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Marcus Staiger

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Last Updated: 5/18/2009

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Tuesday, October 27, 2009 
Manchmal geht man ein paar Monate lang nicht mehr zum Training, weil andere Sachen in dieser Zeit wichtiger sind. Schuldgefühle wechseln sich ab mit den Gedanken: Ich sollte mal wieder und irgendwann kommt es einem dann schon fast komisch vor, dass man früher 3 mal in der Woche in die Trainingshalle getapert ist und jetzt kommt man kaum noch von der Couch hoch. Irgendwann aber geht man doch wieder los. Die ersten Schritte tun weh. Man stellt fest, dass ausnahmslos alle, wirklich alle in der Zwischenzeit besser geworden sind und man selbst keucht, ächzt und stöhnt, die Bewegungsabläufe sind fremd. Alles fühlt sich scheiße an und trotzdem ist man froh, endlich wieder dabei zu sein und man stellt sich schon vor, wie man wieder so richtig zulangt, trainingsmäßig und dann… und dann… und dann… werde ich es allen zeigen.

Ein bisschen so fühle ich mich heute Nacht, wenn ich an diesem Blog sitze und mir den Kopf zerbreche, über was ich schreiben will, denn in der Hip Hop Welt passiert zwar manches, aber recht wenig spannendes. Das Thema hatten wir aber schon und deshalb schreibe ich heute über einen alternden Radio DJ, der am Wochenende bei einer Sendung im Deutschlandfunk war, wo er Musik mitbringen durfte, die ihm wichtig war und er dabei auch noch zwei Stunden lang interviewt wurde.

Alan Bangs ist ein englischer Radiomoderator, der beim britischen Militärradio BFBS in Deutschland angefangen hat, eine Musiksendung zu machen und später dann zum WDR gegangen ist. Er war relativ bekannt und hat in den 80er Jahren durch die Fernsehsendung Rockpalast geführt. Als WDR1 später in 1Live umbenannt wurde, musste Bangs gehen, weil es im neuen Sendeformat keinen Platz für ihn gab. – Schade.

Alan Bangs eröffnete die Sendung am Sonntag mit diesem Song:



Ich habe ehrlich gesagt nur so beiläufig hingehört aber als ich diesen Song hörte, wusste ich wieder, warum ich Musik mag. Was wichtig ist an Musik. Vielleicht geht’s Euch ja ähnlich.
Und als ich Alan Bangs über Musik habe reden hören, ist mir aufgefallen, dass wir bei den ganzen Diskussionen über Verkaufszahlen, Images und Single-Doppel.Premium-Editionen ein paar Sachen manchmal vergessen.
Diese jetzt zu erklären und tot zu analysieren nimmt dem Ganzen natürlich wiederum ein bisschen den Zauber und vor allem: Vielleicht finde ich hier Sachen cool und stelle Sachen vor, die ihr total schrottig und beschissen findet und überhaupt nicht nachvollziehen könnt. Das kann sein. Ich lehn mich mal trotzdem aus dem Fenster formuliere ewige Wahrheiten über das Musik machen und rekonstruiere nebenbei auch noch ein bisschen die Radiosendung vom Sonntag.

1. Musik kann ganz einfach sein. Nichts gegen technische Raffinesse und ausgefeilte Perfektion, aber manchmal reicht ein Beat und eine Stimme. Ist so.


 
2. Es gibt Momente, da ist alles gesagt und die Musik übernimmt. Das ist eine Kategorie, die im Hip Hop ein bisschen unterbelichtet ist, trotzdem ist es so.
Bangs bemühte dafür ein Neil Young Zitat: „where the pavement meets the sand“ und meinte damit, den Moment, wo die Zivilisation auf die Natur trifft, das Nachdenken auf das Gefühl oder eben die Worte aufhören und nur noch Musik übrig bleibt. Wie bei dem Stück “Naked As The Day You Were Born” von The Weather Prophets, das es im gesamten Netz nicht zu finden gibt, zumindest nicht in der 5 Minuten Version und auf die kommt es ja an, weil da ab der Hälfte die Gitarre einsetzt und oben beschriebener Effekt einsetzt. Tja, da müsste man sich echt die Single Version kaufen. Auf Vinyl. Als 12 Inch. Wahnsinn.

Dafür habe ich ein anderes Stück herausgesucht, das ich zum ersten mal gehört habe als ich in Dänemark in einem Hochregallager gearbeitet habe und nach zehn Stunden auf der Baustelle nach Hause gekommen bin.
Eigentlich ist das die perfekte Musik für eine Schlussszene bei „Krieg der Sterne“. Darth Vader ist besiegt. Die Helden marschieren ein und alle, alle, wirklich alle freuen sich. Lachende Gesichter. Konfetti. Umarmungen. Ach ist das schön und ich alleine in Dänemark. Im Winter. Auf Montage. Und es funktioniert ganz ohne Worte:



3. Musik muss unberechenbar sein. Ohne Taktieren. Ohne Kalkulation. Ohne Image oder Hintergedanken. Fließen lassen, oder so ähnlich. Die Perfektion gibt es nicht. Die Suche danach aber schon. (Und jetzt dimmt ihr ein bisschen das Licht und ich raune Euch ins Ohr): Und das ist das Geheimnis des Lebens.

Bangs legte Bob Dylan auf, weil Bob Dylan für so etwas immer gut ist und immer aufgelegt werden kann, wenn einem sonst nichts einfällt. Trotz allem ist Blind Willie Mc Tell ein beachtlicher Song. Dylan ließ ihn zwölf Jahre in der Schublade liegen, weil er einfach genug andere Sachen hatte, die er auf seine Platten packen konnte. Und irgendwann hat es dann gepasst. Einfach so. Gut.



4. Energie. Der Künstler muss es wollen. Es muss eine gewisse Dringlichkeit vorhanden sein.
Dafür steht dieser Song. Barra Barra von Rachid Taha. Ich finde den Song nicht mal besonders gut, aber ich finde es interessant, dass es solche Musik überhaupt gibt und deshalb spiele ich es so quasi auch.



So und um das Ganze nun auch noch Rapmäßig abzuschließen folgendes: Ich habe mich heute mit sido unterhalten und wir sind im Gespräch auf Nate57 aus Hamburg gekommen.
Und auch wenn ich mich jetzt hier noch ein bisschen weiter aus dem Fenster lehne. Das hat viel von den Punkten, die ich gerade aufgeführt habe. Und das hat nichts mit Straßenrap tot oder nicht zu tun. Rap ist Rap, obwohl es trotzdem ganz geil ist, dass das Video mal nicht im düsteren schwarz-weiß ist. Die Message ist es umso mehr. Peace!



Saturday, September 26, 2009 
So. Morgen wird also gewählt und es gibt da sehr unterschiedliche Haltungen im deutschen Rap Biz und es gab auch sehr schöne Aktionen innerhalb der Hip Hop Welt. So besuchten unsere Kollegen von 16bars.de zusammen mit dem Rapper Massiv den Grünen Vorsitzenden Cem Özdemir und hip hop.de fragte deutsche Rapper, ob sie zu Wahl gehen würden.

Genau diese Frage stelle ich mir jeden Morgen selbst und ab und zu tue ich auch so, als ob mich ein Fernsehteam begleitet aber anders als sido, finde ich keine eindeutige Aktion. Der Maskenmann ist sich seiner Sache ja sicher und wenn ich richtig informiert bin, dann kommt genau heute Abend, am 26. September auf  Pro7, die TV Dokumentation „Ick jeh wähln – sido auf dem Weg zu seinem ersten Mal“.

Nun mein erstes Mal liegt ein paar Jahre zurück und vielleicht liegt es ja auch genau daran, dass ich nun enttäuscht und desillusioniert in meinen morgendlichen Kaffee starre.

Fangen wir mal an.

FDP? Ganz ehrlich. Ich würde Guido Westerwelle nicht als Geschäftsführer eines Mittelständischen Unternehmens bestellen, vor allem nicht, wenn es meines wäre. Ich würde ihn auch nicht als Kommunikationsberater einer einigermaßen coolen Werbeagentur einstellen und ich würde mich auch äußerst ungern von ihm in Bankangelegenheiten oder Versicherungsfragen beraten lassen. Selbst als Wohnungsmakler wäre er mir unangenehm und wahrscheinlich könnte ich das vielleicht noch verkraften, weil ich weiß, dass man einen Wohnungsmakler nur ein einziges Mal in seinem Leben ertragen muss. Danach würde ich aber die Tür zuschmeißen, das Fenster aufreißen, das ekelhafte Rasierwasser/Eau de Toilette versuchen, wegzuwedeln, Räucherstäbchen anzünden, um die schlechte Aura zu vertreiben und den Mann vergessen. Aktiv vergessen mit einer halben Flasche Wodka. Froh, dass ich die Wohnung trotzdem habe.
Und so einen soll ich wählen? Das einzig Witzige an einer schwarz-gelben Regierung wäre die Kombination Frau als Regierungschefin und ein schwuler Außenminister. Dieses Team auf Staatsbesuch in Jamaika oder Iran. Das wäre der Hammer. Die Gesichter würde ich gerne sehen.

Die Grünen? Wenn ich an die Grünen denke, dann werde ich richtig sauer. Das liegt daran, dass ich sie wirklich mal mochte. So richtig. Das war machbar. Das war wählbar. Da fühlte man sich gut, wenn man aus der Wahlkabine trat. Das ist im Endeffekt praktische Politik, mit dem größten integrativen Charakter. Da habe ich noch am ehesten das Gefühl, dass man alte ideologische Muster über den Haufen wirft, um praktische Antworten auf existenzielle Fragen zu finden und trotzdem den einzelnen Menschen im Auge behält. Das fand ich gut. Aber was um alles in der Welt, was hat die Grünen geritten, als Regierungspartei den Kampfeinsätzen der Bundeswehr in Serbien zuzustimmen? Warum sind die ersten Kriegshandlungen von Deutschen Soldaten nach 1945 von einer rot-grünen Regierung beschlossen worden? Das frage ich und darunter leide ich. Richtig. Die Grünen sind Opfers.  

Die Linke? Hör mir uff. Die Linke hat einen selbstgerechten, populistischen Vorsitzenden, der sich nicht scheut gegen Fremdarbeiter zu hetzen, wenn es gerade ins Konzept passt. Die Linke wirbt mit "Reichtum für Alle“, regiert seit Jahren mit, hier in Berlin und streicht auch hier munter weiter die sozialen Ausgaben. Warum sollte man die Linke wählen? Wegen Gregor Gysi? Ein Argument. Zehn dagegen.  

Die CDU/CSU? Eine Partei die aalglatte Arschlöcher… Roland Koch, Jürgen Rüttgers, Peter Ramsauer, Christian Wulff, Friedrich Merz sind führende Köpfe in dieser Partei. Unwählbar.
Eine Partei, die uns einen Wirtschaftsminister präsentiert, als großen Hoffnungsträger, dessen einzoge Qualifikation darin besteht, dass er ab "1994 in die Leitung der familieneigenen Münchener Beteiligungsgesellschaft Guttenberg GmbH eingebunden [war], deren Aufgabe die Verwaltung des EIGENEN Vermögens war.“ (Quelle: Wikipedia)
Freunde. Ich habe auch schon ein eigenes Sparbuch verwaltet und BWL studiert. Darf ich auch Bundeswirtschaftsminister werden? Das ist doch ein Witz?
 
Und wo wir bei Witzen sind. Piratenpartei? Das ist doch ebenfalls einer, oder? Wenn ich die selbst gesprühten Wahlplakate anschaue, dann denke ich mir, dass mir das alles zu sehr nach Patschuli und Dreadlocks aussieht. Ich weiß, ich bin ein oberflächlicher Mensch. Das tut mir leid. Trotzdem nicht.

Die Partei? Beste! Würde ich wählen. Nicht zugelassen. Deshalb Wahlbeobachter der OSZE im Land. Hervorragend. Ich bin für die Stationierung von Blauhelmsoldaten in Deutschland. Wählen müsste gefährlicher werden, dann würde vielleicht tatsächlich der Effekt einsetzen: „Na wenn’s gefährlich ist, dann bringt es vielleicht doch was, da machen wir doch wieder mit.“ Vielleicht sogar ich auch.       

Zu guter Letzt die SPD? Ach die SPD. Manchmal denke ich mir, dass man schon rein aus Mitleid für die SPD stimmen könnte. Was ist aus der einst so stolzen Arbeiterpartei geworden? Ich würde gerne in dieser Erinnerung schwelgen mit Bildern von Männern, mit starken Unterarmen, die einen Hammer in der Hand halten und stolz darauf sind, Arbeiter zu sein. Working Class Stolz eben. Aber dann schaue ich auf Franky. Und dann sehe ich ihn, wie er auf dem Wahlplakat in Schlips und Hemd, einem Arbeiter beruhigend an die graue Arbeiterjacke fast und im Hintergrund glüht ein Hochofen und dann… dann überkommt mich Traurigkeit, weil das alles nicht mehr real ist. Weil Herr Steinmeier auf dem Plakat so fehl am Platz aussieht, weil die Parteien immer noch davon träumen, dass sie diese Art von Arbeit zurück nach Deutschland holen können und die Leute immer noch so rückwärts gewandt sind, dass sie den Politikern glauben schenken, die ihnen die meisten Arbeitsplätze in der Produktion versprechen.

