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Michael Schroeder


Last Updated: 10/28/2009

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Tuesday, November 24, 2009 

Camillo Berneri – Der Arbeiterkult (1934)

2009 November 24
by syndikalismus

Camillo Berneri (Geb. 28. Mai 1897): Herausgeber der italienischsprachigen anarchosyndikalistischen Zeitung „Guerra de Classe“ (Klassenkampf).Von Anhängern der Kommunistischen Partei am 6. Mai 1937 in Barcelona ermordet. Für die CNT und FAI betrieb er dort eine Radiostation.

Bei der Lek­tü­re des Bu­ches von Carlo Ros­sel­li (1), So­cia­lis­me libéral (Paris 1934) mach­te ich mir fol­gen­de Rand­no­ti­zen (ich über­set­ze): „Die pes­si­mis­ti­sche Be­ur­tei­lung des Men­schen, da die Masse nichts an­de­res ist als eine Summe kon­kre­ter In­di­vi­du­en. So­bald man die Masse für un­fä­hig hält, den Wert eines Kamp­fes um die Frei­heit, wenn auch nur in gro­ben und pri­mi­ti­ven Um­ris­sen, zu er­fas­sen, be­haup­tet man damit zu­gleich, daß der Mensch jeder Re­gung, die nicht streng uti­li­tä­rer Natur ist, ver­schlos­sen bleibt. Jed­we­dem Traum einer so­zia­len Er­lö­sung wird da­durch mit einem Schlag seine Grund­la­ge ent­zo­gen. Der Glau­be an de­mo­kra­ti­sche In­stink­te, der auf der An­nah­me einer We­sens­über­ein­stim­mung der Men­schen un­ter­ein­an­der und auf einem ver­nunft­ge­mä­ßen Op­ti­mis­mus be­züg­lich der mensch­li­chen Natur be­ruht, wird so ohne wei­te­res er­stickt.“ Ich habe nie­mals, ohne da­ge­gen Ein­spruch zu er­he­ben, die Nietz­sche ab­ge­kup­fer­te Hal­tung ei­ni­ger In­di­vi­dua­lis­ten to­le­riert, deren Be­stim­mung es schließ­lich ge­we­sen ist, als Se­kre­tä­re der Ar­beits­kam­mer oder auf einem noch schlim­me­ren Pos­ten zu enden, ge­nau­so­we­nig habe ich einem „fort­schritt­li­chen und be­wuß­ten“ Pro­le­ta­ri­at die Schu­he ge­putzt, nicht ein­mal auf einer Pro­pa­gan­da­ver­an­stal­tung. Der ein­schmeich­le­ri­schen Rede bol­sche­wis­ti­scher Bon­zen konn­te ich noch nie etwas ab­ge­win­nen.
In einem Ar­ti­kel der Azio­ne an­ti­fa­scis­ta vom Juni 1933 lese ich – und ich führe hier unter tau­send mög­li­chen Bei­spie­len nur ein ein­zi­ges an –, dass Gram­sci von pro­le­ta­ri­schem Geist be­seelt ist. Wo habe ich die­sen Aus­druck schon ein­mal ge­hört? Ich muß in mei­nem Ge­dächt­nis kra­men. Ja, genau. Das war in Le Pecq, wo mich ein­mal im Habit und im Schwei­ße eines Mau­rer­ge­hil­fen ein „Ver­ant­wort­li­cher“ der Kom­mu­nis­ten über­rascht hat. „Jetzt kannst du mal am ei­ge­nen Leib den pro­le­ta­ri­schen Geist ver­spü­ren, Ber­ne­ri!“ re­de­te mich die­ser an. Zwi­schen einem Sieb Sand und zwei Ei­mern fet­tem Mör­tel dach­te ich über den pro­le­ta­ri­schen Geist nach. Und wie so oft bei der Klä­rung eines Pro­blems stie­gen mir die im Ge­dächt­nis mei­nes Her­zens ver­gra­be­nen Er­in­ne­run­gen auf. Die ers­ten Be­geg­nun­gen mit dem Pro­le­ta­ri­at: dort such­te ich nach dem Roh­ma­te­ri­al für eine De­fi­ni­ti­on. Den pro­le­ta­ri­schen Geist fand ich hier aber nicht vor. Ich fand statt des­sen meine frü­he­ren Ge­nos­sen wie­der: die Jung­so­zia­lis­ten von Reg­gio Emi­lia und Um­ge­bung. Dar­un­ter waren groß­her­zi­ge, of­fe­ne und wil­lens­star­ke Geis­ter. Da­nach lern­te ich die An­ar­chis­ten ken­nen. Tor­qua­to Gobbi war mir ein Leh­rer, an den dunst­ver­han­ge­nen Aben­den ent­lang der via Emi­lia unter den Gän­gen, die von mei­nen Be­mü­hun­gen wi­der­hall­ten, sei­ner be­son­ne­nen Dia­lek­tik stand­zu­hal­ten. Er war Buch­bin­der und ich war Pen­nä­ler, noch ein Mut­ter­söhn­chen und folg­lich, was diese große und wahre Uni­ver­si­tät an­be­langt, die das Leben ist, noch völ­lig un­be­leckt. Und wie­vie­le Ar­bei­ter sind mir nicht nach­her noch im All­tag be­geg­net? Fand ich auch in manch einem den Fun­ken, der dann in mei­nem Den­ken zün­de­te oder ich moch­te an ihm eine Wahl­ver­wandt­schaft ent­de­cken – manch an­de­ren öff­ne­te ich mich sogar in brü­der­li­cher Ver­traut­heit – so lie­ßen mich doch auch viele kalt. Wie­vie­le är­ger­ten mich nicht mit ihrem hoh­len Dün­kel, wie­vie­le wi­der­ten mich nicht mit ihrem Zy­nis­mus an! Das Pro­le­ta­ri­at waren für mich „die Leute“: das Klein­bür­ger­tum, in dem ich auf­ge­wach­sen bin und die Masse der Stu­den­ten, unter denen ich lebte, kurz, die Menge. Meine Freun­de sowie meine Ge­nos­sen unter den Ar­bei­tern, die in­tel­li­gen­tes­ten und spon­tans­ten unter ihnen, spra­chen mir nie von einem „pro­le­ta­ri­schen Geist“. Ge­ra­de von ihnen er­fuhr ich, wie lang­wie­rig der Fort­schritt in der so­zia­lis­ti­schen Pro­pa­gan­da und Or­ga­ni­sie­rung von­stat­ten ging. Als ich dann selbst in die Pro­pa­gan­da und in die Or­ga­ni­sa­ti­on ein­trat, sah ich das Pro­le­ta­ri­at, das ich in sei­ner Ge­samt­heit für eine un­ge­heu­re Kraft hielt, die sich ihrer selbst nicht be­wußt ist – und dafür halte ich es auch heute noch –; eine Kraft, die un­klu­ger­wei­se nur auf ihren ei­ge­nen Vor­teil be­dacht ist, die sich nur sehr schwer für idea­le Mo­ti­ve und mit­tel­ba­re Ziele schlägt und die vol­ler end­lo­ser Vor­ur­tei­le, gro­ber Un­wis­sen­heit und kind­li­cher Il­lu­sio­nen steckt. Als Auf­ga­be kommt es m.E. den élites ein­deu­tig zu, daß sie den Mas­sen ein Bei­spiel sind an Wa­ge­mut, Op­fer­geist und Aus­dau­er; daß sie die Mas­sen an ihren ei­ge­nen Wert er­in­nern, an die po­li­ti­sche Un­ter­drü­ckung, an die wirt­schaft­li­che Aus­beu­tung, aber auch an die mo­ra­li­sche und in­tel­lek­tu­el­le Min­der­wer­tig­keit der Mehr­hei­ten.
