doch heute halte ich mich zurück mit dem Auslösen. Wenn ich
will, kann ich auch im Dauerfeuer. Gar keine Frage! Und wenn ich faul bin, dann
mache ich das auch …einfach drauf halten, nonstop bis die Speicherkarte qualmt!
Irgendwas wird schon dabei sein, das den Redakteur befriedigt.
Ich habe gerade ein letztes Bild gemacht, als eine ältere
Dame auf mich zukommt, sich mit sicheren Schritten in mein Sucherbild drängt,
für einen Augenblick scharf erscheint und sogleich in die Unschärfe gleitet und
schließlich vor mir steht. Aus dem Augenwinkel heraus hatte ich sie schon
bemerkt, wie sie gerade noch ein klein wenig verloren mitten auf dem Gehweg
stand und mit sichtlichem Interesse abwechselnd die wartenden Fans und mich
beobachtete.
Nun stellt sie sich dicht, viel zu dicht, ja geradezu
aufdringlich dicht neben mich und fragt mich, ich mit der Kamera immer noch vor
dem Auge, den Riemen noch nicht vom Hals:
„Wen haben Sie denn da gerade fotografiert?“
Ich antworte einsilbig und Abstand heischend: „Na, die Leute.
Wie sie da warten.“
„Auf wen warten die denn?“ Sie deutet mit dem Kopf in
Richtung der Menschentraube.
„Auf einen der Stars.“
„Ach die kommen wohl hier an? Wer kommt denn da?“
„Ich habe keine Ahnung.“, entgegne ich und trete erneut einen
Schritt zurück.
„Ach die wohnen wohl alle hier im Hotel?“ Und sie tritt
wiederum einen Schritt an mich heran.
„Nein, die gehen lediglich zur Pressekonferenz.“ Mein
Oberkörper biegt sich langsam nach hinten.
„Na die können sich das ja auch leisten hier zu wohnen. Und
sie wissen nicht wer da jetzt kommt?“
Das Ausweichen gebe ich vorerst auf, schaue höflicher Weise
auf einen Zettel, welche Pressekonferenz gleich beginnen wird und werfe den
Namen Martin Scorsese auf den belebten Bürgersteig und flüchte sogleich wieder
mit einem mutigen Rückwärtsschritt.
Sie nimmt die Verfolgung auf. „Wer ist denn das? Ein
Schauspieler, nicht?“
„Nein. Ein Regisseur!“
Sie, weiterhin in einer Vorwärtsbewegung: „Den kenn.. ich
nicht. Aber kommen denn hier auch Schauspieler?“
Ich, resigniert: „Ja, es kommen auch Schauspieler?“ Jetzt
werden irgendwie Erinnerungen an einen missglückten Tango-Tanz-Versuch wach.
Wollte damals eine Frau beeindrucken. Ich mache einen Schritt rückwärts. Sie
natürlich einen vorwärts.
Die Dame mit dem Kunstpelzkragen ist plötzlich wach und
munter: „Und man kann sich da einfach hinstellen und auf die warten?“
„Ja, das kann man.“
“Und, auf wen warten Sie jetzt gerade?“
„Ich? Ich warte auf niemanden.“
„Sind sie Papparazzi? Mit so einer großen Kamera? Sie warten
doch auf jemanden?“
„Ich warte doch aber auf niemanden!“
„Aber sie haben doch eben fotografiert? Ist denn da gerade
ein Star gekommen?“
Es ist ein hilfloser, verzweifelter Versuch meinerseits einer
Rechtfertigung meiner Anwesenheit: „Nein, ich habe doch nur die Fans
fotografiert.“
„Aber die sind doch nicht interessant?“
Gereizt und im wiederholten Krebsgang: „Für mich schon!“
„Aber da ist doch jetzt kein Berühmter dabei, oder?“
„Nein, nur die Autogrammjäger.“
„Und von wem haben Sie sich denn schon alles Autogramme geben
lassen?“
„Von niemanden!“
Sie nun mit einem süffisantem Lächeln und, das versteht sich
ganz von selbst, natürlich im Vorwärtsgang: „Na, die brauchen sie ja auch nicht.