Das wird aber nicht mehr passieren. Das ist alles Quatsch. Es gibt KEINE Arbeit mehr, wie wir sie kennen und die Partei, die das als erstes eingesteht (plus der Erkenntnis, dass wir ein Einwanderungsland sind, plus dem Bekenntnis zum Pazifismus) die würde ich auch wieder wählen.

In Berlin gibt es ab nächstem Jahr in den weiterführenden Schulen nur noch zwei Schulformen. Gymnasium und die integrierte Sekundarstufe, auf der dann all jene zur Schule gehen, die früher auf Real oder Hauptschule gegangen wären. Das Angebot dieser Schule liest sich super. Kleiner Klassenstärken. Individuelle Betreuung von 2 Lehrern pro Klasse. Die Möglichkeit nach der zehnten Klasse weiter und nach 13 Jahren das reguläre Abitur zu machen, was bedeutet, dass man auch noch später die Chance auf einen höheren Bildungsabschluss hat, auch wenn man erst einmal nicht fürs Gymnasium empfohlen wurde, und so weiter und so fort. Das klingt klasse.
Auf die konkrete Nachfrage, ob konsequent zwei Lehrer pro Klasse eingesetzt werden, geriet der Herr vom Schulamt leicht ins Stottern und gab zu, dass er sich das aus Kostengründen nicht vorstellen könne.
Daraufhin konnte ich mir aber vorstellen, dass es in Klassen von 25 und mehr Jugendlichen mit sehr unterschiedlichen Leistungsniveaus zu relativ großen Schwierigkeiten kommen wird. Um wen soll sich die einzelne Lehrkraft denn kümmern. Um die Schnellen? Dann randalieren die Langsamen. Um die Langsamen? Dann langweilen sich die Schnellen und bauen Scheiße.

Seit Jahren ist der soziale und der Bildungssektor unterfinanziert und unterbesetzt. Die Menschen, die dort arbeiten kriegen viel zu wenig Geld, sie kriegen viel zu wenig Respekt und die meisten sind nach ein paar Jahren so aufgebraucht, abgegessen und überfordert, dass selbst der Motivierteste irgendwann einfach nicht mehr kann.

Fangt an, in diesen Bereich zu investieren und redet nicht nur. Gebt zu, dass es keine klassische Arbeit, wie wir sie uns träumen, mehr gibt. Sorgt dafür, dass all jene, die aus den unteren Einkommensschichten kommen, wirklich und zwar wirklich die Chance haben, sich an dieser Gesellschaft aktiv zu beteiligen.

Falls nicht, fliegt uns das Problem in zehn, 15 oder 20 Jahren um die Ohren. Und das wird dann nicht mehr Gangster- oder Battlerap heißen, sondern Gewalt, Raubüberfälle, Überwachungsstaat und Stadtteile in die wir nicht mehr gehen können oder aus denen wir nicht mehr herauskommen. 

Und so lange das nicht bei irgendeiner Partei im Wahlprogramm steht und so lange das nicht von irgendeiner Partei auch mal konsequent umgesetzt wird… so lange hätte ich die Autonome Pogo Partei Deutschlands gewählt. Aber auch die sind nicht mehr dabei. Schade.

Spricht alles dafür, es wieder mal selber zu machen. Dürfte man halt nicht vergessen. Übermorgen. Wenn alles wieder vorbei ist.

Yo!




Wednesday, September 16, 2009 
Markus Sch. posierte da nicht nur mit finsterem Blick und dem tätowierten Schriftzug „Hip Hop“ auf einem Arm. Er gab in einer Art Selbstauskunft auch preis, „wen will ich mal treffen“: Rap-Helden wie Snoop Dogg, Dr. Dre, Tupac, Eminem und Azad. Azad droht in einem Lied: „Ich hämmer dir die Zähne aus deiner verfickten Fresse“. Und: „Du kleiner Pisser, ich bin Killer und radier dich aus“.
Der Tagesspeiegel, Berlin, 14.09.2009

„sowas ist dir eine nachricht wert staiger? berichte doch lieber über deine kinder die in der ubahn menschen tot schlagen. ganz nach DEINEM motto probleme mit gewalt zu lösen“
Kommentar zu einer News bei rap.de am 14.09.2009

„Er ist tätowiert, auf seinem Unterarm steht in große Buchstaben „Hip Hop“ geschrieben.“
BILD.de am 14.09.2009 um 16:15 UHR

„Ich sitze hier. Ich lese meine Zeitung. Irgendetwas ist komisch da vorne im Abteil. Das gefällt mir nicht. Die zwei Typen… und wie sie mit den anderen reden. Es ist laut. Hektisch. Ich spüre diese Stimmung. Das ist nicht normal und ich sehe auf von meiner Zeitung. Ich beobachte. Ich merke meine Anspannung. Das ganze Abteil ist angespannt. Ich täusche mich nicht. Die zwei Typen machen die Kinder an. Jetzt ohrfeigt der eine den Kleinen. Ich stehe auf. Das ist normal. Jeder würde so handeln und ich rufe die Polizei an. Mit klarer Stimme gebe ich dem Polizisten genaue angaben, was da gerade passiert und bitte, dass sie einen Streifenwagen zur nächsten Station schicken lassen. Ich mache mir gar keine Gedanken. Ich muss einschreiten das ist normal. Dann stehe ich auf und gehe nach vorne. Ich schreie: „Lassen Sie sofort die Kinder in Ruhe! Was soll das? Gehen Sie zurück“ Es ist ganz normal und natürlich. Ich muss mich nicht überwinden. Das sind 17 jährige Typen und ich habe keine Angst. Ein bisschen bullig vielleicht, aber ich bin ein erwachsener Mann. Meine Stimme ist klar und fest. Ich sieze sie, damit sie merken, dass ich das nicht für einen Scherz halte. Ich verschaffe mir Respekt und ich stelle mich vor die Kinder. Es funktioniert. Die Typen weichen zurück und ich frage die Kinder, ob alles in Ordnung ist und dass wir an der nächsten Station aussteigen müssen. Dankbar schauen sie mich an und ich fixiere die beiden Jungs. Sie starren mich an. Laut sage ich, dass am nächsten Bahnhof die Polizei da sein wird. Ich fühle mich sicher. Aber ich bin gewarnt. Die beiden sind dumm und dumme Menschen sind gefährlich. Außerdem sind sie dicht. Ich sehe wie der eine dem anderen etwas zuflüstert. Das muss ich jetzt aushalten. Diese Spannung muss ich aushalten und ich sehe, wie die anderen Fahrgäste sich winden. Sie sind erleichtert, dass sich jemand um die Situation kümmert. Ab jetzt haben sie nichts mehr damit zu tun. Scheiße. Keiner da, den ich um Hilfe bitten könnte. Egal. Die Polizei ist verständigt. Ich habe keine Angst. Ich habe keine Angst.
Wir fahren in den Bahnhof ein. Mit meinen Blicken suche ich die Polizei. Noch nicht da. Nun gut. Wir werden warten. Ich hoffe sie kommen gleich.
Da sin keine Bullen. Der lügt der Hässlige. Der hat nich die Bullen angerufen. Voll der Opfertyp. Ich sage zu Hannes was. Ich sage, dass der gar nich die Bullen angerufen hat und dass er dafür ein paar Schellen kassiert. Voll Opfer der Typ, aber der soll sein Maul nich so weit aufreißen. Bullen. Ich scheiß auf die Bullen. Opfer. Der Typ kriegt Schläge. Einfach so. Ein, zwei Schellen und dann so richtig Bombe. Ich zieh meinen Schlüssel aus der Tasche. Schade, dass ich kein Messer hab. Dann würd ich ihn stechen, aber Messer kann ich mir nich leisten. Zu gefährlich. Bewährung und so. S-bahn hält. Voll der Typ steigt aus mit den anderen Opfern. Da sin keine Bullen. Ich seh nix. Keine Bullen da. Haha. Wir gehen auch raus. Der Typ guckt und ich schlag ihm die Erste auf den Kopf. Die Tür geht zu von der S-Bahn und fährt weiter. Der Typ dreht sich um. Klatsch, die erste in die Fresse. Wenn du das erste mal machst, dann ist das komisch. Geht voll leicht, und ist so ein komisches Geräusch. Ich finds voll geil und Hannes drückt ihm eine in den Bauch. Klappt voll zusammen der Typ. Hahahaha. Kenn ich. Is jetzt ein bisschen wie Sparring. Kannst du voll ausprobieren und ich mach so ein Drehkick mit mein Bein. So richtig Jean Claude Van Damme mäßig und ich treff voll seine Brust. Hannes kloppt noch ein bisschen auf ihn ein und der Typ fällt so. Er fällt mit sein Kopf nach vorne und landet auf dem Bahnsteig. Voll das Opfer. „Was jetz du Opfer! Was große Klappe und die Bullen sin da? Was mischt Du dich überhaupt ein du Spast? Hier sin keine Bullen du Opfer“ Hier! Sind! Keine! Bullen!“ Und jedes Mal tret ich mit meinem Fuss auf ihn ein. Idiot! Voll der Spinner. Was denkt er, wer er is? Supermann oder so. warum mischt sich der Idiot überhaupt ein. So ein Krüppel. Blaulicht! Polizei. Sirene. Scheiße. Der Typ hat wirklich die Bullen gerufen. So ein Idiot. Wir müssen weg. Die anderen schauen uns an. Voll die Idioten. Die haben nix mehr gemacht. Jetzt seh ich sie zum ersten mal wieder. Sind auch noch andere Leute auf dem Bahnsteig. Haben alle nix gemacht. Wir müssen weg. Scheiße. Die haben uns alle gesehen. Egal. Wir sind eh nicht von hier. Die kennen uns nich, aber wir müssen weg. Scheiße. Der Bahnhof hat nur ein Ausgang. Egal. Wir rennen über die Gleise. Da drüben ist eine Straße. Da müssen wir hin. Komm Hannes, aber Hannes rennt in die falsche Richtung. „Hannes!“, brülle ich. „Du Idiot. Komm hier!“ aber bis er kommt seh ich schon den ersten Bullen auf der Treppe. Scheiße. Der Typ liegt immer noch auf dem Boden. Scheiße. Er bewegt sich nich. Ach komm. So hart habe ich gar nich geschlagen. Spast. Steh auf. Wir müssen weg. Schnell. Hannes komm. Über die Gleise. Schnell. So ein Idiot. Der is viel zu fett und zu langsam. Schneller. Da über den Zaun. Schneller. Die sind hinter uns her. Schuhe auf den Steinen. Eigentlich find ich das Geräusch voll geil, wenn man so über die Schienen rennt. War so beim Sprühen, ein bisschen. Hat immer voll Spaß gemacht, aber die sind schnell. Das sind keine Ziften von der Bahn, das sind Bullen. Warum sind die so schnell. Komm Hannes mach los, Geh rüber über den scheiß Zaun. Ich falle. Nach vorne. Das Arschloch hat mir ins Kreuz getreten. Voll der Wichser. Aber ok. Is halt so. Is ja auch nich zum ersten mal so. Ich falle in den Zaun un der Typ is genau hinter mir. Hannes zerren sie vom Zaun. Voll der Idiot. Der war doch schon fast drüben. Opfer! Mir drehen sie den Arm auf den Rücken. Aua. Is doch ok. Hey nich so brutal. Is doch gut. Ich gebs ja zu. Ich wehr mich doch gar nich. War doch alles nur ein bisschen Spaß. Hey. Ich hab doch gar nix gemacht. Und es is so wie jedes Mal. Kenn ich ja alles. Verhaften. Fotografieren. Daten aufnehmen und dann wieder dieselbe Scheiße. Alles schon mal dagewesen. Alles so wie immer.“

Ich weiß nicht, ob Rap dafür verantwortlich ist. Ich weiß nicht, ob Snoop Dogg, Tupac oder Azad hier irgendetwas tun hätten können, um das zu verhindern. Ich weiß nicht, ob der Typ einen Gangsterrap Text im Kopf hatte und sich wie Scarface fühlte, als er versucht hat, 13-jährige abzuziehen. Das einzige, was ich weiß ist, dass es Rap sehr oft nicht schafft, diese Situationen so dazustellen, dass man das fühlen kann. Dass Menschen andere Menschen zusammen schlagen und Gewalt ausgeübt wird, konnten weder die Beatles noch Bob Dylan noch Blumentopf verhindern und ein Land, das Bomben auf 50 Zivilisten wirft, kann das auch nicht.
Auf jedem westfälischen Dorffest werden Leute verprügelt. Hinter jeder dritten Wohnungstür werden Frauen und Kinder malträtiert und jugendliche Täter überfallen unbeteiligte Passanten sogenannte Opfer. Anscheinend heute weniger als vor 20 Jahren, so zumindest die offiziellen Statistiken. (siehe Tagesspiegel vom März 2009)

Aber das hilft alles nichts. Ein Mensch ist tot und keiner kann ihn zurückbringen.
Dieses Leid. Dieser Verlust und dieser Schmerz werden auch die Täter treffen, die ihr ganzes Leben damit versaut haben. Dieses Leid, diesen Schmerz, die Trauer und die Wut, das müsste man darstellen, wenn man Rap macht. Wenn man Kunst macht. Wenn man Kunst machen will und wenn man das notwendige Talent dafür hat.