Ich er­ach­te es wirk­lich als ein Zeug­nis für schlech­ten Ge­schmack und halte es oben­drein für schäd­lich, Bour­geoi­sie und Pro­le­ta­ri­at in der dem­ago­gi­schen Grob­schläch­tig­keit von Hin­ter­trep­pen­ka­ri­ka­tu­ren aus dem Re­per­toire des Avan­ti! oder ir­gend­wel­cher „Ver­an­stal­tungs­red­ner“ dar­zu­stel­len zu wol­len. Es ist lei­der immer noch eine fürch­ter­lich plum­pe so­zia­lis­ti­sche Rhe­to­rik in Ge­brauch, und die Kom­mu­nis­ten haben mehr als jede an­de­re Avant­gar­de­par­tei ihren An­teil daran, daß sie auch wei­ter­hin Be­stand haben wird. Noch nicht zu­frie­den mit dem „pro­le­ta­ri­schen Geist“, haben sie noch zu­sätz­lich die „pro­le­ta­ri­sche Kul­tur“ ins Spiel ge­bracht. Als Lun­ats­char­ski starb, ging in ge­wis­sen kom­mu­nis­ti­schen Zei­tun­gen die Rede, er hätte die „pro­le­ta­ri­sche Kul­tur“ ver­kör­pert. Wie ein ge­bil­de­ter und ziem­lich eit­ler Schrift­stel­ler bür­ger­li­cher Her­kunft (und Bil­dung ist be­kannt­lich der Ka­pi­ta­lis­mus der Kul­tur) wie Lun­ats­char­ski die pro­le­ta­ri­sche Kul­tur re­prä­sen­tie­ren kann, ist ein Ge­heim­nis, das dem der „mar­xis­ti­schen Gy­nä­ko­lo­gie“ gleich­kommt, jenem Be­griff, an dem sogar Sta­lin An­stoß ge­nom­men hat. Le Réveil aus Genf, sich gegen den Miß­brauch ver­wah­rend, der mit dem Aus­druck „pro­le­ta­ri­sche Kul­tur“ be­trie­ben wird, mach­te fol­gen­de Be­ob­ach­tung: „Der Pro­le­ta­ri­er ist, per de­fi­ni­tio­nem und sehr oft auch in Wahr­heit, ein un­wis­sen­der Mensch, des­sen Kul­tur not­ge­drun­gen sehr be­schränkt ist. Die Ver­gan­gen­heit hat uns auf allen Ge­bie­ten un­schätz­ba­re Werte ver­macht, die nicht die­ser oder jener Klas­se zu­ge­schrie­ben wer­den kön­nen. Der Pro­let for­dert zu­nächst eine grö­ße­re Be­tei­li­gung an der Kul­tur als einem Teil jener Reich­tü­mer, die er nicht län­ger ent­beh­ren will. Die bür­ger­li­chen Ge­lehr­ten, Schrift­stel­ler und Künst­ler haben uns Werke von eman­zi­pa­to­ri­schem Ge­halt über­lie­fert; die an­geb­lich pro­le­ta­ri­schen In­tel­lek­tu­el­len ti­schen uns da­ge­gen zu­meist un­ver­dau­li­che Ge­rich­te auf“.
Eine pro­le­ta­ri­sche Kul­tur be­steht durch­aus, doch sie be­schränkt sich auf Fach­kennt­nis­se und auf ober­fläch­li­ches, aus den Bruch­stü­cken un­sys­te­ma­ti­scher Lek­tü­re zu­sam­men­ge­schus­ter­tes le­xi­ka­li­sches Wis­sen. Ein ty­pi­sches Merk­mal pro­le­ta­ri­scher Kul­tur ist ihr Rück­stand ge­gen­über dem Fort­schritt der Wis­sen­schaft und der Kunst. Unter den „Au­to­di­dak­ten“ las­sen sich sehr wohl fa­na­ti­sche An­hän­ger von Ha­eckels Mo­nis­mus, Büch­ners Ma­te­ria­lis­mus und sogar des klas­si­schen Spi­ri­tua­lis­mus (Ber­ke­ley, Leib­niz d. Ü.) fin­den, doch kaum ein wirk­lich ge­bil­de­ter Mensch. Jede nur denk­ba­re Theo­rie be­ginnt so­gleich po­pu­lär zu wer­den und in der pro­le­ta­ri­schen Kul­tur An­klang zu fin­den, so­bald sie nur ver­schwen­de­risch genug aus­ge­stat­tet ist. Wie die volks­tüm­li­che Ro­man­ze vol­ler Fürs­ten, Mar­che­si und Sa­lon­emp­fän­ge zu sein hat, so ist auch ein Buch dann am ge­frag­tes­ten und es wird ge­ra­de dann von den Au­to­di­dak­ten ver­schlun­gen, je ver­wor­re­ner und un­aus­ge­go­re­ner es ist. Viele von ihnen haben nie­mals die Er­obe­rung des Bro­tes oder den Dia­log Unter Bau­ern ge­le­sen, dafür aber Die Welt als Wille und Vor­stel­lung und Die Kri­tik der rei­nen Ver­nunft. Ein ge­bil­de­ter Mensch, der sich bei­spiels­wei­se mit Na­tur­wis­sen­schaf­ten be­faßt und über kei­ner­lei Kennt­nis­se der Hö­he­ren Ma­the­ma­tik ver­fügt, wird sich davor hüten, Ein­stein zu be­ur­tei­len. Ein Au­to­di­dakt ist da­ge­gen beim Fäl­len von Ur­tei­len sehr wa­ge­mu­tig. Er wird von Tizio sagen, daß der nur ein „ge­rin­ger Phi­lo­soph“, von Cairo, daß der ein „gro­ßer Ge­lehr­ter“ ge­we­sen und von Sem­pro­nio, daß der die Um­keh­rung der Pra­xis ge­nau­so­we­nig be­grif­fen habe wie die No­u­me­na und die Hy­postase. Ge­wöhn­lich be­dient sich näm­lich der Au­to­di­dakt mit Vor­lie­be einer kom­pli­zier­ten Re­de­wei­se.
Eine Zeit­schrift zu grün­den, ge­schwei­ge denn ein wö­chent­lich er­schei­nen­des Blatt, davor schreckt der Halb­ge­bil­de­te kei­nes­wegs zu­rück. Er wird darin über die Skla­ve­rei in Ägyp­ten schrei­ben, über So­lar­ma­schi­nen, den „Athe­is­mus“ des Gior­da­no Bruno, die „Be­wei­se“ für die Nicht­exis­tenz Got­tes oder He­gels Dia­lek­tik, aber er wird darin kein Ster­bens­wort über seine Fa­brik, sein Leben als Ar­bei­ter oder über seine Be­rufs­er­fah­run­gen ver­lau­ten las­sen.