Sie machen ja immer heimlich die Fotos. Und wen haben Sie heute schon alles
getroffen?“
„Niemanden!“
„Na gut. Wen haben Sie denn alles heut schon fotografiert?“
Ich denke kurz nach: „Natalie Portman.“
„Wer ist das?“
„Eine Schauspielerin!“
„Wo spielt die denn mit?“
„Keine Ahnung.“
Sie, mit so einer leichten Arroganz in ihrer Stimme: „Also
die kenne ich nicht. Und wen noch?“
Ich bin mittlerweile in eine gewisse gleichmütige
Gleichgültigkeit verfallen: „Tilda Swinton.“
„Wer ist denn das nun schon wieder?“
„Auch eine Schauspielerin.“
„Ist die berühmt?“
Ich entgegne ihr jetzt deutlich verzweifelt mit möglichst ausdrucksloser
Mine: „Ja, schon.“
„Die kenne ich auch nicht. Und wen noch?“
„Marie Louise Marjan!“, sage ich gereizt, in der Hoffnung auf
einen Treffer als letzten Ausweg. „Die war bei der Eröffnung dabei!“
„Ja die kenne ich!“ Sie strahlt. Und sie wirkt erleichtert.
„Die ist berühmt! Und die kommt jetzt hier raus?“
„Nein. Das war heute früh.“ Alle meine Hoffnung wird von den
vielen vorbeieilenden Menschen einfach mitgenommen.
„Aber die wohnt doch dann auch hier im Hotel?“
Meine Miene verfinstert merklich und ich möchte irgendwie
aggressiv klingen: „Nein, die geben hier nur ihre Pressekonferenzen“ (Auch wenn
Marie Louise das nicht noch nie tat.)
Plötzlich! Ein schwarzes Auto fährt vor. Das entzückte
Geschrei nach einem Autogramm setzt erwartungsgemäß ein und verebbt sogleich
wieder. Aus dem Auto steigt Neil Young und tritt schnellen Schrittes, ohne die
Fans auch nur eines Blickes zu würdigen, ins Hotel.
Die Frau mir gegenüber schaut dem Geschehen einen Moment lang
zu: „Und warum haben Sie den jetzt nicht fotografiert?“
„Weil ich keine Lust habe!“
„Ja, aber Sie warten auf die großen Stars.“
„Nein, ich mache Pause! Ich habe nur eine geraucht und wollte
nur einen Kaffee trinken gehen! Einen schönen Tag noch!“, sage ich jetzt sehr
bestimmt und trete mutig ich die Flucht an.
Ich gehe einen Schritt. Ich gehe einen zweiten Schritt und
dann, höre ich wieder ihre Stimme: „Entschuldigen Sie. Entschuldigen Sie bitte.
Für welchen Fernsehsender arbeiten Sie eigentlich?“
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April 26, 2009 - Sunday
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Es gibt ja auf Musikfestivals
"Diese" und "Jene". Und dann gibt es noch die Gesprenkelten
- das sind die Schlimmsten - und es gibt natürlich die Gäste, im Allgemeinen
lediglich Besucher genannt oder Konsumenten. Dann gibt es noch die Wichtigen
und die g2anz Wichtigen,“ die mit den Pässen um den Hals. Diverse Aufdrucke
darauf sagen aus, wer man ist und was, wenn man nun schon wer ist, was man denn darf. Wie nennt man dieses
Plastikkärtchen eigentlich? Die Experten sind sich in dieser Frage nicht so
recht einig. Also früher hießen die Dinger mal schlicht und ergreifend Pässe.
Im englischen Badge, sprich: Bädsch, was sich aus dem Munde eines Berliner
Sicherheitsbeamten auch schon mal so anhören kann: "Zeijense mal iha
bädtsche?"
Nun aber fix zurück zu
unseren Musikfestivals. Neu und gerade absolut, hyper und obermega im Trend ist
der, dem angelsächsischen entlehnte Begriff Laminate, sprich Lemminät. Wie das
Ding auch nun immer heißt - egal- jedenfalls gilt das nur und ausschließlich in
Verbindung mit einem farbigen Bändchen,
welches entweder zu weit oder zu viel zu eng um das Handgelenk
geschlungen wird. Trauen tut diesem Armschmuck eh keiner. Das Ding wird nie und
nimmer die erste Nacht, geschweige denn die morgendliche Dusche überstehen.
Komisch, sie tun es aber doch. Ich bin dann immer
völlig erstaunt, wie die Klebestreifen, denn nie gelingt es mir diese blöden
Teile passgenau übereinander zu heften, mit meiner Körperbehaarung ein inniges
Verhältnis eingehen. Das alles ist völlig Nebensächlich, wichtig ist die
Farbgebung dieser Bändchen. ...und warum zum Geier, gibt es dafür keine
trendige Bezeichnung? Egal!
Der junge Mann, seltener
jedoch die junge Frau, von der Security kann nun, an Hand der möglichen
Farbkombination aus baumelnden Plasikkärtchen und der Farbe des Bändchen
erkennen, zu welchen Bereichen der
jeweilige Träger Zugang hat. Kompliziert? In der Tat. Und selbst den
allerbesten Sicherheitsmenschen unterläuft dabei hier und da schon mal ein
Fehler.