Und das ist das einzige, was ich Hip Hop manches mal vorzuwerfen habe. Da ist kein Talent. Da ist kein Mitfühlen. Kein Wille zur Kunst. Da ist nur oberflächliches Phrasengedresche, das man sich überstreift, wie eine schlecht sitzende Jacke.
Das der Mensch voller Abgründe ist, ist nicht das Problem der Kunst und keine Kunst wird dies jemals verhindern können. Dass man diese Abgründe aber zu einem gewissen Teil nachvollziehen und dadurch miterleben und lernen kann, das könnte Kunst leisten. Diese Abgründe allerdings als pure Oberflächenbelustigung zu präsentieren ist dumm.

Ebenso dumm ist es aber auch wenn nun die CSU betont, dass man den Fall in den Wahlkampf hinein nehmen möchte und wenn nun wieder alle nach dem starken Staat, mehr Polizei und härtere Strafen schreien. Wenn die CDU/CSU betont  „hier habe die SPD schwere Schuld auf sich geladen“ und dass man dem Opfer gegenüber eine Diskussion über härtere Strafen schuldig sei.

Das ist eine Frechheit und eine Verhöhnung des Toten!

Wie man einen solchen Text nun beendet, weiß ich ebenfall nicht genau. Vielleicht Beten, wenn man ein Gebet kennt.

staiger
Tuesday, September 08, 2009 
Eins Vorweg. Ich mag Bushido. Bushido hat sich immer korrekt verhalten und selbst zu Zeiten, in denen Royalbunker mit Gesamt AGGRO richtig Streit hatte, war er der einzige, der zu uns rüber kam auf dem Splash und ganz normal mit uns geredet hat und das waren wirklich verhärtete Zeiten.
Bushido
ist auch einer der wenigen, die direkt auf dich zukommen, wenn sie ein Problem mit dir haben. Dabei ist er manchmal ein bisschen schizophren und schießt übers Ziel hinaus, aber im Endeffekt finde ich das immer noch besser, als anlächeln und hintenrum das Messer reindrehen.
Es ist auch nicht immer angenehm, wenn man auf einer Party ist und plötzlich schreit einen jemand an, aber gut, damit muss man leben. Wer austeilt muss auch einstecken können und wenn sich jemand ärgert, dann darf er auch rumschreien, obwohl ich nie schreie. Staiger aka The Lamb.

Ich mag auch Fler. Ich habe Respekt vor Fler. Ich mag Fler als Privatperson und sehe, wie sich ein Typ, der es wirklich nicht leicht hatte und dem es an vielen Stellen im Leben nicht leicht gemacht wurde, wie dieser Typ einfach alle seine Kraft zusammen genommen hat und es geschafft hat. Auf irgendeine Art doch geschafft und es allen gezeigt hat. Ich kenne Leute, die immer über Fler gelacht haben. "Hahahaha Fler. Fler hat dies. Fler hat das. Wir haben mit Fler das und das gemacht.Fler ist zu irgendeinem Zeitpunkt seiner Karriere einfach an ihnen vorbei gefahren. Hat aus dem fahrenden Auto gewunken und konnte einfach sagen: "Tschau ihr Penner.“ Und die Penner schauten ihm hinterher und träumten davon, dass das doch der Typ war, den sie früher immer verarscht haben: "Hä. Was ist denn jetzt los? Verkehrte Welt oder was?“ "Eigentlich“, dachten sie, "eigentlich müssten doch wir in diesem Auto sitzen“, saßen sie aber nicht und Fler lachte.

Ich mag auch Kaisa und sido und B-Tight und all die anderen aus der Berliner Hip Hop Szene, die etwas machen und etwas schaffen. Jeder auf seinem Niveau und wenn ich mir das neue Video von Imbiss Bronko anschaue, dann finde ich das in seiner Einfachheit einfach genial. So etwas kann eigentlich nur entstehen, wenn man in seinem Kopf eine fast Zen-buddhistische Ruhe zustande bringt und man den Gedanken freien Lauf lässt. Großartig.

Ich mag auch viele andere aus der deutschen Hip Hop Szene. Vielleicht mag ich die Schwierigen mehr als die Glatten. Manche mag ich überhaupt nicht. Meistens mag ich die nicht, von denen ich denke, dass sie sich nicht richtig einschätzen können, dass sie nicht wissen, was sie da sagen und ungerechtfertigter weise arrogant sind. Wenn jemand nicht über sich bescheid weiß, obwohl er es von seiner Position und seiner Bildung her könnte, dann finde ich das dumm. Dann ist das dumm und mit dummen Menschen habe ich ein Problem. Allerdings hat jeder Mensch auch seine Gründe und jeder hat ein Motiv und deshalb sind meine Urteile auch nie definitiv sondern immer flexibel und ich bin auch immer gerne bereit zuzugeben, wenn mich jemand überrascht hat und er in Wirklichkeit doch ganz anders ist, als ich gedacht hätte. Das tut nur niemand. Das passiert nur nie.

Worauf ich aber eigentlich hinaus wollte und das hat mit Mögen oder nicht Mögen, Sympathie oder Antipathie recht wenig zu tun, das ist das Verhältnis von Rappern zum Thema Meinungsfreiheit. Ich meine das Problem ist nicht neu. In den 90er Jahren verprügelten MCs des ehrenwerten Wu Tang Clans einen Journalisten, weil sie mit seiner Berichterstattung nicht einverstanden waren und ihn respektlos fanden. Dr. Dre schlug eine Frau, weil er sich respektlos behandelt fühlte. Respekt. Ein seltsamer, undefinierbarer Begriff, so ähnlich wie Ehre.
Was ist Respekt? Ich denke, respektvoller Umgang ist, wenn ich mich für jemanden interessiere und mich mit ihm auseinandersetze. Dabei muss ich ihm nicht in den Arsch kriechen. Eben nicht.
Indem ich mich kritisch mit seinem Schaffen und Wesen auseinandersetze, zeige ich dem anderen doch, dass ich ihn ernst nehme. Respektlos ist, wenn ich mich nicht mit ihm auseinandersetze. Wenn ich mich nicht für ihn interessiere. Wenn jemand langweilig ist, bekommt er von mir keine Aufmerksamkeit. Wenn ich jemanden beleidige, dann kann er sich zumindest sicher sein, dass er einen Triggerpunkt in mir berührt hat, der diese Reaktion hervorgerufen hat und das ich seine Arbeit wenigstens ansatzweise registriere. Das ist Respekt. (Das stimmt natürlich nicht ganz, aber ansatzweise ein bisschen).

Aber das müssen Deutschlands Hip Hopper lernen und zwar durch die Bank. So viele gekränkte Egos. So viele geknickte Künstler. So viele gebrochene Herzen. Und dabei hat man sich nur ein paar Songs mal näher angeschaut und ein paar öffentliche Auftritte analysiert und kritisiert und schon ist man der Spielverderber.
In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich. In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Das sind jetzt so Aktion Sorgenkind… äh Aktion Mensch Fragen, aber ernsthaft: Wollen wir uns bedingungslos in den Arsch kriechen? Uns auf die Schulter klatschen und sagen: gut gemacht, obwohl man alles nur mittel bis scheiße findet?
Ich mochte Hip Hop deswegen immer ganz gerne, weil ich dachte, dass diese Kultur im Gegensatz zu Techno, die Wahrheit sagt und die Wahrheit auch verträgt. Das ist nicht Pillen Einwefen und hey, wir finden alles geil und schick und alles ist doch sooooooo geil.
Nein. Das ist: Du bist ein Hurensohn und deine Platte ist wack! Das fand ich geil. Das finde ich immer noch gut.
Doch je länger ich in dieser Szene war und bin, desto mehr habe ich festgestellt, dass die meisten einfach nur zu weich für Battle sind. In Wirklichkeit wollen alle dann doch nur zusammen im Backstage chillen und von Southpole gesponsort werden. Oder von Nike. Oder von Adidas. Sean John. Karl Kani oder Pelle Pelle. Gibt’s die ganzen Marken eigentlich noch? Ich habe keinen Plan. Ich kriege immer Ecko Klamotten. Das ist auch geil und war immer schon mein geheimes Ziel. Außerdem sitze ich gerne im Backstage und bin mit jedem gut Freund und gebe allen Küsschen. Links und rechts. Deshalb schreibe ich auch solche Texte, weil ich von der wilden Zeit träume, wo ich noch im Publikum stand und jeden aus tiefstem Herzen hassen konnte. Das war noch viel besser.

Doch weiter im Text. Wir waren stehen geblieben bei den meisten, die einfach zu weich sind für Streit und ein bisschen mädchenhaft, obwohl ich Mädchen wie Catee kennen gelernt habe, die weit mehr Eier in der Hose hatten als jeder Typ und mehr Battle und Beef gestartet haben als alle anderen Battle MCs. Das nur am Rande. Aber deshalb mag ich auch Fler und Bushido. Die haben keine Angst vor Beef. Die schreien rum, zumindest im VIP Bereich und nageln Leute fest (aka bedrohen Leute), weil sie deren Meinung wissen wollen, wobei die meisten dann aber einfach nur einknicken und kuschen.
Nun sollten sie auch noch lernen, dass es eben andere Meinungen gibt. Und dass das auch richtig so ist. Und dass das Leben seine Würze daraus bezieht, dass man eben unterschiedlicher Meinung ist und dass es eben nichts bringt außer einem schlechten Geschmack im Mund und vorzeitigem Samenerguss, wenn man andere Leute dazu zwingt, mit ihrer Meinung hinterm Berg zu halten. Weil so etwas einfach Diktatur heißt und Diktatoren nicht respektiert sondern nur gefürchtet werden. Und Furcht ist kein Respekt. Furcht ist einfach nur Furcht. Und wenn ich in diesem Zusammenhang den Rapper Bacapon zitieren darf: Eine Pussy mit ner Waffe in der Hand ist eben nichts weiter, als ne Pussy mit ner Waffe in der Hand. Und ein Feigling im SS-Mantel war eben auch nicht mehr als ein Feigling mit einem SS-Mantel an und ein unterdrücktes Weichei bei der GeStaPo war eben auch nur ein verkappter Weichei bei der GeStaPo.

Natürlich wäre die Welt einfacher, wenn alle nach einer Pfeife tanzen würden. Nach meiner zum Beispiel. Aber so ist es nicht und ich bin da stolz drauf und ich finde Toleranz ist keine Schwäche und unser Staat ist deshalb nicht schwach und lächerlich, weil seine Polizisten nicht oft genug draufhauen. Meiner Meinung nach tun sie es immer noch viel zu oft. Aber ich bin froh darüber in einem einigermaßen pluralistischen und toleranten Land leben zu dürfen, in dem ich sagen und schreiben darf, was ich will. Das werde ich auch verteidigen, mit oder ohne Bundeswehr. Ich würde sagen, eher ohne, weil die treffen dann wahrscheinlich sowieso wieder nur die Falschen.

Und so kommt wieder eins zum anderen. Das Große im Kleinen und das Kleine im Großen und diesen Text, dieses Plädoyer für Meinungsfreiheit und Toleranz habe ich aus aktuellem Anlass geschrieben. Einmal weil ich meinem Kollegen Tobias "ToxikKargoll recht geben muss, wenn er in seinem Statement zu Bushido auf Meinungsfreiheit und Pluralismus in den Hip Hop Medien und hauptsächlich auf seiner Seite hiphop.de pocht und zum anderen anlässlich unseres Interviews auf rap.de mit Kaisa und den Jungs von Hellraisa in dem sehr intolerante und antidemokratische Statements gedroppt wurden.

Es bleibt also immer noch viel zu tun. – Sehr gut!

Tuesday, August 25, 2009 
Neulich erreichte uns die Nachricht, dass KRS 1, unser lieber alter Oldschool Freund und Kupferstecher eine neue Religion ins Leben rufen will. Zumindest möchte er amerikanischen Medien zufolge ein Buch herausbringen, das vom Layout und der Aufmachung her, der guten alten Bibel entspricht und auf jeden Fall habe ich beim Verfassen dieser Meldung für rap.de sofort darauf geschlossen, dass ich mit meinem letzten Blog, in dem ich vorgeschlagen habe, aus dem Splash Festival eine religiöse Veranstaltung zu machen, wieder mal ganz genau den Puls der Zeit getroffen habe.