So­bald er sich eine wahre Bil­dung ver­schafft hat, so­fern er also über Be­ga­bung und Wil­len ver­fügt, hört der Au­to­di­dakt für ge­wöhn­lich auf, einer zu sein. Aber dann ist seine Kul­tur auch nicht mehr die eines Ar­bei­ters. Ein ge­bil­de­ter Ar­bei­ter, wie Ru­dolf Ro­cker, ist einem Schwar­zen ver­gleich­bar, der als Kind nach Eu­ro­pa ge­bracht wor­den und in einer ge­bil­de­ten Fa­mi­lie oder in einem In­ter­nat auf­ge­wach­sen ist. In so einem Fall zäh­len weder Her­kunft noch Haut­far­be. In Ro­cker würde nie­mand den ehe­ma­li­gen Satt­ler ver­mu­ten, wäh­rend ein Grave, als Vul­ga­ri­sie­rer Kro­pot­kins, immer an den eins­ti­gen Schus­ter den­ken läßt. Die so­ge­nann­te „Ar­bei­ter­kul­tur“ ist, um es kurz zu ma­chen, eine pa­ra­si­tä­re Sym­bio­se zur ech­ten Kul­tur, die noch bür­ger­lich oder klein­bür­ger­lich ge­prägt ist. Eher geht aus dem Pro­le­ta­ri­at ein Titta Ruffo oder ein Mus­so­li­ni her­vor als ein Ge­lehr­ter oder ein Phi­lo­soph. Und das nicht, weil Be­ga­bung das Mo­no­pol einer Klas­se ist, son­dern weil neun­und­neun­zig Pro­zent der Pro­le­ta­ri­er ab der Grund­schu­le an durch ein Leben in Ar­beit und Ab­stump­fung sys­te­ma­tisch der Zu­gang zur Kul­tur ver­wei­gert wird. Am meis­ten be­rech­tigt im For­de­rungs­ka­non der So­zia­lis­ten sind daher Un­ter­richt und Bil­dung für alle. Und die kom­mu­nis­ti­sche Ge­sell­schaft wird künf­tig für ur­wüch­si­ge élites sor­gen, doch heute ist es nur gro­tesk etwa von einer „pro­le­ta­ri­schen Kul­tur“ des Phi­lo­lo­gen Gram­sci zu spre­chen oder vom „pro­le­ta­ri­schen Geist“ des Bour­geois Ter­ra­ci­ni. Die so­zia­lis­ti­sche Lehre ist eine Schöp­fung bür­ger­li­cher In­tel­lek­tu­el­ler. Wie De Man in Au de là du mar­xis­me fest­ge­stellt hat, ist sie „we­ni­ger eine pro­le­ta­ri­sche Dok­trin als eine Dok­trin für das Pro­le­ta­ri­at“. Die haupt­säch­li­chen Agi­ta­to­ren und Theo­re­ti­ker des An­ar­chis­mus kamen wie God­win, Baku­nin, Kro­pot­kin, Ca­fie­ro, Mella, Faure, Co­vel­li, Ma­la­tes­ta, Fabbri, Gal­lea­ni, Gori und Volta­iri­ne de Cley­re aus dem aris­to­kra­ti­schen und bür­ger­li­chen Mi­lieu, um ins Volk zu gehen. Von allen an­ar­chis­ti­schen Schrift­stel­lern ist Proud­hon, der pro­le­ta­ri­scher Her­kunft ist, am meis­ten von klein­bür­ger­li­chen Denk­wei­sen und Res­sen­ti­ments be­ein­flußt ge­we­sen. Und ge­ra­de der Schuh­ma­cher Grave ist dem bür­ger­lichs­ten de­mo­kra­ti­schen Chau­vi­nis­mus ver­fal­len. Wäh­rend wie­der­um aus der Ar­bei­ter­schaft stam­men­de Or­ga­ni­sa­to­ren wie Rosso­ni und Me­le­dan­dri dem Syn­di­ka­lis­mus un­be­strit­ten die im Ver­hält­nis grö­ße­re An­zahl An­hän­ger ver­schafft haben.
Die rus­si­schen Volks­tüm­ler und die Lehre von Sorel sind zwei Aus­prä­gun­gen eines ro­man­tisch ver­klär­ten Ar­bei­ter­kults, der in der bol­sche­wis­ti­schen Dem­ago­gie seine for­mel­le Fort­set­zung ge­fun­den hat. Im Ver­gleich zu den meis­ten Schrift­stel­lern hat Gorki noch die längs­te Zeit sehr in­ten­siv im Pro­le­ta­ri­at ge­lebt, und er schreibt: „Immer dann, wenn sie (die Pro­pa­gan­dis­ten) vom Volk spra­chen, merk­te ich so­fort, daß sie es mit ganz an­de­ren Augen be­trach­te­ten als ich dies tat. Das über­rasch­te mich und ließ mich an mir selbst zwei­feln. Das Volk ver­kör­per­te für diese Leute Weis­heit, Schön­geis­tig­keit und Warm­her­zig­keit. Es war für sie ein ein­zig­ar­ti­ges, ge­ra­de­zu gött­li­ches Wesen, das im Be­sitz von na­he­zu allem stand, das wahr, gut und schön ist. Das war wahr­lich nicht das Volk wie ich es kann­te.“
Ar­turo La­brio­la, aus des­sen Schrift Al di là del ca­pi­ta­lis­mo e del so­cia­lis­mo ( Paris 1931 ) ich obi­ges Zitat ent­nom­men habe, knüpft daran die fol­gen­den Er­in­ne­run­gen: „Ich kann dem wohl meine ei­ge­nen Er­fah­run­gen hin­zu­fü­gen, bin ich doch in eine Schicht von Kunst­hand­wer­kern hin­ein­ge­bo­ren, die in un­mit­tel­ba­rem Kon­takt mit den ma­te­ri­ell ar­bei­ten­den Klas­sen stan­den und auch selbst dem Pro­le­ta­ri­at an­ge­hör­ten. Die Ar­bei­ter, die ich seit mei­nen ers­ten Le­bens­jah­ren ken­nen­ge­lernt habe, waren alle ins­ge­samt be­dau­erns­wer­te, naive und leicht­gläu­bi­ge Men­schen, die zum Aber­glau­ben nei­gen, dem ma­te­ri­el­len Leben zu­ge­neigt sind, mit ihren Kin­dern lie­be­voll und nach­läs­sig zu­gleich um­ge­hen und die oben­drein un­fä­hig sind, in ihrem Ar­beits­le­ben nur einen ein­zi­gen Ge­dan­ken zu fas­sen, der viel­leicht ihrer ei­ge­nen Klas­sen­la­ge ge­wid­met sein mag. Die­je­ni­gen unter ihnen, die sich vom Aber­glau­ben und den Vor­ur­tei­len ihrer Schicht frei­ge­macht haben und zum So­zia­lis­mus ge­langt sind, sehen in ihm nichts an­de­res als den ma­te­ri­el­len As­pekt einer Be­we­gung, deren Auf­ga­be darin be­steht, ihr Schick­sal zu ver­bes­sern. Und sie er­war­ten diese Ver­bes­se­rung selbst­ver­ständ­lich von ihren Füh­rern, die ohne ei­ge­nes Da­zu­tun, je nach dem Au­gen­blick oder der Ge­le­gen­heit, wahl­los zu Ido­len oder zu Ver­rä­tern an der Sache ge­macht wer­den. Frag­los würde der So­zia­lis­mus ihre Lage in jeder Hin­sicht ver­bes­sern, und ich bin ver­sucht zu sagen, daß bei mir der erste An­trieb, die­ser Be­we­gung bei­zu­tre­ten, aus einer Re­gung des Mit­leids an­ge­sichts des Elends der Arm­se­li­gen her­vor­ge­gan­gen ist sowie aus der Er­kennt­nis des Nut­zens, den sie für sich selbst aus der Be­we­gung zogen“.
Ma­la­tes­ta sah das Pro­le­ta­ri­at selbst nicht durch die rosa ge­färb­ten Bril­len­glä­ser eines Kro­pot­kin, und Luigi Fabbri schrieb in einem sich auf die auf­stän­di­sche Nach­kriegs­epo­che be­zie­hen­den Ar­ti­kel: “ Unter den armen, ein­fa­chen Leu­ten, unter den Ar­bei­tern, glau­ben viele allen Erns­tes, daß eines Tages der Zeit­punkt ge­kom­men sein wird, an dem sie sel­ber nicht mehr und an ihrer Stel­le nur noch die Her­ren ar­bei­ten wer­den“. Wer immer die Ge­schich­te der Ar­bei­ter­be­we­gung zu­rück­ver­folgt, wird darin eine durch­aus er­klär­ba­re, aber im­mer­hin so große mo­ra­li­sche Un­rei­fe be­mer­ken, daß sie gleich alle schwär­me­risch ver­an­lag­ten, von den Mas­sen Be­geis­ter­ten aufs deut­lichs­te Lügen straft.