Am Eingang: erst einmal
nestelt man unter seiner Jacke das Laminate hervor, erwürgt sich dabei mal eben
ein bisschen selbst, hält es dem Schrank mit dem bösen Blick hinter der dunklen
Sonnenbrille vor die Nase und macht ein Schritt in Richtung Durchgang. Das war
ein fataler Fehler. Der Schrank weicht
nicht. Und ehe man sich versieht bremst eine Hand vor Brust das Fortkommen.
Stimmt ja. Er hat ja noch nicht das Handgelenk gesehen. Die Hand schnell der
angenehmen Wärme der Hosentasche entrissen, den Arm mutig nach vorn gestreckt,
der Schrank gibt den Weg frei. Doch was ist das? Der letzte 10-Markschein
segelt zur Erde. Verflixt, die Kohle gehört in die andere Tasche. Will der auch
mein Fußgelenk sehen? Ihr wisst schon,
die dunkle Sonnenbrille. Diese Frage hat man sich nur zu denken.
Es gibt aber noch ein
weiteres sehr wichtiges Statussymbol. Die Bänder, (Welchen englischen
Fachausdruck gibt es dafür eigentlich?) die um den Hals baumeln, an denen die
Pässe, Laminates oder Badges befestigt werden. Wichtig sind hierbei folgende
Fragen: Von welcher Firma ist es? Ist es ein gekauftes aus dem Trendladen
nebenan? Etwa ein schnödes Stück Strippe an dem das Plastekärtchen baumelt?
Oder ist es ein seltenes Exemplar, das nur eventgebunden ausgehändigt wird oder
wurde? Alles Fragen, die die Welt bewegen.
Auch die Träger dieser Dinge
könnte grob in unterschiedliche Gruppen, mit folgenden Verhaltensmustern
einteilen: Fotografen nun tragen ihre Pässe gut sichtbar. Sie wollen ja wichtig
sein. Je mehr Pässe vor dem Bauch hängen - der Passwahnsinn schindet nämlich
Eindruck - desto wichtiger ist der Kollege. Als ob bis zu drei Kameras um den
Hals nicht ausreichen würden. (Ich kann euch sagen, dass gibt auf Dauer ganz
schöne Nackenschmerzen.)
Die schreibende Zunft
dagegen, versteckt die Pässe recht gern. In der Gesäßtasche oder so..., denn
sie arbeiten im Untergrund, am Puls der Zeit, mitten drin eben, und wollen
augenscheinlich auf dem gleichen Niveau sein, wie die Gäste, Besucher oder
Konsumenten genannt. Wenigstens für kurze Zeit bis es wieder in das VIP-Zelt
geht, an die dortige Bar oder für den Fall das Wasser vom Himmel fällt,
wenigstens ins Trockene. Solch ein Dingelchen um den Hals hat wahrlich seine
Vorteile. Und sie machen sich gut an der Wand - Sammelwut.
Für die Jungs auf der Bühne
sind die Pässe eher etwas lästiges, einfach nur notwenig, eher hinderlich bei
dem heranschleppen von Bühnenequipment. Nicht selten bleibt der, die oder das
Badge auch auf der einen oder anderen Box liegen, dem Monitormischpult oder wo
auch immer. Dann ist das Geschrei groß. Die Stagehands sind verzweifelt, die Securitys
genervt, wenn sie die Jungs mal wieder nicht an ihren Arbeitsplatz lassen
wollen und dürfen.
Künstler dagegen befestigen
die Pässe gerne an den Gürtellaschen, so dass sie tief hängen, fast auf dem
Boden schleifen. Einige haben schon eine wahre Kunst daraus gemacht bei jeden
Schritt, den sie im Backstagebereich zurücklegen, die Pässe mit den Knien zu
jonglieren. Stehen sie auf der Bühne, sind die Pässe, Badges oder Laminates
plötzlich verschwunden. Achja, die Musiker mit deutlich schwarzer, soll meinen
gruftiger Herkunft haben die Angewohnheit, die Teile um das Handgelenk zu
wickeln. Schön kurz angebunden, gerade recht, zum verstecken in den Ärmeln
langer schwarzer Ledermäntel.
Weitere Anwedungsgebiete der
Pässe: sie eignen sich zum reinigen der Fingernägel, McGyver würde damit Bomben
bauen oder wenigstens außer Gefecht setzen, sie machen sich gut als Lesezeichen
oder lassen sich ansatzweise als Eiskratzer einsetzen...
Mein Nachbar Müller meint
dazu:
Ich hab auch einen Pass. Den
muss ich aber bald verlängern lassen. Es ist Sommer und ich will nach Mallorca.
ts
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