Nun aber ist KRS 1 auch schon ein paar Jahre älter und vielleicht sogar ein wenig älter als ich und vielleicht ist es auch der Traum von älteren Männern, als Religionsstifter verehrt zu werden, auf einem Thron zu sitzen, gekleidet in weiße Gewänder und umgeben von Jungfrauen, die einem mit großen Fächern aus Straußenfedern, Luft zu fächeln. Das kann natürlich sein und was die schlanken Jungfrauenhände unter den weißen Gewändern zu tun haben, das kann man sich natürlich ebenfalls lebhaft vorstellen. Wie auch immer. Niedere Beweggründe gibt es ja immer wieder und nicht umsonst gehören Wollust und  Habgier zu den 7 Todsünden.
Ob diese im neuen Almanach des KRS 1 auch aufgeführt werden ist noch nicht bekannt, da das Buch erst in kürze erscheinen soll, allerdings beherbergt es anscheinend auch ein kleines Handbuch, das den Leser zu einem achtsamen Leben voller Liebe, Gesundheit und Wohlstand verhelfen soll.
Das finde ich gut, wenn Kris Parker uns ein paar kleine Lebensweisheiten mit auf den Weg gibt und mit großer Freude werde ich genau diesen Teil auch durcharbeiten, und auch auf die alltäglichen spirituellen Übungen werde ich nicht verzichten, allerdings erwarte ich da nicht wirklich mehr, als ich in den zahlreichen esoterischen Lebenshilfebüchern von Frau Birkenbihl gefunden habe. Man muss sagen, dass ich in der Denke-Positiv-Ecke und So-werden-Sie-glücklich-Abteilung der Buchhandlungen fast schon zu Hause bin und mich neulich erst darüber gefreut habe, als ich lesen durfte, dass diese Art des positiv Denkens schon seit ein paar Jahrhunderten existiert und die Kernaussage sich auch seither nicht weiter verändert hat: Don’t worry. Be happy! Oder einfach: Sorge Dich nicht – lebe!

Also viel Neues werden wir da nicht zu erwarten haben, aber trotz allem finde ich es richtig, dass die gesammelte Alltagsphilosophie der letzten 200 Jahre noch einmal zusammen getragen wird und im Hip Hop Gewand daherkommt. Schaden tut’s ja schließlich auch nicht.

Kommen wir aber nun zum interessanten Teil der Meldung. Denn so kurios sich das Ganze bislang anhört, so ernsthaft und zwingend wird es, wenn es um die Überwindung von Nationalitäten und Rassenfragen geht. Gerade in Zeiten, wo es darum geht, Deutschlandfahnen zu schwenken, auf seine albanische, kurdische oder libanesische Herkunft zu pochen. Der Deutsche Bad Boy zu sein, oder die schwarze Gazelle gerade in solchen Zeiten laufen mir die Worte des KRS 1 wie Öl hinunter, wenn er erklärt, dass die Menschen immer noch in ihren alten Schwarz-Weiß und Nationalitäts-, Rassen- und Herkunftsmustern feststecken, die es endlich zu überwinden gilt.

Eins vorweg. Ich finde Nationalismus scheiße. Jedweder Art. Jedweder Richtung. Jedweder Herkunft. Nationalismus hat nichts mit Hip Hop zu tun und ich frage mich, wie wir in den letzten Jahren unseren Grundsatz so sehr verraten konnten. Einen Grundsatz der Jahrelang einer der Kernpfeiler der Hip Hop Kultur war: It ain’t where you from, it’s where you at. Oder anders formuliert: Es ist scheißegal woher du kommst – wenn du fresh bist, bist du fresh.

Ich habe mich geärgert darüber, dass die Backspin damals im Fler Interview diese entscheidende Frage nicht gestellt hat und mich langweilt diese halbgare Entschuldigung: Ja die anderen dürfen doch auch.
Na klar dürfen die anderen auch und von mir aus könnt ihr auch weiterhin bei der Fußballweltmeisterschaft Eure Fahnen schwenken, das Problem ist doch aber die Frage: Was bringt Euch das? Was gibt Euch die Befriedigung, mit Millionen anderen zusammen in einer Menschenmenge zu stehen und darauf stolz zu sein, dass ihr zufälligerweise im selben Land geboren seid. Ein Land, das sowieso nicht viel miteinander zu tun hat, denn wenn ich einen Berliner Türken und einen schwäbischen Häuslebauer miteinander vergleiche, dann hat der Berliner Türke mehr mit dem Berliner Atzen um die Ecke zu tun, als der schwäbische Häuslebauer mit dem Preußen. Aber das ist noch nicht mal der eigentliche Punkt. Der eigentliche Punkt ist, dass ich gesehen habe, was Nationalismus anrichten kann, wenn er außer Kontrolle gerät, und das geht schneller als man denkt.

Anfang der 90er Jahre war ich in Kroatien und natürlich setzte auch bei mir der Mechanismus ein, dass ich den Nationalstolz anderer Völker nur halb so schlimm fand, wie den der Deutschen. Damals war es tatsächlich verpönt für Deutschland zu sein. Schwarz Rot Goldene Fahnenmeere bei der WM wären undenkbar gewesen und bei der Europameisterschaft war ich immer für Frankreich. Aus diesem Grund fand ich die blauweißroten Fahnen in Zagreb auch nicht weiter störend. Gehört halt dazu.

Kroatien war ein befremdliches Land. Die Leute waren herzlich. Die Landschaft sah aus, wie bei meiner Oma, die aus der südlichen Steiermark kommt und alles hatte den Flair von Norditalien. Dass die Milch 4 Mark kostete und die Menschen nur 300 Mark verdienten, das habe ich nicht ganz verstanden und fragte mich immer wie das funktionierte? Dass auf den Straßen Karossen von Daimler Benz fuhren, die ich selbst in Sindelfingen noch nicht gesehen habe, hat mich verwundert. Dass der Mann auf dem Klo so viel zu tun hatte, um den Bedarf an Stimmungsaufhellern und Betäubern decken zu können, stimmte mich traurig. Dass es im größten innerstädtischen Kaufhaus diverse Militärartikel zu kaufen gab, zu horrenden Preisen, zeigte mir, dass es so lange Kriege geben wird, so lange auch nur ein Schnürsenkelfabrikant für Militärstiefel was daran verdienen kann.

Kroatien kam mir vor, wie ein Mensch, der permanent mit den Fingern auf den Tisch trommelt, aggressiv und nervös und dabei aber so tut als sei nichts: "Was ist? Alles ok, oder? Alles gut? Was guckst du so? Ist doch alles gut!!!!!!!
Auf den Straßen waren junge Männer zu sehen, die Sturmgewehre nach Hause trugen. Einfach so, über der Schulter. Als kämen sie gerade von der Arbeit und tragen ihr Arbeitsgerät nach Hause. Wahrscheinlich kamen sie gerade von der Arbeit.

Im Fernseher liefen die ganze Zeit Werbespots der HDZ. Tudjman war noch am Leben und ich mochte die blauweißroten Fahnen mit dem rot-weißen Karomuster schon viel weniger gerne. Sie hatten den leichten Urlaubsflavour verloren. Das war nicht mehr fremd und nett. Das war ernst. Die Fahnen hatten was zu bedeuten. Wir hier. Ihr da. Das ist unsere Flagge, du Bastard.

Am 1. November war Allerheiligen und wie alle in Kroatien geht man an diesem Tag auf den Friedhof. Tausende Lichter brannten. Ein wahres Lichtermeer stand vor dem zentralen Kreuz auf dem großen Friedhof von Zagreb und ich habe mich gefragt, wie man es hinkriegt ungeplant und spontan so viele Kerzen aufstellen zu können. Das hat ja keiner koordiniert und trotzdem hatte es eine geheime innere Ordnung. Wir sind durch die Grabreihen gegangen und überall brannten die Grableuchten. Eine Blaskapelle spielte und noch nie vorher habe ich etwas traurigeres, melancholischeres und gleichzeitig tröstenderes gehört als diese Musik. Das war Bluesmusik. Europäische Bluesmusik. Das war schön.

Als wir in den neuen Teil des Friedhofs einbogen, kam der Schock. Akkurat lagen da die Gräber. Neu und abgezirkelt. Wie ein Neubaugebiet und tatsächlich war es wie eine ganze Stadt. Eine Stadt voller Neubauten. Plattenbauten, schnell hochgezogen. Keine gewachsene Stadt. Keine geheime innere Ordnung. Schnell und akkurat geplant. Funktional. Und dort lagen sie. Die Gleichaltrigen. Die Jungs, die mit mir zur Schule gegangen sein könnten. Die mit mir im Leichtathletikverein waren oder mit denen ich zusammen Basketball gespielt habe. Auf dem Freiplatz. All jene aus meinem Jahrgang, ein Jahr Jünger, vielleicht zwei. Ein Jahr älter, vielleicht drei. Es hörte nicht auf. Stundenlang lief ich an Grabsteinen entlang und starrte auf die Jahreszahlen der Geburt. 71, 70, 73, 68, 65, 75, 70, 74, 68, 69 usw. Gestorben mit 20, 21, 18 oder 23. Vollkommen sinnlos. Vollkommen unnütz. Für ein paar Dollar. Für ein paar Landstriche. Für eine vollkommen bescheuerte Vorstellung von Nation, Land und Leute. Für Nichts. Für ein Hirngespinst. Was für eine Verschwendung – von Liebe und Traurigkeit. Von Träumen, Energie, Kraft und Ideen. Was für eine Verschwendung von Leben. Und da habe ich angefangen die Flaggen zu hassen. Ich habe regelrecht einen Ekel davor bekommen. Vor allen Flaggen. Allen Ländern. Vor Allem, was die Menschen trennt und auseinander reißt. Alles was nicht zur Einheit führt und nicht zu der Erkenntnis: Wir sind alle gleich. Wenn du ein Arschloch bist, dann bist du ein Arschloch, aber du bist kein Arschloch, nur weil du das und das bist. Das nicht!

Am nächsten Tag, oder vielleicht auch am übernächsten fuhren wir in die Krajina. Die Krajina war ein Landstrich, der zuerst von Serben und Kroaten und vielleicht auch noch von anderen Bevölkerungsteilen bewohnt war. Wenn man von Zagreb aus ans Meer wollte, musste man durch die Krajina. Vielleicht war sie deswegen auch so wichtig? - Wahrscheinlich eher nicht.
Zuerst sind durch die Krajina die Serben durchmarschiert und haben alle Kroaten hinausgeschmissen. Ethnische Säuberung nennt man das. Danach sind die Kroaten durchmarschiert und haben alle Serben rausgeschmissen. Auch das nennt man ethnische Säuberung. Panzer sind über Zivilfahrzeuge gefahren, die stecken geblieben sind. Man weiß es nicht, ob die eigenen Truppen die eigenen Leute überfahren haben, weil sie selbst kopflos auf der Flucht waren oder ob die fremden Truppen die hilflosen Zivilisten platt gewalzt haben. Krieg ist immer schmutzig und es gibt kein gut oder böse. Es gibt nur scheiße.

Als wir dort waren, lebte in der Krajina niemand mehr. Nur noch alte Leute. Ich war in einer Stadt und man konnte von der zerschossenen Brücke aus die Dächer sehen, von denen die Hälfte eingestürzt war. Eine alte Frau schlurfte über die Straße und eine halbverhungerte Katze huschte herum. Es regnete leicht und der Himmel war bedeckt. Es war November und Nebel lag über dem Land. Es passte. Es passte viel zu gut.
Als wir das erste ausgebrannte Haus passierten, dachte ich mir nichts dabei. Ein ausgebranntes Haus eben. Die Häuser sahen ja auch aus, wie ganz normale Häuser in Mitteleuropa eben aussahen. Kein Unterschied zu dort, wo meine Oma herkommt. Alles ganz normal. Das war nicht irgendwo in der Wüste oder den Bergen Afghanistans. Das war Europa. Als wir am hundertsten ausgebrannten Haus vorbeikamen war nichts mehr normal. Haus an Haus stand dort mit ausgebrannten Fenstern. Schwarz der Ruß an den weißen Wänden. Alles verlassen. Ab und zu ein Militärposten und dann die Franjo Tudjman Plakate. Überall. Kein Mensch zu sehen, aber die Wahlplakate hingen und überall die Nationalfarben, blauweißrot mit den rotweißen Karos. Na Bravo. Da lohnt sich doch das Siegen.

Am Abend kamen wir in einen Club. Richtige Feierlaune hatten wir nicht. Der Trip war anstrengend. Sehr anstrengend. Die Leute feierten. Sie wollten ihre Sorgen vergessen. Ich konnte sie verstehen. Es gab Piratensender. Die Presse war kontrolliert. Man musste aufpassen, was man sagte. Die Wände hatten Ohren, es gab eine Geheimpolizei und die Leute wollten raus. Ausbrechen. Vergessen. Ich konnte das verstehen und lehnte an einem Türrahmen und sah zu. Ich hätte gerne mitgefeiert aber ich wollte nicht. Ich konnte nicht. Aber es war gut.
Und dann kam ein Song, ein Song über den ich in Deutschland gelacht habe. Ein Song, der mir immer zu platt, zu aufgesetzt zu künstlich klang. Ein Song, den ich nie und nimmer, niemals ernst genommen hätte, in dem was er sein wollte. Eher hätte ich mir die Hand abgehackt, als diesen Song ernsthaft zu spielen. Und trotzdem kam genau dieser Song und alle sangen mit. Alle. Ohne Ausnahme. Und sie haben mitgesungen, ihr könnt Euch gar nicht vorstellen wie? Die Leute haben sich umarmt und sie haben es ernst gemeint. Richtig ernst. Jedes Wort ergab Sinn. Jedes Wort hatte seine ganz eigene persönliche Bedeutung. Die Leute meinten es wirklich ernst, als alle, alle den Chorus mitsangen: "All we are saying is give peace a chance.“ Die Beatles.

Und da musste ich weinen und wenn ich daran denke, dann könnte ich gleich wieder und vielleicht versteht ihr deshalb, wenn ich mich auf die Lehre von KRS 1 freue und wenn ich mich darauf freu, dass sich in der Hip Hop Welt wieder der alte Grundsatz durchsetzt: It ain’t where you from… Na ihr wisst bescheid.