Das Spiel­chen, die avant­gar­dis­ti­schen Zir­kel und Ar­bei­tereli­ten „Pro­le­ta­ri­at“ zu tau­fen, taugt ge­ra­de für ein Büh­nen­stück. Die dem­ago­gi­schen Al­le­go­ri­en schmei­cheln zwar der Menge, ver­de­cken aber die grund­le­gends­ten Tat­sa­chen für eine wirk­li­che Eman­zi­pa­ti­on. Eine „Ar­bei­ter­kul­tur“, eine „pro­le­ta­tri­sche Ge­sell­schaft“, eine „Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats“, das sind wahr­lich Aus­drü­cke, die ver­schwin­den soll­ten. Es gibt kein „Ar­bei­ter­be­wußt­sein“ als psy­chi­schen We­sens­zug, der für eine ganze Klas­se ty­pisch sein soll. Es gibt kei­nen ra­di­ka­len Ge­gen­satz zwi­schen einem „Ar­bei­ter –“ und einem „Bür­ger­be­wußt­sein“. Die Grie­chen haben nicht, wie Renan be­haup­tet hat, für den Ruhm ge­kämpft. Und ge­nau­so­we­nig schlägt sich das Pro­le­ta­ri­at, wie Sorel in sei­nen Réfle­xi­ons sur la vio­lence nicht müde wird, zu be­to­nen, für die Emp­fin­dung des Er­ha­be­nen.
Der idea­le Ar­bei­ter des Mar­xis­mus oder So­zia­lis­mus ist eine my­thi­sche Figur. Er ent­stammt Me­ta­phy­sik des so­zia­lis­ti­schen Ro­man­ti­zis­mus und ist ge­schicht­lich nicht be­legt. In Aus­tra­li­en und in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten sind es ge­ra­de die Ar­bei­ter­uni­ons, die eine re­strik­ti­ve Ein­wan­de­rungs­po­li­tik ver­lan­gen. Zur Eman­zi­pa­ti­on der Schwar­zen in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten hat das ame­ri­ka­ni­sche Pro­le­ta­ri­at kaum etwas bei­ge­tra­gen (S. Mary R. Béard, A short his­to­ry of the ame­ri­can la­bour mo­ve­ment, New York, 1928), und die far­bi­gen Ar­bei­ter haben auch heute noch zu den meis­ten ame­ri­ka­ni­schen Ge­werk­schaf­ten kei­nen Zu­tritt… Die Boy­kott­be­we­gun­gen (gegen die fa­schis­ti­schen Dik­ta­tu­ren, gegen die Schre­cken der Ko­lo­ni­al­herr­schaft) sind rar und haben kei­nen Er­folg. Und noch sel­te­ner sind Streiks aus Klas­sen­so­li­da­ri­tät oder zur Ver­fol­gung po­li­ti­scher Ziele.
Durch solch uti­li­ta­ris­ti­sches Wesen, durch sol­che Be­schränkt­heit und all­ge­mei­ne Ta­ten­lo­sig­keit zeich­net sich be­son­ders das In­dus­trie­pro­le­ta­ri­at aus.
Sooft ich das In­dus­trie­pro­le­ta­ri­at als die re­vo­lu­tio­nä­re und kom­mu­nis­ti­sche Elite prei­sen höre oder davon lese, ruft mir das per­sön­li­che Er­fah­run­gen und psy­cho­lo­gi­sche Be­ob­ach­tun­gen, die ich in mei­nem Leben ge­macht habe, in Er­in­ne­rung. Ich bin zu dem Schluß ge­kom­men, in den Ver­fech­tern die­ses My­thos oder die­ser Schwär­me­rei „Pro­vinz­ler“ zu sehen, die eben erst in einem gro­ßen In­dus­trie­zen­trum ver­städ­tert wor­den sind. In den meis­ten an­de­ren Fäl­len han­delt es sich wohl mehr um eine Art pro­fes­sio­nel­le Be­geis­te­rung. Sooft ich Or­di­ne Nuovo las, vor allem an­fangs, als die Zeit­schrift re­gel­mä­ßig er­schien, konn­te ich mich der Be­ein­flus­sung durch die darin stän­dig wie­der­hol­te Ver­herr­li­chung der gro­ßen In­dus­trie als Bild­ne­rin der Klas­sen­ho­mo­ge­ni­tät, der kom­mu­nis­ti­schen Reife der Fa­brik­ar­bei­ter usf. nur durch Er­wä­gun­gen psy­cho­lo­gi­scher Art ent­zie­hen.
Ich stell­te mir etwa Gram­sci vor, den es ge­ra­de aus sei­nem hei­mat­li­chen Sar­di­ni­en nach Turin ver­schla­gen hat und der vom be­trieb­sa­men Rä­der­werk die­ser Me­tro­po­le völ­lig ein­ge­nom­men ist. Die gro­ßen Kund­ge­bun­gen, die Kon­zen­tra­ti­on an Fach­ar­bei­tern, das fie­ber­haf­te Aus­maß des Ge­werk­schafts­le­bens muß­ten ihn – so sagte ich mir – in Bann ge­schla­gen haben. Das rus­si­sche bol­sche­wis­ti­sche Schrift­tum scheint mir ein Grad­mes­ser für den­sel­ben psy­chi­schen Pro­zeß zu sein. In einem Land wie Ruß­land, in dem die länd­li­chen Mas­sen enorm rück­stän­dig waren, muß­ten Mos­kau, Pe­ters­burg und die an­de­ren In­dus­trie­zen­tren wie Oasen der kom­mu­nis­ti­schen Re­vo­lu­ti­on an­mu­ten. Die Bol­sche­wis­ten muß­ten so, vom mar­xis­ti­schen In­dus­tria­lis­mus ver­lei­tet, zwangs­läu­fig von der Fa­brik fas­zi­niert sein, ge­ra­de­so wie die rus­si­schen Re­vo­lu­tio­nä­re zu Bakun­ins Zeit, von der west­li­chen Kul­tur hin­ge­ris­sen, in Schwär­me­rei ver­fie­len. Das Auf­tre­ten der In­dustrie­mys­tik in den Rei­hen von Or­di­ne Nuovo kam mir des­halb wie eine Re­ak­ti­on vor, die sich durch­aus mit dem Phä­no­men des Fu­tu­ris­mus ver­glei­chen läßt. Ein wei­te­rer As­pekt, der mir ei­ni­ges zu er­klä­ren schien, er­gibt sich aus der na­tür­li­chen Nei­gung, mit der alle Tech­ni­ker in der In­dus­trie aus­ge­stat­tet sind – und die ihre Ent­spre­chung in allen Be­rei­chen der Spe­zia­li­sie­rung fin­det –, näm­lich im Be­ste­hen einer „In­dus­trie“ das Alpha und das Omega des mensch­li­chen Fort­schritts zu sehen. Daß ge­ra­de die In­ge­nieu­re unter den lei­ten­den Ele­men­ten der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei so zahl­reich ver­tre­ten waren, schien mir ge­ra­de in die­ser Hin­sicht sehr be­zeich­nend zu sein.
Ty­pisch dafür ist etwa der Fall eines A. Chi­odi­ni, der in der Fe­bru­ar­num­mer der Pro­ble­mi della ri­vo­lu­zio­ne ita­li­a­na von 1933, die länd­li­che und süd­ita­lie­ni­sche Aus­rich­tung des Pro­gramms von „Gius­ti­zia e Li­bertà“ kri­ti­sie­rend, ver­kün­det: „Das In­dus­trie­pro­le­ta­ri­at ist in der Ge­sell­schaft die ein­zig ob­jek­tiv re­vo­lu­tio­nä­re Kraft. Denn nur das Pro­le­ta­ri­at ist dazu im­stan­de und ver­fügt auch über die Mög­lich­kei­ten, sich von jeder ge­schlos­se­nen Be­rufs­grup­pen­men­ta­li­tät zu be­frei­en und sich in Würde zu einer Klas­se zu er­he­ben, also zu einer kol­lek­ti­ven Kraft, die sich be­wußt ist, daß sie eine his­to­ri­sche Auf­ga­be zu er­fül­len hat. Die ita­lie­ni­sche Re­vo­lu­ti­on kann, wie alle an­de­ren auch, al­lein das Werk ho­mo­ge­ner Kräf­te sein, die fähig sind, sich für groß­zü­gi­ge Idea­le ein­zu­set­zen. Heute ist die ein­zi­ge ho­mo­ge­ne Kraft, die sich für das Ideal kon­kre­ter Frei­heit schla­gen kann und die in die­sem Kampf zu einer lang­wie­ri­gen Ak­ti­on von un­be­stimm­ter Dauer ge­rüs­tet ist, die Kraft der Ar­bei­ter­schaft. Sie kann heute, nach so vie­len Pro­ben und Tra­gö­di­en, ihre An­wart­schaft als füh­ren­de re­vo­lu­tio­nä­re Klas­se gel­tend ma­chen“.
Daß nun das In­dus­trie­pro­le­ta­ri­at nach kom­mu­nis­ti­schem Ver­ständ­nis eine der haupt­säch­lichs­ten re­vo­lu­tio­nä­ren Kräf­te ist, ist so of­fen­sicht­lich, daß hier nicht wei­ter dar­über dis­ku­tiert wer­den braucht. Ent­spre­chend klar ist aber auch, daß die Ho­mo­ge­ni­tät die­ses Pro­le­ta­ri­ats mehr in der Natur der Sache selbst als in einem ent­spre­chen­den Geist be­grün­det ist. Das heißt, sie ver­dankt sich mehr dem Um­stand der Zu­sam­men­bal­lung ein­zel­ner, die in ihrer über­wie­gen­den Zahl lohn­ab­hän­gig sind und deren Un­ter­schie­de wohl ak­tu­ell wie in ab­seh­ba­rer Zeit nicht ins Ge­wicht fal­len. Dazu kommt, daß diese ein­zel­nen zu­sam­men in Be­zie­hung zu einem sei­ner Natur nach un­teil­ba­ren Be­sitz­ver­hält­nis ste­hen (das daher not­wen­di­ger­wei­se das Ka­pi­tal einer un­ab­ding­bar as­so­zi­ier­ten Ar­beit wer­den muß). Ihre Ho­mo­ge­ni­tät ver­dankt sich daher we­ni­ger einem Klas­sen­be­wußt­sein, also dem Be­wußt­sein einer kol­lek­ti­ven Kraft, die dazu aus­er­se­hen wäre, eine in ihren Aus­ma­ßen über­wäl­ti­gen­de his­to­ri­sche Auf­ga­be zu er­fül­len.
Der Par­ti­ku­la­ris­mus unter den Ar­bei­tern der In­dus­trie tritt zu offen zu­ta­ge, als daß man sich wie so man­cher Mar­xist oder so man­cher in Marx­schen Ka­te­go­ri­en Be­fan­ge­ne zu ober­fläch­li­chen und ver­all­ge­mei­nern­den Über­schweng­lich­kei­ten hin­rei­ßen ließe. In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten hat der kor­po­ra­ti­ve Ego­is­mus zu einer rich­tig­ge­hend xen­o­pho­ben Po­li­tik ge­führt, und als hart­nä­ckigs­te Ver­fech­ter eines von der Re­gie­rung ab­ver­lang­ten Ein­wan­de­rungs­stops für Ar­bei­ter haben sich die aus­ge­präg­ten in­dus­tri­el­len Ver­ei­ni­gun­gen er­wie­sen. Das glei­che gilt für Neu­see­land. Doch be­schrän­ken wir uns auf Ita­li­en. Dort sind die In­dus­trie­ar­bei­ter schon immer für den in­dus­tri­el­len Pro­tek­tio­nis­mus ein­ge­tre­ten. Das Buch von G. Sal­vemi­ni Ten­den­ze ve­c­chie e ne­ces­sità nuove del mo­v­i­men­to ope­raio ita­lia­no (Bo­lo­gna 1922) ist dafür vol­ler Bei­spie­le. Ich wähle davon ei­ni­ge m.E. be­son­ders ein­schlä­gi­ge aus.
1914 wur­den die da­mals 4.​500 Köpfe zäh­len­den Ar­bei­ter in der Zu­cker­in­dus­trie, einer sehr klei­nen Bran­che, von den Re­form­so­zia­lis­ten pro­te­giert, indem sie von der Re­gie­rung eine Ein­fuhr­be­steue­rung des Zu­ckers for­der­ten, ohne sich in der Folge groß um den durch die Ver­teue­rung des Roh­stoffs ver­ur­sach­ten Scha­den für die In­dus­trie zu sche­ren. Ge­ra­de diese For­de­rung ge­riet aber zum Nach­teil aller ita­lie­ni­schen Ver­brau­cher, die da­durch ge­zwun­gen waren, nicht al­lein für den Zu­cker einen Höchst­preis zu be­zah­len, son­dern oben­drein auch für alles Zu­cker­werk und Mar­me­la­den. Nicht genug, es wurde da­durch auch der in­ter­ne Kon­sum die­ser Waren ein­ge­schränkt und, deren Aus­fuhr er­schwert und damit die Ar­beit in die­sen In­dus­tri­en zum Rück­gang ge­bracht. Die Ar­bei­ter in den Zu­cker­raf­fi­ne­ri­en hät­ten dem­nach also, auch im In­ter­es­se der All­ge­mein­heit, ent­we­der eine Pro­tek­ti­on bei­der In­dus­tri­en oder aber freie Han­dels­be­din­gun­gen für den Zu­cker ein­for­dern müs­sen und wären dann viel­leicht vom Auf­schwung in der Kon­fek­tü­ren – und Mar­me­la­den­her­stel­lung ab­sor­biert wor­den. Doch wie kann man ver­lan­gen, daß die Ar­bei­ter der Zu­cker­fa­bri­ken mit ihrem „hohen, im Ver­gleich zu den an­de­ren Bran­chen un­er­hör­ten Lohn­ein­kom­men“ (Avan­ti!, 10.März 1910) ihre pri­vi­le­gier­te Po­si­ti­on ein­fach so auf­ge­ben soll­ten?
Ein wei­te­res Bei­spiel. Vor dem Krieg waren in Ita­li­en 37 Braun­koh­le­gru­ben in Be­trieb, die 1913 sie­ben­hun­der­tau­send Ton­nen an Brenn­stoff lie­fer­ten. Da wäh­rend des Krie­ges für aus­län­di­sche Kohle sehr hohe Prei­se ver­langt wur­den, lag es nahe, auch wenig er­trag­rei­che Braun­koh­le­vor­kom­men aus­zu­beu­ten. Die An­zahl der Gru­ben stieg zwar auf 137, doch die Aus­beu­te über­stieg keine 4ootau­send Ton­nen, von denen sogar ein Teil auf einen ge­stei­ger­ten Er­trag aus den alten Minen zu­rück­zu­füh­ren war. Als der Krieg zu­en­de war, fiel der Preis der Aus­lands­koh­le, die Braun­koh­lenach­fra­ge ließ nach, so daß die 37 Gru­ben wie­der den Be­darf zur Ge­nü­ge de­cken konn­ten.