Peace und bis dann,

staiger                
 



     

Tuesday, July 28, 2009 
Kurz nach Splash

Eigentlich war dieser Text so geplant, dass der Titel Sinn macht. Aber nun ist es auch schon wieder über 2 Wochen her, dass Europas ehemals größtes Hip Hop Festival vorbei ist und die Erinnerungen beginnen zu verblassen.
Das ist schade, auch wenn die Erinnerungen an das Festival direkt danach nicht unbedingt viel klarer und aussagekräftiger waren.

Wir haben denn auch auf rap.de einen ultimativen Festival Nachbericht gestartet und da waren wahnsinnig viele Fotos dabei, auf denen zu sehen ist, dass auf dem Festival jede Menge Scheiß passiert, der nichts mit Hip Hop zu tun hat und sofort waren die ersten Kommentare am Start, dass da so wahnsinnig viel Scheiß zu sehen ist, der nichts mit Hip Hop zu tun hat.

Wow. Das Ding ist, dass ich glaube, dass man auf ein Festival geht, um möglichst wenig mit gar nicht zu tun zu haben. Ein Festivalvbesuch ist wie Urlaub. Nur im Urlaube setzt man sich einen Strohhut auf, läuft ohne T-Shirt durch die Stadt und grölt an jeder Straßenecke fremde oder bekannte Menschen an, und lässt sich gehen. Das ist schön. Das ist gut und es entspannt das Gehirn, das nach so einem Ausflug wieder normal funktionieren kann und sich 2 Wochen später, im Büro, in der Schule, an der Werkbank oder auf dem Arbeitsamt vielleicht an diese Erlebnisse, halb, ganz oder nur verschwommen erinnert.

Bei dieser Art von kollektivem Ausnahmezustand und quasi religiöser Erfahrung geht es nämlich um etwas ganz Elementares, was jedem Menschen innewohnt und was für das Menschsein unglaublich wichtig ist, was in unserer auf Effizienz ausgerichteten Welt aber leider viel zu kurz kommt. Es geht um den Ausbruch aus dem Egotunnel. Um Entgrenzung und um die Verbindung des eigenen Ich mit… allem.

 Nun sind diese Gedanken nicht unbedingt von mir und ich will mich da auch gar nicht mit fremden Federn schmücken. Ich habe vor Kurzem ein Buch gelesen über Neuroreligionsforschung, das sich mehr oder weniger mit der Frage beschäftigt hat, ob Gott in unseren Köpfen entsteht, oder ob wir Gott mit Hilfe spezieller Bereich in unserem Kopf erkennen können, er also außerhalb wohnt und wir ihn erfahren können. Die Alte Frage also: Macht der Mensch die Religion, oder existiert ein Gott Schrägstrich höheres Wesen und wir können sie entdecken.
Das Überraschende an dieser Betrachtung ist, dass es vollkommen egal ist. Es ist schlicht und einfach egal, ob ein Epileptiker nach einem Anfall von einer religiösen Erfahrung berichtet - wie Saulus der auf dem Weg nach Damaskus in Krämpfen vom Pferd fiel und danach 3 Tage lang blind war, was definitiv die Symptome eines epileptischen Anfalls sind – oder ob Epileptiker aufgrund einer feineren Sinneswahrnehmung empfänglicher für göttliche Botschaften sind. Denn warum sollen wir nicht annehmen, dass um uns her, feine Schwingungen und Wellen sind, die wir einfach noch nicht messen, die aber von einigen Menschen, mit besonders feinen Antennen durchaus schon wahrgenommen werden können? Warum soll es keine Menschen geben, die per Gedankenübertragung kommunizieren können, Zugang zu morphologischen Feldern haben oder die Matrix sehen können? Nur weil wir noch keine Messegeräte dafür haben? Vor 200 Jahren konnte man Elektrizität auch noch nicht messen. Trotzdem hat sie existiert, oder etwa nicht?

Genau so verhält es sich dann auch mit religiösen Zuständen, die nicht unbedingt in Erleuchtungsmomenten enden müssen, sondern die Funktion haben, dass einem einmal die Woche der Kopf leer gefegt wird, oder ein paar Mal im Jahr die große innere Inventur ansteht, wo man alles Überflüssige raus wirft, was neues ausprobiert, sich mehrere Tage mit dem Kollektiv verbindet und sich möglichst bescheuerte Strohhüte auf den Kopf setzt und bunte Bermusashorts trägt, die man nach diesen Tagen ganz tief in seinem Kleiderschrank versteckt und die einem, wenn man sie ein paar Monate später wieder findet, ein seliges Lächeln aufs Gesicht zaubern. Wir reden hier von Karneval, Oktoberfest, Urlaub auf Mallorca, in Lloret de Mar oder ganz einfach vom splash!

In diesem Zusammenhang ist es auch nicht unbedingt wichtig, wer da vorne auf der Bühne als Hohepriester agiert. Ich denke in diesem Jahr haben die Rolle besonders gut Dizzy Rascal, The Streets und La Coka Nostra erfüllt, wobei ich mir sagen habe lassen, dass auf der kleinen Bühne Casper, Marteria und Rhymin Simon ganz gut abgeräumt haben.

La Coka Nostra sind mit ihrer Vorliebe für Graß angetreten mussten sich aber von einem mehrtausigen publikum davon überzeugen lassen, dass hier in Deutschland alle auf Alkohol sind worauf einer der etwas dicklichen Herren auch ein mehrlitriges Getränk auf der Bühne exte, was wiederum die Menge in Verzückung brachte. Analogien zu einem katholischen Gottesdienst mit Hochamt und Wandlung sind auch hier wieder erlaubt und ich hoffe auf beifälliges Fußgetrappel, wenn der Pfarrer in eurer bayerischen Heimatgemeinde das nächste mal die magischen Worte spricht: „Das ist mein Blut, das für Euch und für alle vergossen wird – nehmet und trinket alle davon!“ dann den Kelch an die Lippen und exen – exen – exen!

3 Tage Liebe. 3 Tage Ausnahmezustand. Einmal so sein, wie man zu Hause nicht sein darf und sei’s nur, weil die Eltern das nicht zulassen. Das ist das splash! Festival. Das ist wahrscheinlich jedes Festival und eigentlich, im Grunde würde es überall und immer funktionieren. Schöner ist es natürlich im Sommer, wobei ich in diesem Jahr am Freitag an der Jahreszeit gezweifelt habe und ein Unterhemd anlegte, das ich das letzte mal an hatte, als ich vor 2 Jahren in Dänemark, im November auf einem Stahlgerüst gearbeitet habe. Schön ist natürlich auch, wenn man ein gewisses Rahmenprogramm bietet, ein paar Attraktionen bereit hält, die vom eigentlichen Thema ablenken und dem ganzen eine gewisses Format geben. Zelte aufzustellen, in denen nur begrenzt Leute rein dürfen, in denen es heiß ist und man kollektiv schwitzt, sind zum Beispiel eine gute Sache. Massen, die sich unter freiem Himmel kollektiv bewegen haben natürlich ebenfalls eine gewisse Magie, brauchen aber, wie oben beschrieben, auch dementsprechend charismatische Hohepriester – ach ja. K.I.Z. hatte ich fast vergessen – auch so eine Band, die für diese Rolle wie geschaffen ist, während ich mit dem Deutschland-Deutschland Taumel von Samy Deluxe immer noch nichts anfangen kann.

Darauf sollte man im übrigen sowieso achten, dass eine solche Stimmung nicht ins fanatische „gegen oder für eine Sache“ umschlägt, sondern immer ganz nah am ganz persönlichen taumel bleibt, so dass am Schluss nichts weniger als die Erlösung und das Himmelreich steht, aber keineswegs so etwas wie ein Land, eine Nation, Geld oder die Bankenkrise. Fuck the C.I.A. von La Coka Nostra funktioniert in diesem Zusammenhang denn auch nur als kollektives Mantra, im Glauben, dass man zusammen die C.I.A. und somit die Gesellschaft ficken könnte, in übertragenem Sinne, wenn man nur laut genug schreit. Dass keiner weiß, wie man die Gesellschaft so richtig schön vor sich hinlegt und ob die Gesellschaft überhaupt bereit ist, ihre Beine so weit zu öffnen, dass man sie schön langsam und zärtlich ficken kann, das tut wieder einmal nichts zur Sache. Es ist ein Mantra. Eine religiöse Formel. Fantasiesprache. Und im Endeffekt könnte man auch jedes andere fünfsilbige Wort schreien.

Kommen wir aber nun zu dem was fehlt und was in den kommenden Jahren unbedingt verbessert werden muss auf dem splash! Festival und auf allen anderen Festivals dieser Welt und was mit dem Fortfall der herkömmlichen Religionen unbedingt notwendig geworden ist.

Halten wir also mal folgende Punkte fest. Der Mensch hat ein Bedürfnis nach Rausch und Spiritualität. Diese beiden Zustände des menschlichen Seins sind eng miteinander verwandt, wenn sie auch nicht das gleiche sind. Spiritualität kann von einigen sensiblen Geistern erlebt werden oder durch Praxis erfahren werden, wenn man danach sucht. Ziel ist es, einen zustand zu erreichen, in dem man ausbricht aus seinem eigenen Denkmuster und sich so quasi mit der Welt verbindet – Alles ist eins und ich spüre die Liebe, die mich und die Welt gleichermaßen durchdringt. – Der Ausbruch aus dem Egotunnel also.
Sehr viel schneller geht es mit dem Rausch: Ich breche aus, aus meinem Alltag. Verlasse meine herkömmlichen Denkmuster. Alles wird eins. Unermessliche Liebe durchflutet mich etc., etc.
Das Ergebnis ist fast dasselbe, wobei man für den Rausch meistens bezahlen muss, weil er auf dem Weg nach oben, zum Licht eben eine Abkürzung darstellt und man Abkürzungen eben nur benutzen darf, wenn man dafür bezahlt. Das ist nicht schlimm und nicht jeder hat die Zeit und die Kraft und das Talent, spirituelle Erfahrungen aus sich selbst heraus zu machen und deshalb gibt es seit der Mensch ein kulturelles Wesen ist auch diverseste Rauschmittel, damit auch die einfacheren Gemüter unter uns an der wahrhaftigen Göttlichkeit teilnehmen können.

ABER! Was fehlt ist der gesellschaftliche Rahmen, die Einbettung in den Alltag, die uns allen hilft, Erlebnisse, wie das splash! Wochenende, in unser Leben einzuordnen.
Im alten Griechenland gab es die Mysterien von Eleusis, ein Ritus zu Ehren der Pflanzengöttin Demeter, der zwischen 1.500 vor Christus und 400 n.Chr. gefeiert wurde. 
Im Endeffekt wurde dort die Teilnehmer, nach gründlicher Vorbereitung durch Fasten und Meditation in einen Raum geführt, das innerste Heiligtum, in dem ihnen die Hohepriesterinnen einen Trank aus Mutterkorn verabreichten. Sprich die Besucher bekamen einen LSD Trip, woraufhin sie nach Zeugenaussagen das Schrecklichste und das Herrlichste gesehen haben.
 Die Priesterinnen selbst funktionierten in diesem Zusammenhang als Trip Begleiter und halfen den Sinnsuchern, sicher durch den Rausch zu kommen und vor allem, betteten das Erlebnis in einen gesellschaftlich relevanten Zusammenhang, so das man das gefühlte und Geschaute auch wiederum sinnvoll in seinen Alltag einbauen konnte.
Das ist ein entscheidender Unterschied zum üblichen Montag-Morgen-Spruch: „Mann bin ich durch. Das Wochenende war echt hart. Ich bin total im Arsch.“
Besser wäre doch: Mann bin ich befreit. Am Samstag habe ich die Göttlichkeit schauen dürfen und Sonntag bin ich an einem See aufgewacht. Um mich her die Vögel des Waldes und warmes sonnenlicht. Liebe Menschen waren da und haben mir einen Saft gebracht. Alles war warm und schön. Heute fühle ich mich ausgeruht und frisch und stehe wieder mit meiner ganzen Arbeitskraft dem kapitalistischen System zur Verfügung, das ich nach diesem wunderbaren Erlebnis vom Wochenende auch nicht mehr hinterfragen will.

Deshalb, um nun doch zum Schluss zu kommen, schlage ich folgendes Procedere für das splash! Festival und für alle Zukunft, zumindest für die nächsten 5 Jahre vor.

Donnerstag:
Anreise. Kollektives Duschen und reinigen. Fasten. Kein Essen. Kein Alkohol. Kein Weed. Gruppentanz. Erste Konzerte. Punk. Es muss schnell und laut sein. Damit die Stimmung steigt.

Freitag:
Kollektives Frühstück. Es gibt vedische Küche. Überall sind Teeküchen aufgebaut. Es gibt Haschischkekse. Beginn der Feierlichkeiten mit meditativen Trommlern. Steigerung des Programms durch nach und nach sich steigernde Hohepriester auf der Hauptbühne. Kollektive Extase. Alkohol wird ausgeschenkt. Zu jedem alkoholischen Getränk wird ein Glas reines Wasser gereicht, das derjenige auch trinken muss. Auf Wunsch können auch andere Rauschmittel konsumiert werden. Erster Höhepunkt ist das kollektive Chanten von Mantren vor der Hauptbühne um 22 Uhr bis ungefähr 1 Uhr. Danach Verlegung der Festivitäten in mehrere Zelte, die nach Gemütslage sortiert sind. Schnelle Zelte. Midtempozelte und Ruhezelte. Genug Raum für sexuelle Aktivitäten! Sehr wichtig!