Die zu­sätz­lich ein­ge­stell­ten Kum­pel, zum über­wie­gen­den Teil Bau­ern aus den um­lie­gen­den Dör­fern, sahen sich von Ent­las­sun­gen und Lohn­kür­zun­gen be­droht. Die Un­ru­he war groß. Keine Ent­las­sun­gen! stand auf der Ta­ges­ord­nung. Und ein so­zia­lis­ti­scher Ab­ge­ord­ne­ter, Prä­si­dent eines ge­nos­sen­schaft­li­chen Gru­ben­kon­sor­ti­ums, ap­pel­lier­te an die Re­gie­rung, die Braun­koh­le­pro­duk­ti­on auf dem Stand der Kriegs­zeit zu hal­ten, ja sogar den Jah­res­er­trag auf 4mil­lio­nen Ton­nen zu stei­gern. Er for­der­te, daß die Ver­wal­tung der Ei­sen­bahn eine be­stimm­te An­zahl Lo­ko­mo­ti­ven für den Braun­koh­le­ver­brauch um­rüs­ten lasse und daß die Hei­zer zur Kom­pen­sa­ti­on ihres durch die Braun­koh­le be­ding­ten er­höh­ten Ar­beits­auf­wands in allen Dienst­stel­len der öf­fent­li­chen Ver­wal­tung bes­ser be­zahlt wer­den soll­ten. Per Ge­setz soll­te die Braun­koh­le in allen Haus­hal­ten, wo sie pro­blem­los die Stein­koh­le er­set­zen könn­te, ge­heizt wer­den, und alle Be­trie­be, die Kraft­wer­ke auf Braun­koh­le­ba­sis ent­wi­ckel­ten, soll­ten vom Staat fi­nan­ziert und von der Be­steue­rung ihrer im Krieg er­ziel­ten Mehr­pro­fi­te be­freit wer­den. Der so­zia­lis­ti­sche Ab­ge­ord­ne­te ver­lang­te somit, daß Mil­lio­nen nur dafür aus­ge­ge­ben wür­den, ei­ni­gen hun­dert Berg­leu­ten Ar­beit zu ver­schaf­fen, von denen die meis­ten doch bloß zu ihrer Feld­ar­beit zu­rück­zu­keh­ren brauch­ten. Diese Berg­leu­te hät­ten also mit ihren schwe­ren Pi­ckeln hart dafür ge­schuf­tet, die Mil­lio­nen des ita­lie­ni­schen Pan­ta­lo­ne (2) zu ver­schleu­dern!
Man muß her­vor­he­ben, daß die Berg­ar­bei­te­r­un­ru­hen im Koh­le­be­cken von Vald­ar­no von Or­ga­ni­sa­to­ren der Unio­ne Sinda­ca­le Ita­li­a­na an­ge­lei­tet wor­den sind. Der oben er­wähn­te Fall ist des­we­gen dop­pelt in­ter­es­sant. Er ist eine gründ­li­che Be­trach­tung wert, weil er eine von den in den Ge­werk­schafts­ver­bän­den tä­ti­gen An­ar­chis­ten bis­lang ver­nach­läs­sig­te Seite (den Pro­tek­tio­nis­mus) in den Mit­tel­punkt der Auf­merk­sam­keit rückt und weil er uns eine Ah­nung davon gibt, mit wel­cher Art von Pro­ble­men wir in einer re­vo­lu­tio­nä­ren Si­tua­ti­on kon­fron­tiert sein wer­den (näm­lich mit der Nei­gung ein­zel­ner Be­rufs­grup­pen, aus der Sicht der na­tio­na­len Wirt­schaft nicht ren­ta­ble Be­trie­be am Leben er­hal­ten zu wol­len). Was war, an­ge­sichts der Kum­pa­nei zwi­schen So­zia­lis­ten und Un­ter­neh­mern, die Hal­tung der An­ar­chis­ten in den Rei­hen der Con­fe­dera­zio­ne Ge­ne­ra­le del La­voro und der Unio­ne Sinda­ca­le Ita­li­a­na? Was war die Hal­tung der in der F.I.O.M. or­ga­ni­sier­ten An­ar­chis­ten, als die Füh­rer die­ser Ge­werk­schaft die In­ter­es­sen der 30.​000 Be­schäf­tig­ten in den Ei­sen­hüt­ten, die im Schat­ten der Schutz­zöl­le und staat­li­cher Sub­ven­tio­nen exis­tie­ren, den In­ter­es­sen der 270­tau­send in der wei­ter­ver­ar­bei­ten­den Ei­sen­in­dus­trie (Me­tall-​ und Werk­zeug­in­dus­trie) be­schäf­tig­ten Ar­bei­ter vor­ge­zo­gen hat, die ih­rer­seits aus einem preis­wert zur Ver­fü­gung ste­hen­den Roh­stoff nur Vor­tei­le zie­hen wür­den? Mir scheint, daß die an den Ar­bei­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen mit­wir­ken­den An­ar­chis­ten keine klare Vor­stel­lung über ihre er­zie­he­ri­sche Auf­ga­be haben. Eine klas­sen­er­zie­he­ri­sche Maß­nah­me hätte darin be­stan­den, daran zu er­in­nern, daß die Mil­lio­nen, die zur Un­ter­stüt­zung pa­ra­si­tä­rer Be­trie­be auf­ge­wandt wer­den, zum größ­ten Teil wie­der­um der Mehr­heit der in Ita­li­en Werk­tä­ti­gen ent­wen­det wird. Die An­ar­chis­ten haben sich von den So­zia­lis­ten von ihrem Weg ab­brin­gen las­sen, die aus dem­ago­gi­schen Grün­den der be­rech­tig­ten und schö­nen In­tran­si­genz aus den Zei­ten ent­sagt haben, da das Schie­len nach Wäh­ler­stim­men, das Bon­zen­tum und die Kum­pa­nei mit der Bour­geoi­sie noch nicht ob­siegt hat­ten. Den li­gu­ri­schen In­dus­tri­el­len, die da­mals drei­tau­send Ar­bei­ter ent­las­sen hat­ten und die damit droh­ten, bin­nen eines Mo­nats wei­te­re zwan­zig­tau­send zu ent­las­sen, wenn die Re­gie­rung nicht davon ab­lie­ße, die Prä­mi­en für die Han­dels­ma­ri­ne zu sen­ken, ant­wor­te­te der Avan­ti!, der sei­ner­zeit von dem Re­for­mis­ten Leo­n­i­da Bis­so­la­ti ge­lei­tet wurde: „Die Ar­bei­ter wis­sen, daß die Mil­lio­nen, die zur Sub­ven­tio­nie­rung der Schiff­s­in­dus­trie auf­ge­wandt wur­den, über­wie­gend der Mehr­heit aller werk­tä­ti­gen Ita­lie­ner ab­ge­nö­tigt wor­den sind, und sie wei­gern sich des­halb, ein Ver­lan­gen aus­zu­spre­chen, das einen Zu­stand ver­län­gern würde, in dem das Brot der Ar­bei­ter in einem Teil Ita­li­ens mit dem Hun­ger der Werk­tä­ti­gen im üb­ri­gen Land be­zahlt wird“ (Avan­ti!, 24.​Januar 1901).
Wie weit die Kum­pa­nei zwi­schen Ar­bei­ter­be­we­gung und Un­ter­neh­mer­tum in den In­dus­trie­zen­tren be­reits ge­die­hen ist, be­weist der Um­stand, dass so­ge­nann­te re­vo­lu­tio­nä­re Ele­men­te sogar Un­ru­hen an­ge­zet­telt haben, um von der Re­gie­rung Auf­trä­ge für die Kriegs­in­dus­trie zu er­hal­ten. Sal­vemi­ni schrieb dar­über in der Unità vom 11. Juli 1913: „Die Ar­beits­kam­mer von La Spe­zia, die von Syn­di­ka­lis­ten, Re­pu­bli­ka­nern und re­vo­lu­tio­nä­ren So­zia­lis­ten ver­wal­tet wird, hat einen Ge­ne­ral­streik an­ge­kün­digt.
Um gegen die Er­mor­dung ir­gend­ei­nes Ar­bei­ters zu pro­tes­tie­ren? – Nein!
Um gegen ein un­ge­rech­tes Ur­teil der Klas­sen­jus­tiz zu pro­tes­tie­ren? – Nein!
Aus So­li­da­ri­tät mit ir­gend­ei­ner Grup­pe strei­ken­der Ar­bei­ter? – Nein!
Um etwas gegen die il­le­ga­le Maß­nah­me po­li­ti­scher oder ad­mi­nis­tra­ti­ver Au­to­ri­tä­ten zu un­ter­neh­men? – Nein!
Warum dann? – Um gegen die Re­gie­rung zu pro­tes­tie­ren, die damit droht, der Werft von La Spe­zia die Aus­stat­tung des Pan­zer­kreu­zers „An­drea Doria“ zu ent­zie­hen (…).
Merk­wür­di­ger­wei­se stand eine Ko­ope­ra­ti­ve an der Spit­ze die­ser re­vo­lu­tio­nä­ren Pro­test­be­we­gung, näm­lich die Ge­nos­sen­schaft der Me­tall­ar­bei­ter (Gior­na­le d‘Ita­lia, 24.​April). Oben­drein ist es merk­wür­dig, daß die Agi­ta­ti­on von Spe­zia zur sel­ben Zeit von­stat­ten ging, da der Auf­sichts­rat des Hau­ses An­sal­do in sei­nem Jah­res­be­richt dar­über klagt, nicht genug Auf­trä­ge zu haben. Gleich­zei­tig rich­ten die Ar­bei­ter der Or­lan­do­werft in Li­vor­no De­mons­tra­tio­nen aus, auf denen ver­langt wird, daß der Staat der Or­lan­do­werft Ar­beit zu­schanzt (Avan­ti!, 14.​Mai 1913). Und die Ab­ge­ord­ne­ten aus Nea­pel pil­gern zu Gio­lit­ti, um „neue Be­stel­lun­gen“ an die na­po­li­ta­ni­schen Fa­bri­ken „für La­fet­ten, Ka­no­nen, Zün­der und Ge­schos­se“ zu ver­lan­gen, „damit es zu kei­nen neuen Ent­las­sun­gen bei den Me­tall­ar­bei­tern kommt“ (Cor­rie­re della Sera, 24.​Mai). Und die kle­ri­kal-​mo­de­rat-​na­tio­na­lis­ti­schen Zei­tun­gen grei­fen die Kam­pa­gne auf und schie­ben sie an, damit die Re­gie­rung in den Werf­ten vier neue, große Pan­zer­kreu­zer bauen läßt.
Wäh­rend der Roten Woche ver­hiel­ten sich die In­dus­trie­zen­tren ruhig, und wäh­rend der in­ter­ven­tio­nis­ti­schen Um­trie­be blie­ben die In­dus­trie­zen­tren bei den An­ti­kriegs­kund­ge­bun­gen hin­ter den Ak­ti­vi­tä­ten auf dem Land zu­rück. In der be­weg­ten Zeit der Nach­kriegs­jah­re re­agier­ten die In­dus­trie­zen­tren am lang­sams­ten. Gegen den Fa­schis­mus erhob sich kein In­dus­trie­zen­trum so wie dies Parma, Flo­renz oder An­co­na taten, und die Masse der Ar­bei­ter hat auch kein der­ar­tig kol­lek­ti­ves Bei­spiel an Be­harr­lich­keit und Op­fer­mut ge­ge­ben, das es mit der Epi­so­de von Mo­li­nella auf­neh­men würde.
Die Land­ar­bei­ter­streiks bei Mo­de­na und Parma blei­ben in der Ge­schichts­schrei­bung des Klas­sen­kriegs in Ita­li­en die ein­zig epi­schen Blät­ter. Und die meis­ten groß­ar­ti­gen Ge­stal­ten selbst­lo­ser Ar­bei­ter­or­ga­ni­sa­to­ren haben wir Apu­li­en zu ver­dan­ken. Doch das alles ist un­be­kannt. Man schreibt und spricht über die Fa­brik­be­set­zun­gen, doch die viel grö­ße­ren und be­deu­ten­de­ren Land­be­set­zun­gen sind weit­ge­hend ver­ges­sen. Man ver­herr­licht das In­dus­trie­pro­le­ta­ri­at, doch weiß jeder von uns, der in einer über­wie­gend länd­li­chen Ge­gend ge­lebt und ge­kämpft hat, daß das Land immer schon die po­li­ti­sche Agi­ta­ti­on der Avant­gar­de in den Städ­ten ge­speist und, ins­be­son­de­re auf ge­werk­schaft­li­chem Ter­rain, eine selbst­lo­se Kampf­be­reit­schaft unter Be­weis ge­stellt hat.
Es ist leicht vor­her­zu­se­hen: es wird sich ein Bonze fin­den, der schreibt, daß ich kei­nen „pro­le­ta­ri­schen Geist“ habe, und es wird Leser geben, die nur so­viel ver­ste­hen wol­len, daß ich ver­sucht habe, das Pro­le­ta­ri­at her­ab­zu­set­zen. An mei­ner Stel­le wird ihnen ein Echo ant­wor­ten: der leb­haf­te Ap­plaus, mit dem in den Werf­ten und Kriegs­werk­stät­ten die An­kün­di­gung für den Bau eines Un­ter­see­boots oder eines neuen Ka­no­nen­gus­ses be­grüßt wird. An mei­ner Stel­le wird die kom­mu­nis­ti­sche Tak­tik ant­wor­ten, die dazu rät, in­ner­halb der Ver­bän­de für öko­no­mi­sche For­de­run­gen ein­zu­tre­ten. Vor allem wird an mei­ner Stel­le die Re­si­gna­ti­on des ita­lie­ni­schen Pro­le­ta­ri­ats ant­wor­ten. Dar­auf zu war­ten, daß das Volk auf­wacht, von der Mas­sen­ak­ti­on zu reden und den an­ti­fa­schis­ti­schen Kampf auf das Her­an­zie­hen und die Er­hal­tung von Par­tei – und Ge­werk­schafts­ka­dern zu be­schrän­ken, statt alle Mit­tel und Wil­lens­an­stren­gung auf die re­vo­lu­tio­nä­re Ak­ti­on zu kon­zen­trie­ren, die als ein­zi­ge dazu im­stan­de ist, die At­mo­sphä­re mo­ra­li­scher Feig­heit auf­zu­lö­sen, in der das ita­lie­ni­sche Pro­le­ta­ri­at zur Gänze ver­sumpft, das ist feig und bil­lig, das ist Idio­tie und Ver­rat.
C. Ber­ne­ri.
Über­set­zung einer 1934 in Frank­reich von ita­lie­ni­schen Exi­lier­ten pu­bli­zier­ten Bro­schü­re „L‘ope­rai­o­la­tria“, die 1987 vom Ar­chi­vio Fa­miglia Ber­ne­ri in Pis­toia neu­auf­ge­legt wurde.
(1) Carlo Ros­sel­li, Grün­der von Gius­ti­zia e li­bertà, einer an­ti­fa­schis­ti­schen Exil­or­ga­ni­sa­ti­on, einer der ers­ten Frei­wil­li­gen im Spa­ni­en­krieg, zu­sam­men mit sei­nem Bru­der Nello am 11.​Juni 1937 in Ba­gnol­les-​sur-​Or­ne durch fran­zö­si­sche Kil­ler im Sold der Fa­schis­ten er­mor­det.
(2) Pan­ta­lo­ne, Figur der Com­me­dia dell‘arte.
Übernommen von Blog „Raum gegen Zement“
Tuesday, November 24, 2009 