Samstag:
Mittlerweile ist sowieso Samstag. Niemand schläft. Die Party geht ohne Unterbrechung weiter. Helfer geleiten die Teilnehmer durch die verschiedenen Bewusstseinszustände. Auch all jene, die nichts genommen oder getrunken haben, werden vom kollektiven Taumel erfasst und geben sich der Musik hin, die nun überall zu sein scheint. Am Samstag Nachmittag wird es etwas ruhiger, bevor am Samstag Abend der gesamte Platz das ganze Gelände vom gemeinschaftlichen Brummen vibriert und sich die gesamte Festgemeinde in einem riesigen Irgendetwas zu vereinen scheint. Alles ist eins. Der Himmel, die Menschen, die Musik. Hauptbühne oder nicht. Egal! Wir sind überall. Alles fließt und schwingt. Alles klingt. Clueso. Deichkind. Eminem. Alles eins. Wer war noch mal Headliner? Egal. Es könnte auch Max Herre sein.

Sonntag:
Chillout. Duschen. Rasieren. Heimfahrt. Lockere Musik und bequeme Kleidung. Vielleicht noch ein zwei Gruppen auf der Hauptbühne. Das war’s. Vielen Dank splash! bis zum nächsten Jahr.                 
 
Und ich schwöre Euch. Das wäre ein voller Erfolg und man könnte das Line Up sogar erst einen Tag vorher bekannt geben. Denn das wäre, beim besten Willen, einfach nicht mehr wichtig. Yo!

 

Thursday, July 09, 2009 
Auch das splash! Festival ist nicht mehr das, was es mal war. Oder sagen wir’s mal so: ich bin nicht mehr der, der ich früher mal war, als ich beim splash! Festival war. Das ist ja nicht unbedingt schlecht, und eigentlich ist es ganz gut, weil ich früher immer schon eine Woche vor dem splash! Festival Kreuzschmerzen hatte, weil ich wusste, dass wir wieder ungefähr eine Tonne Klamotten durch die Gegend tragen würden müssen, dass ich wieder zusätzlich zu meiner 20-köpfigen Crew noch mal 20 Leute aufs Gelände würde schmuggeln müssen. Dass ich Mitarbeiter am Stand haben würde, die in der zweiten Nacht, bei plus 5 Grad vor mir stehen werden würden, nur im T-shirt, ohne Schlafsack und nix, mit großen Augen und der Bitte: „Staiger. Kann ich noch nen Pullli haben?“ Oder noch schlimmer. Nur mit großen Augen und ohne Bitte, so dass man sich richtig scheiße vorkam, wenn man den Pulli nicht einfach so raus gab. Von 30 Pullis hatten wir dann am Schluss 3 Stück verkauft und der Rest war auch weg.
Ich habe das splash! Festival gehasst. Aus tiefstem Herzen. Nach dem splash! Wollte ich immer in den urlaub fahren und zwar für den Rest des Jahres. Der splash! War für mich die Erinnerung, dass ich danach meine Steuererklärung machen musste und das machte die Sache nicht besser und jahrelang habe ich mich selbst betrogen, mit der Vorstellung: Es sind doch nur 3 Tage.

Nein! Das splash! Festival sind ganze Wochen und im Endeffekt dauerte das splash! früher fast ein halbes Jahr.
Denn, wenn man ehrlich ist, beginnt die Veranstaltung für jeden Einzelhändler schon 2 Wochen im voraus. Ware muss gepackt werden. Die Autos müssen bestellt werden. Was machen wir für ein Zelt. Was machen wir für Aktionen. Meet and Greet an unserem Stand. Wer organisiert das. Ich muss mich noch mit den splash! Organisatoren streiten, wegen der Händlerbänder. Nein, Du kannst leider nicht mit. Ok. Wir werden versuchen, Dich reinzubekommen. Nein, Deine 10 Freunde schaffe ich nicht. Ok, wir werden sehen. Habt ihr auch alles richtig gezählt? Warum macht ihr das alles handschriftlich und nicht gleich in Excel. Die Autos werden zu teuer. Der Boxring muss in Neuss oder sonst wo abgeholt werden.

Es war die Hölle.

Dann endlich Abfahrt. Die Laster bepackt und am Donnerstag Nachmittag wollten wir los. Immer. Geschafft haben wir es konstant erst am Donnerstag Abend, weswegen wir dann meistens erst Donnerstag Nacht ankamen, weswegen wir dann nicht aufs Gelände durften, weil da Produktionsbüro schon zu hatte, weswegen wir dann unterm Laster nicht schlafen konnten und so schon die erste durchgemachte Nacht hinter uns hatten.

Der Rest war Schlamm. Dreck. Arbeit. Kälte. Nässe. Spektakel. Hitze. Spaß. Wodka Red Bull. Rumgeschreie und nach 3 Tagen war ich heißer. Durch und einigermaßen glücklich und in den meisten Fällen mit ein paar Tausend Euro warenverlust gesegnet, wobei meine großäugigen Mitarbeiter immer ganz schuldbewusst geguckt haben – erklären konnte es trotzdem niemand. Wahrscheinlich haben wir aber nur falsch gezählt. Vorher, wie auch hinterher. Aber zum hinterher zählen komme ich ja noch. 

Denn am Sonntag Abend, dem letzten Tag, dem Tag, den ich immer gerne gestrichen hätte, den aber die splash! Besucher mit großer Mehrheit bei der diesjährigen Abstimmung gerne behalten haben, am Sonntag Abend ging das Ganze also wie in einem Film, der rückwärts läuft, wieder … äh zurück. Dann musste man nämlich die ganzen schlammverkrusteten und durchweichten Kisten wieder zurück schleppen. Wieder alles zählen. Warum schreibt ihr das nicht gleich in die Excel-Tabellen? Alles ist nass und stinkt. Alle sind müde und verkatert. Das Zelt ist vollgetagt. Scheiße. Das müssen wir bezahlen. Hier fehlt eine ganze Kiste. Scheiße. Los wir wollen weg hier. Was ist mit den Kabeln. He steht nicht so rum. Wenn ihr friert, dann packt an.

Es war die Hölle.

Dann irgendwie noch Sonntag Nacht nach Hause gurken und im Endeffekt war der Montag im Arsch. Weil. Autos mussten zurück gegeben werden, am besten nach gründlicher Reinigung. Kisten ins Lager. Anlage zurück. Blablabla. Und falls ihr aufmerksam gelesen habt, dann sind wir nämlich schon bei aktiven 5 Tagen Festival, statt der offiziell verkündeten 3 Tage. Nämlich Donnerstag bis Montag. Das ist eigentlich schon eine komplette Arbeitswoche und dann hat man eigentlich Wochenende. Eigentlich. Da gings dann aber erst richtig los, denn danach kam die ungeliebte splash! Abrechnung, bei der dann der oben genannte Verlust festgestellt wurde. Leider konnte man keinen der Mitarbeiter dafür sofort belangen, weil alle krank waren. Immer. Nach dem splash! – Weil sie ja auch keine warmen Kleider mitgenommen hatten und manchmal saß ich dann den Rest der Nach-splash!-Woche einfach so rum und dachte an meine Steuererklärung, die ich auch bald würde machen müssen, hasste mein Leben, aber da man sein Leben nicht konstant hassen kann, hasste ich das splash! und schwor mir, nie wieder hinzugehen. Die Abrechnung zog sich dann den Rest des Jahres hin, genau so wie die Steuererklärung und ab Januar begannen dann wieder die Vorbereitungen für das nächste splash! Festival denn natürlich  waren wir im nächsten Jahr doch wieder dabei. Kaum dass ich die Kreuzschmerzen vom Vorjahr losgeworden war.

Seit ein paar Jahren gehe ich als Besucher auf das Festival. Manchmal sogar nur für einen Tag. Ich schleppe keine Kisten mehr und wehmütig denke ich manchmal an das alte Festivalgelände in diesem verrückten, schönen, hügeligen Erzgebirgsvorland rund um Chemnitz. Dort findet das splash! Festival schon lange nicht mehr statt.
Jetzt ist alles sauber und aufgeräumt und in diesem Jahr findet es sogar nicht mal mehr auf der Halbinsel Pouch statt, an die man sich ja schon fast wieder gewöhnt hat, sondern in der Stadt aus Eisen, der eigentlichen Heimat des Melt Festivals in Ferropolis aka Gräfenheinichen, oder so.

Natürlich werden wir auch da sein. Wieder. Zum gefühlt 19ten mal. Mit rap.de und K.I.Z. und überhaupt und weil das splash! eben doch das splash! ist und ich mir irgendwie schäbig vorkommen würde, wenn ich jetzt künstlich zum Frauenfeldfestival in die Schweiz fahren würde. So etwas mache ich nicht. Ich bleibe true.

Aber Kreuzschmerzen habe ich keine mehr und heißer werde ich nicht mehr sein und so viel Wodka Red Bull werde ich nicht mehr trinken und der ganze Schlamm, der Dreck, die Hitze… ach. Irgendwie war’s früher auch schön. Trotz Kreuzschmerzen.


PS: Es gab in letzter Zeit ein paar Videoansagen gegen mich und der eine oder andere wird das vielleicht mitbekommen haben und der eine oder andere hat mich auch gefragt, wann da endlich die Antwort kommt.
Nun, es gibt Dinge, die sind dann doch größer als Hip Hop. Zum Beispiel die Liebe. Die brüderliche Liebe und die Fähigkeit, Dinge als so ernst und traurig zu erkennen, dass man auf einen Witz verzichten muss.

Tuesday, June 16, 2009 
Mein Leben mit Hip Hop besteht im Augenblick eigentlich nur aus Arbeit. Darüber will ich mich nicht beschwerden, weil wir ja alle für jede erdenkliche Arbeit dankbar sein müssen und ich ja auch nicht behaupten kann, dass ich eine schlechte Arbeit habe.

Hatte ich übrigens noch nie, wenn man von der kurzen Episode absieht, als ich in einer Wäscherei gearbeitet habe und dort Schlachthofwäsche aussortieren musste. Das Problem war, dass die Schlachter immer irgendwelche Gegenstände in ihren Schlachterjacken vergessen haben, vom Schlüssel, was langweilig war, bis zu Münzgeld, was gut war. Wir mussten dann alle Taschen durchsuchen und die Metallgegenstände entfernen, weil sonst die Waschmaschinen kaputt gegangen wären. Leider haben die Schlachte ihre Kleidung, nach getaner Arbeit in die Ecke geworfen, wo es offensichtlich warm und feucht war. Nun besteht Blut wahrscheinlich zu einem Gutteil aus wahnsinnig geilen Nährstoffen und so haben sich sämtliche Schimmelkulturen dieser Welt darüber gefreut, dass es diese feuchten, warmen Ecken  in diesen Schlachthöfen gab, mit so viel gutem Nährboden. Was ich damit sagen will. Die Kleidung kam mit ca. 5 Zentimeter Schimmelschicht in dieser Wäscherei an und wir mussten mit den bloßen Händen da rein. Ich weiß auch nicht, aber seit damals kann ich mit Schimmel nicht mehr so gut.

Soll aber hier an dieser Stelle gar kein Problem sein. Eigentlich wollte ich nur um Euer Verständnis schleimen, dass es zur Zeit nicht ganz so rund läuft mit den Blogs und das kann auch eine Zeit lang so weiter gehen, obwohl ja jetzt auch die Festival Saison beginnt, oder besser gesagt schon begonnen hat. Zumindest im Hip Hop Bereich war wahrscheinlich das One Love Festival in Hannover und Dresden das erste Festival der Saison und hätte die Möglichkeit gehabt, Spielstätte einer echten Sensation zu werden.

Abgesehen davon, dass wir uns natürlich alle freuen, dass Bushido und Fler wieder zusammen Musik machen und CCN3 das Album sein wird, das beweist, dass Hip Hop kommerziell immer noch relevant ist, warten Hip Hop Puristen und echte Rapfans schon seit Jahren auf eine Wiedervereinigung der ganz anderen Art. Kool S. und der letzte tighte Nigga hätten es in Hannover fast dazu gebracht, als WBM wieder auf der Bühne zu stehen und nicht nur für mich wäre da Weihnachten und Ostern auf einen Tag gefallen, aber die Wege des Herrn sind unergründlich und aus unüberbrückbaren Differenzen wird selbst beim One Love Festival nicht innerhalb von Minuten wieder eine ganz große Liebe und so blieb die Sensation eben leider aus.

Gerade gestern Abend habe ich mich noch einmal darüber unterhalten und mir noch einmal genauestens erklären lassen, warum die Reunion nicht geklappt hat, was  dann im Lauf der Nacht zu folgendem bizarren Traum geführt hat:

Ich sitze in einem weißen Raum. In der Mitte ein Tisch. Am Tisch sitzen mehrere Personen. Gegenüber sitzt Bushido und zwei Plätze links davon Savas. Es geht darum, dass Bushido Franky Kubrick gesignt hat und meint, dass der einige neue und sehr gute Song-Ideen am Start habe und dass ein Song, ein total überraschendes Ende habe. Ich kenne diesen Song, aber ich weiß nicht mehr, wie das überraschende Ende geht. Ich sage Bushido, dass ich auch finde, dass Franky sehr interessante Ideen hat und dass sein letztes Album von den Geschichten her wirklich gut war, dass aber die Stimme und die Betonung überhaupt nicht gingen… usw., usf., was ich halt immer gegen Franky Kubrick sage. Bushido lächelt nur und schreibt weiter auf seinem Blatt Papier. Savas äfft mich nach, ignoriert mich ansonsten und ich frage mich, ob Franky Kubrik nicht bis vor kurzem bei Savas gesignt war. Es macht irgendwie keinen Sinn. 

Zuvor oder danach haben wir uns ein Franky Kubrick Showcase angeschaut. Er hat geschwitzt. Er hat mich gesehen. Ich wollte nicht, dass er sich meinetwegen verrappt oder schlecht fühlt. Er hatte Schweißperlen auf der Stirn.
Angefangen hat er seine Performance mit einer Art Stotter-Style. Er performte die Rolle eines Rappers, der über die erste halbe Zeile nicht hinauskommt. Da hat er auch seine Stimme nicht so verstellt. Das fand ich geil und ich wartete nur auf sein erstes Wort, das er wieder so eklig amerikanisch ausspricht. Aber es kam nicht.

Die Bühnenshow war eigentlich ein Video. 50Cent spielte mit. Oder jemand, der so aussah wie 50Cent. Tätowierte Menschen. Personen kletterten aus Personen. Apokalyptische Visionen in einer Art Kunstgalerie. Alle Menschen in diesem Video waren auch gleichzeitig Ausstellungsstücke.

Später lief ich dann selbst durch das echte Video. Da waren die Leute noch perfekter als auf der Bühne. Daran erkannte man auch den Unterschied und 50Cent war auch wirklich der echte 50Cent. Ich bewegte mich mit der Kamera durch die einzelnen Galerieräume, löste mich davon, fragte mich, ob ich jetzt Teil des Videos geworden bin, aber das war ich zu keinem Zeitpunkt.
Ein Objekt aus zwei Personen wirbelte in der Mitte eines weißen Ausstellungsraums. Breakdance. Es war so, dass man die zwei Körper erkennen konnte, die gleichzeitig aber auch eine gemeinsame Kugel bildeten. Der eine Mensch sah aus, wie die Person aus dem Bild von Edvard Munch mit dem Namen „DerSchrei“. Mit starken Strichen gemalt und trotzdem dreidimensional, umgeben von einer Art Plastikhülle. Der andere Körper war dynamischer. Bestand nur aus einem Rock und Unterröcken, war mehr Kugel und eindeutig eine Frau, die das Ganze zusammenhielt. Der Strichmann, mit dem Kopf von Taddäus aus Spongebob erhob sich und sucht nach einer Frau, die er auch beim Namen nannte. Den Namen habe ich aber vergessen, obwohl der Strichmann mit lauter und bestimmter Stimme sprach. Das Wesen trennte sich und die Frau trat hervor, in einem gelben Rock und einer schwarzen Strickjacke, die Haare so schwarz, als wären sie eine Perücke und in diesem Moment ging das andere Wesen wiederum in der Frau auf und als sich die Frau setzte nahm ich ihre Hand und erkannte, dass sie eigentlich ein Mann war und ich sagte ihr in ihr Gesicht, dass ich unter der Perücke kaum erkennen konnte, dass sie die gesuchte sei und sich melden müsse. Ich sagte „Du bist….“ Und ich sagte ihren Namen, der aus drei Silben bestand, aber keinen Sinn ergab, weil er so ähnlich wie „Bebebe“ klang. Und ich sagte ihren Namen, den ich jetzt wieder vergessen habe und ich sah in ihr oder in sein Gesicht. Und es war der Strichmann und gleichzeitig fragte ich mich, ob es nicht auch Franky Kubrick sei? Es war der Wahnsinn und dann wachte ich auf.

Freundinnen und Freunde. Vielleicht dreht mein Gehirn auch einfach nur durch gerade und verschafft sich mit solchen Träumen ein bisschen Luft. Nehmt das alles nicht allzu ernst. Mir geht’s gut. Ich hoffe Euch auch.

Am Samstag habe ich mir diese UFC Veranstaltung in Köln angeschaut und ich muss sagen, dass ich genug Freefight für mein ganzes Leben gesehen habe. Aber dazu an anderer Stelle wieder mehr.

PS: Aus Zeitgründen und weil ich da wirklich keine Lust dazu habe, wurde dieser Text weder Korrektur gelesen noch editiert. Verzeiht!

PPS: Und während ich hier sitze und Träume aufschreibe und über zu viel Arbeit klage muss ich an Bertolt Brecht denken, der ungefähr sagte, dass die Zeiten traurig sind, in denen ein Gespräch über Bäume ein Verbrechen ist, weil so viel wichtiges in dieser Zeit nicht gesagt würde.
Ich wünsche allen, die heute Nacht in den Straßen von Teheran für ein bisschen mehr Freiheit demonstrieren, dass ihre Kinder, Mütter, Frauen, Väter und Ehemänner sie morgen früh auch wieder sehen werden.
Vergesst nicht, dass es auch noch echte Probleme in dieser Welt gibt!
Monday, May 18, 2009 
Freundinnen und Freunde,

Die heutige Sitzung wollen wir mal so gestalten, dass ihr mein Therapeut seid und ich auf der Couch liege. Ganz im Sinne der Psychoanalyse von Freud, seid ihr dabei lediglich mein Spiegel und sagt… Nichts. Ich brabble so vor mich hin. Danach geht es mir besser, weil leichter, weil ich habe mich entleert und ihr macht Euch ein paar Notizen. Und in 2 Wochen treffen wir uns wieder und dann wiederholen wir das einfach.

Nach einem Freundlichen "Und?!“ von Eurer Seite schweige ich erst einmal. Es geht mir gut. Eigentlich habe ich nichts auf dem Herzen und trotzdem beginne Ich mit einem Geständnis. Ich gestehe, dass es mir zur Zeit sehr schwer fällt, diesen Blog hier zu schreiben. Es leigt ein bisschen am Titel, der das ganze thematisch natürlich so ein bisschen einschränkt. Es geht um Hip Hop. Geschichten aus der Hip Hop Welt. Aber da pssiert gerade gar nicht so viel in dieser Hip Hop Welt:

Azad sagt seine Tour ab und redet im Juice Interview über das scheitern seines Labels und darüber, dass sein Steuerberater im seit Jahren geraten hat, BOZZ Music dicht zu machen. Das ist schade auf jeden Fall und ich bin da auch echt traurig darüber, weil das so ein Traum war von ihm, wahrscheinlich auch so was wie: "Ich gebe meinen Homies Arbeit und kann sie so vor anderen Geschäften schützen“ und irgendwie kommt das so rüber, als würde er dieses Scheitern aktuell schon sehr stark und konkret ins Auge fassen und dann denke ich mir, dass es in der Rockmusik schon auch sehr große Karrieren gab, die das Scheitern verarbeitet haben und es gibt Menschen im Blues, die so großartig verloren haben, dass es einem das Herz zerreißt, ABER und das ist sehr wichtig dabei, diese Menschen haben dann auch keine schwarzen BMW Limousinen mit Chromfelgen in ihren Videos aufgefahren. Da stimmt dann was nicht. Irgendwas passt da nicht zusammen, oder habe ich da irgendeine versteckte Botschaft nicht mitbekommen.

Oder Falk schreibt in seiner neuen Kolumne in der Juice über ein ganz ähnliches Thema wie ich jetzt hier, wobei sich Falk auf einen Blog von Ralf Kotthoff bezieht, dem Gründer von mzee.com und ich beziehe mich jetzt wieder auf Falk und so beziehen wir uns gegenseitig aufeinenader, weil alle drei kennen wir uns ja auch noch privat und sind miteinander befreundet und irgendwie riecht das jetzt alles nach Inzest und wir schmoren alle im eigenen Saft und warum beziehen wir uns nicht einfach mal so auf Bonnie "Prince" Billy, der unfassbar gute Songs macht und nebenbei auch noch tolle Videos. Und da geht es auch ums Scheitern und Verlieren.



Worauf ich hinaus will: Falk schreibt in seiner Kolumne, dass die Hip Hop Kultur beileibe nicht tot ist, sondern, dass er die beste Musik seit Jahren hört, gerade, und dass er nur das Problem hat, dass es so viel gute Musik gibt und er schon gar nicht hinterher kommt mit dem vielen gute Musik hören und dass er denkt, dass Casper der neue Rap superstar am Horizont ist, der da kommt auf einem weißen Schimmel, mit der schwarzen Krähe auf der Schulter, auf dem grünen Gras und der da uns die Hand entgegenstrecken wird, wenn wir gerade bis zum Hals im Treibsand stecken und uns aus der Scheiße ziehen wird. Ach Gott, das wünsche ich mir auch. Aber ich weiß nicht, ob Casper das schafft. Immerhin wiege ich fast 90 Kilo.

Ok. Abgesehen davon, dass das neue Portraitfoto von Falk über seiner Juice Kolumne äh … echt crisp ist, abgesehen davon halte ich seine Haltung für ein kleines bisschen zweckoptimistisch.

Es kann ja sein, dass wir zur Zeit Musik hören könnten, die technisch, von den Reimskillz und überhaupt, die beste Hip Hop Musik ist, die je gemacht wurde, ABER darum geht es doch gar nicht. Es geht um Begeisterung. Es geht um das Feuer, das fehlt. Es geht ja nicht darum, dass man Veranstaltungen pusht, die gut organisiert und back to the roots sind und dass es immer noch Menschen gibt, die sich anstrengen. Nein es geht genau um das Gegenteil. Es geht darum, dass man eben nichts pushen muss, weil es eben da ist. Es geht darum, dass man sich nicht anstrengen muss, weil die Menschen so begeistert sind, dass sie ihre Mühen gar nicht als Anstrengung empfinden. Es geht darum, dass man sich nicht immer sagen muss, dass es das beste ist, was man jemals gehört hat, sondern dass es schlichtweg egal ist, wie etwas produziert wurde, weil es einfach so geil ist, dass es dir den Kopf weg haut und man einfach hinten über fällt, weil es einem so gefällt. Bumm. Einfach so.

Und dann denke ich mir, dass Leute in Werbeagenturen immer so ein Loch haben, wenn sie 40 sind und dann meistens auch ausgetauscht werden, weil sie sich nicht mehr für Dinge begeistern können, nicht weil sie plötzlich alt und gefräßig sind und nicht mehr klar denken können, sondern weil sie schon alles irgendwie schon mal erlebt und gesehen haben und deshalb alles ein bisschen langweilig finden. Und dann habe ich Angst, dass ich jetzt dann auch bald ausgetauscht werde, dass ich jetzt dann bald eine Brief bekomme von der World Associated Federation of Hip Hop, der WAFHH und in diesem Brief steht dann folgendes:

Dear Mister Staiger,

Thank you fort he Commitment that you have shown in the last years ….
(Und den Rest übersetze ich jetzt mal so, weil ich kann nicht so gut englisch als dass ich den Witz hier jetzt durchziehen könnte.) Also Dankschön für ihre Einsatzbereitschaft, die sie in den letzten Jahren gegenüber der Hip Hop Kultur und insbesondere der Pflege der deutschen Hip Hop Szene an den Tag gelegt haben. Wir bedanken uns im Namen aller Aktiven und würden uns freuen, wenn Sie die Position unserer internen Onlineabteilung als Senior Vice President of the United Arabic Emirates Hip Hop Association in Dubai übernehmen würden. Ihre Aufgabe dort wäre es in verantwortungsvoller Position den Aufbau der Hip Hop Kultur im nahen und mittleren Osten zu überwachen und unsere Kultur zu repräsentieren. Ein bis 2 öffentliche Auftritte im Jahr zu absolvieren und ansonsten die Fresse zu halten. Von Blogs, Stellungnahmen, Kommentaren und Beratung bitten wir abzusehen, da wir nach eingehendem Studium ihrer Texte zu dem Schluss gekommen sind, dass von ihnen nichts kommt. Die neue Position teilen sie sich übrigens mit den Herren Falk Schacht, Ralf Kotthoff, Frederik Hahn aka Torch, Schowi und Strachi vom 0711 Büro, die schon seit längerem in Dubai vertreten sind und sehr vielen anderen bekannten Gesichtern, die Sie schon seit Jahren kennen. Wir wünschen ihnen viel Spaß bei Ihrer neuen Aufgabe, die sie morgen antreten können. Von allen anderen Aufgaben und Funktionen sind Sie mir sofortiger Wirkung entbunden.

Herzlichst Ihr Joseph A.L.
Head of WAFHH, New York City.


Alles klar. Was ich damit sagen will, ist, dass es ja auch möglich sein könnte, dass es an mir liegt. Also so Selbstzweifel. Zum Beispiel das neue EMINEM Album. Wenn man jetzt 15 ist und das neue EMINEM Album kommt raus und man holt es sich, dann hält man Relapse vielleicht tatsächlich für DAS Album des Jahrhunderts. Dann ist Relapse eine Offenbarung. Dann denkt man sich WOW, das ist Future Rap, das ist der geilste Scheiß, den ich jemals gehört habe. Da ich persönlich aber schon 5 EMINEM Alben kenne und trotz meines beschissenen Musikgeschmacks von der Slim Shady LP tief beeindruckt war, weil es damals neu, verrückt und genial war…. nun kann ich also Relapse als sehr gutes Album feiren, ABER so richtig vom Hocker hauen tut es mich nicht. Versteht ihr was ich meine? Vielleicht ist es das beste EMINEM Album, das er jemals produziert hat, ABER es ist ein EMINEM Album und alles, was er auf dem Album macht, hat er selbst eben schon mal vorher gemacht. Das er es jetzt besser macht ist eine handwerkliche Komponente, die ich schätzen kann, aber sie versetzt mich nicht in Ekstase. Und das tragische an der Sache ist, dass EMINEM gar nichts machen könnte, was mir einfällt, um das Blatt zu wenden, weil ich es unfassbar ekelig finden würde, wenn er jetzt mit Elektrorap daherkommen würde, dann würde ich mir eine Peitsche kaufen, mit der ich mir auf den Rücken schlage und ich würde mich für die nächsten philippinischen Passionsspiele anmelden. Yo.

So. Wenn man sich die Geschichte des Christentums anschaut, dann haben die frühen Kirchenväter, also die Jungs, die aus einem immer wieder kehrenden Mythos eine mächtige Organisation geschaffen haben, wahrscheinlich auch solche Durchhänger gehabt. Ein zwei intensive Gespräche mit dem Herrn oder wahlweise brennenden Büschen oder gleißenden Lichtern auf der Straße nach Damaskus haben die Typen aber wieder auf Kurs gebracht.

Und so sitze ich hier, warte auf das Licht und bis dahin singe ich:

I saw the light, i saw the light
No more Darknsess no more night
Now I am so happy no sorrow insight
Praise the Lord yeah I saw the light.



Und ich habe diese Version rausgesucht, einzig und alleine wegen der Frauen im weißen Kleid und den Beton Frisuren. Yipiie Yeah!

Ich bedanke mich für Eure Aufmerksamkeit. Es geht mir schon viel besser.

Wednesday, April 29, 2009 
Freundinnen und Freunde,

ich muss mich entschuldigen. Die letzte Zeit war etwas überfüllt mit Arbeit und da ich ja nicht irgendwie blöde vor mich hintwittern will, sondern fundierte Analysen des Rap Geschehens abgeben möchte, hat es mit dem heutigen Text ein bisschen gedauert.

Zu berichten gibt es ja einiges, denn erdrutschartig hat sich die Deutsche Raplandschaft vor 3 Wochen verändert und mehrer Medienvertreter haben bei mir angerufen, um meine fundierte Meinung über das ableben von AGGRO Berlin einzuholen. Warum sie da nicht gleich Specter, Spaiche und Halil befragt haben, ist eine berechtigte Frage, aber wahrscheinlich haben sie nicht die richtigen Telefonnummern gehabt und ich bin nicht schlau genug, mein Telefon samt Nummer regelmäßig zu verlieren, oder besser gesagt: Das Telefon verliere ich zwar schon regelmäßig, die Nummer aber nie. Wie auch immer. AGGRO Berlin ist zu und die große Frage ist: Wohin gehst Du deutscher Rap?

Nun ist es ja so, dass AGGRO Berlin und ich oder besser gesagt ROYALBUNKER nicht unbedingt die besten Freunde waren. Zeitlebens begleitete uns eine unterschwellig bis offen aggressive Konkurrenz, was darin gipfelte, dass AGGRO Berlin ROYALBUNKER einfach überrollt hat und sie mit der Zeit wahrscheinlich gar nicht mehr an uns gedacht haben und wir uns immer mit dem großen Feind vergleichen lassen mussten. AGGRO Berlin hat einfach vieles richtig gemacht, was ROYALBUNKER falsch gemacht hat und doch war AGGRO für mich auch immer der Gegenentwurf zu meiner Arbeit: So wollte ich nie sein.

Angefangen hat alles allerdings ein bisschen anders. Als ROYALBUNKER die ersten Tapes veröffentlichte, waren darunter auch die Tapes einer Crew, die sich die Sekte und später auch Royal TS nannte. Sido und B-Tight, wobei erwähnt werden muss, dass Sido zu Beginn noch von der Sekte gefeatured wurden und die ursprünglichen Sekte Members Collins, B-Tight und Kimba hießen. Kennt heute wahrscheinlich keiner mehr, will ich an dieser Stelle aber noch mal festhalten.
Einer der begeistertsten Käufer dieser Veröffentlichungen war ein sehr guter Sprüher namens Specter, der bekannt war für seine stylischen, comichaften und sehr individuellen Character. Irgendwie kam er aus Frankreich, oder hatte zumindest eine Frankreich Connection und ich kann mich noch erinnern, wie wir uns abends um 10 irgendwo getroffen haben, weil er am nächsten Tag noch nach Paris gefahren ist und UNBEDINGT noch ein Sekte Tape mitnehmen musste, um es seinen Kumpels dort vorzuspielen. Nach seinen Worten, war das das Krasseste, was er an deutschem Sound jemals gehört hatte und ich lächelte wohlwollend. Ich mochte die Sekte Sachen, aber ich fand nach wie vor, dass Savas der beste Rapper aus unserem Umfeld war und dass sich Sido und Bobby auch aufgrund ihres Alters erstmal hinten anstellen sollten. Die Jungs waren 18 oder so und da ich sowieso die ganze Zeit mit Savas auf Tour war, dachte ich: erst er, dann die anderen. Vielleicht dachte ich auch gar nichts, denn ehrlich gesagt bin ich damals ohne einen konkreten Plan in dieses Business gesteppt und meine Zielsetzung änderte sich alle halbe Jahre. Zuerst wollte ich ein Freestyle Cafe machen. Dann wollte ich ein paar Tapes rausbringen. Dann wollten ich ein paar Alben auf Tapes rausbringen. Irgendwann dann hatte ich die Vorstellung, dass man ja ein richtiges Label machen könnte. Dann war Vinyl machbar usw. usf. Den großen Businessplan: Ich gründe jetzt ein Label und ziehe das durch, den gab es nicht.

Das war bei AGGRO ein bisschen anders. Zwar waren die Anfänge vom Hörensagen her eben so chaotisch wie bei uns und ich belächelte das Label mit dem Sägeblatt immer als schlechte RB-Kopie, aber dass sich da drei Gehirne getroffen haben, mit einer eindeutigen Stoßrichtung verlieh der ganze Sache dann doch relativ schnell eine gewisse Dynamik. Und das war dann auch eine richtige Killermischung. Specter. Verantwortlich für das optische Erscheinungsbild. Spaiche, der sich in relativ kurzer Zeit das gesamte Handwerk der Musikindustrie als Wissen draufgeschafft hat und Halil, der die ganze Zeit „Verkaufen, Verkaufen“ brüllt und wohl auch die ganze Zeit daran denkt. Da Sido und B-Tight mit ihrer Existenz in der zweiten Reihe nicht ganz zufrieden waren und relativ schnell mitgekriegt haben, dass sie woanders ganz vorne mit dabei sein würden, brauchte es wenig Überzeugungsarbeit, in Zukunft der neuen Kraft im Rapgeschäft zur Verfügung zu stehen. Ganz anders im Gegensatz zum Rest der Sekte, die mittlerweile mit Vokalmatador, Calle und Rhymin Simon verstärkt worden waren. Kimba und Collins waren zu diesem Zeitpunkt schon weit weniger aktiv. Was genau und in welcher Reihenfolge passierte, kriege ich an dieser Stelle nicht mehr richtig zusammen, auf jeden Fall war es so, dass Sido und B-Tight das zweite Royal TS hinter meinem Rücken produziert haben und so indirekt erklärten, dass sie nicht mehr beim Bunker sind, was ich dann auch nur indirekt erfahren habe.
Es gab dann noch ein großes Gespräch im Wedding mit allen Sektenmitgliedern und eigentlich haben wir uns darauf geeinigt, dass wir die Arbeit fortsetzen sollten, aus geschäftlichen Gründen und dass "Back in Dissness“ doch noch auf ROYALBUNKER erscheinen sollte. Als ich dann aber in der selben Nacht noch den Presseinfotext schreiben wollte, fiel mir absolut nichts ein und so rief ich am nächsten Tag bei Paul an und erklärte ihm, dass es wohl besser sei, wenn wir die Zusammenarbeit auflösen würden, worauf er wiederum meinte, dass er sich genau das gedacht habe, dass ich so reagieren würde.
Simon habe ich dann auch noch von diesem Schritt unterrichtet und ihm gesagt, dass er doch bitte bei ROYALBUNKER bleiben solle, was er dann ja auch getan hat.
Warum allerdings die Zusammenarbeit zwischen AGGRO und Calle, Vokalmatador und Simon nicht zustande kam, weiß ich allerdings nicht genau, da es definitiv Gespräche gegeben hat und letztendlich ja auch ein paar Freundschaften darunter gelitten haben.

Mit dem neuen Label waren allerdings die Fronten nun auch geklärt und was mit freundschaftlichen Sticheleien angefangen hat, wurde irgendwann dann auch ein bisschen hässlich. Spätestens mit Beatfabrik auf der einen Seite und Bushido und Fler auf der anderen Seite gab es Unstimmigkeiten, die noch aus alten Sprühertagen herrührten und wo es immer auch um Loyalität und Gruppenzwang ging. Trotz allem musste ich mir immer anhören, was AGGRO nun wieder besser gemacht hat und welche Moves, während ich ein wenig neidisch auf Künstler wie Bushido schielte, die kurz vor ihrem Release selbständig auf dem Ku’damm Flyer fürs neue Album verteilten und nicht, weil ich das für eine unglaublich gute Marketing Idee gehalten habe, sondern weil ich den persönlichen Einsatz der Leute einfach gut fand.

Auch hörte ich von Konzerten bei denen nur 70 Leute anwesend waren und die AGGRO Künstler haben sich trotzdem reingehängt und performt als wäre es das letzte mal gewesen, während ich ein paar meiner Leute selbst vor 300 Leuten auf die Bühne schieben musste. Und so musste ich damals mit viel schlechten Gefühlen mit ansehen, wie die rot-weißen an uns vorbei zogen und als Spaiche damals im Hip Hop Magazin MKZwo erklärte, dass die Top10 definitiv das erklärte Ziel seien, ansonsten würde das alles ja gar keinen Sinn machen, auch wirtschaftlich, da habe ich mir nur gedacht: Was für Irre!

Heute kann ich das neidlos anerkennen, aber genau diese Visionskraft war es, die AGGRO von allen anderen Labels da draußen unterschied, und ich rede hier nicht von komischen, postpubertären Träumen. Nein. Die drei Köpfe von AGGRO haben einfach erkannt, was sie da in der Hand haben und wie sie das, was sie in der Hand haben auch richtig umsetzen können, dass es etwas richtig großes werden konnte. Und wenn deine T-Shirts auf dem Polenmarkt in Slubice als Bootlegdrucke angeboten werden, dann bist du wirklich groß. Also so richtig groß.
Bei all der Kritik, die man an der Arbeit von AGGRO haben kann, bezüglich einer gewissen Skrupellosigkeit im Umgang mit den Medien und gewissen geschichtlichen Themen, eins haben uns Specter, Halil und Spaiche wirklich gezeigt: Hip Hop ist groß, kann noch größer werden und ist wirklich relevant. Auch wenn man die BILD Zeitung nicht mag, so muss man doch akzeptieren, dass sie dem Volk aufs Maul schauen und genau das schreiben, was die Leute lesen wollen.

Auch ich lese lieber die Titanic und in letzter Zeit vermehrt die SPEX, aber wenn man das tut, dann muss man auch genau wissen, dass weder die Titanic noch die Spex oder die TAZ jemals eine solche Auflagenzahl wie die BILD erreichen werden. Das ist nicht traurig. Das ist auch nicht schlimm, darüber braucht man sich auch nicht aufzuregen. Das ist einfach so.

AGGRO Berlin hat es in den letzten 8 Jahren verstanden, einen gewissen Nerv der Zeit zu treffen und auch einen Großteil der deutschen Hip Hop Fans zu repräsentieren. Mit Sido, B-Tight, Bushido und Fler schufen sie Prototypen für Rapper, die tausendfach kopiert wurden.
AGGRO Berlin hat bewiesen, dass man auch als Indipendentlabel wahnsinnig erfolgreich sein kann, wenn man nicht nur kifft, sondern auch hart arbeitet.

Und so machen wir es mal so wie alte Weltkriegssoldaten bei irgendwelchen Veteranentreffen. Reichen wir uns also die Hände und ich zolle Respekt.
Vielleicht liegt ja auch im großen persönlichen Einsatz, den alle Beteiligten beim Unternehmen AGGRO geleistet haben, das Geheimnis der Schließung begraben. Wer so lange alles gibt, der muss irgendwann Schluss machen. Und ein Schluss in Ehren ist immer noch besser, als langsam vor sich hin zu dümpeln.

In diesem Sinne: Alles gute und farewell Label Nr.1 AGGRO Berlin,

wünscht das beste ehemalige Label der Welt ROYALBUNKER!