Arbeitgeberpräsident Hundt lobt den DGB

2009 November 24
by syndikalismus

„Harte Männer“ können auch zärtlich sein: Zuckerchen für DGB Chef Michael Sommer vom Präsidenten des Bundesverbands der Arbeitgeberverbände, Dieter Hundt.

Ab und zu muss es halt auch mal ein verbales Zuckerchen – und nicht nur Luxusreisen und andere materielle Geschenke, für den verdienten Partner geben. Das dachte sich der „Arbeitgeberpräsident“, Kapitalist Dieter Hundt.  Ziel seiner Danksagung ist der reformistische Deutsche Gewerkschaftsbund. Dessen nachgiebige Politik und vielen Zugeständnisse entzückt das offizielle Sprachrohr der Kapitalisten so sehr, das dieser nach einer Aufforderung an die Regierung die Kreditvergabe von Banken an Kapitalisten zu unterstützen, den DGB lobend erwähnte. Die „gegenwärtige Haltung“ der „Gewerkschaften“ sei „insgesamt verantwortungsvoll. Die Tarifabschlüsse dieses Jahres sind angemessen, beschäftigungsorientiert, differenziert und flexibel“, so die volle Breitseite an Phrasen aus dem Munde des „Arbeitgeber“-Chefs.
Sicherlich wird dieses Statement keine Schamesröte auf die Gesichter der DGB-Hauptfunktionäre treiben. Im Gegenteil ist der DGB doch tatsächlich eine Stütze dieses ungerechten Systems und stellt die angebliche „Sozialpartnerschaft“ (das Recht auf angeblich geregelte Ausbeutung) in keinster Weise in Frage. Und für die Verbesserungen im (Arbeits)-Alltag ist er auch nicht zu gebrauchen.
 
Tuesday, November 24, 2009 

Moskauer Antifa-Delegation auf Silvio-Meier-Demo 2009

2009 November 24
by syndikalismus
Dieses Jahr waren Moskauer Antifaschisten auf der Silvio-Meier-Demo in Berlin anwesend. Es folgt eine Übersetzung des Demo-Bericht eines Antifas, eine Zusammenfassung der Moskauer Ereignisse des Wochenendes und die Übersetzung des Redebeitrags der Moskauer Antifaschisten auf der Silvio-Meier-Demo. 3000 Demonstrant_innen gedenken in Berlin ermordeten Antifaschist_innen.
Am 21. November 2009 gab es im Berliner Bezirk Friedrichshain eine mehrstündige Demonstration im Andenken an Silvio Meier (der am 21. November 1992 von Nazis an der U-Bahnstation Samariterstraße ermordet wurde) und andere ermordete Antifaschist_innen.
Dieses Jahr wurde natürlich auch des am Montag in Moskau erschossenen Ivan Chutorskoj gedacht, Demonstrant_innen trugen Fotos und selbstgebastelte Plakate mit Vanjas Namen, sowohl in kyrillischer als auch lateinischer Schreibweise. Vor dem Beginn der Demo hielten Moskauer Antifaschisten zweimal Redebeiträge vor den Versammelten (Text siehe unten).

Auch Fußballfans des SV Babelsberg03 gedachten des ermordeten Iwan. Hier bei einem Demonstrationszug vor dem Spiel in Halle am 21.11.2009.

Eine solche Art von Demonstration ist keine schnelle Sache. Die Mahnwache im U-Bahnhof Samariterstraße, wo Silvio Meier starb, war auf 15h angesetzt worden. Die Versammelten zündeten Kerzen an und legten Blumen vor die Gedenkplatte. Kurz vor 16h, als sich in der U-Bahnunterführung bereits an die 200 Menschen drängten, begannen die Redebeiträge. Antifaschist_innen aus Berlin, Madrid und Moskau traten vor das Publikum.
Im Anschluss an die Mahnwache begaben sich alle aus der U-Bahnstation nach oben, wo sich auf der Straße bereits an die 600 Demonstrant_innen versammelt hatten und immer mehr hinzu kamen. Etwa 20 Minuten später wurden wieder Redebeiträge gehalten und die Antifas aus Moskau erhielten vor bereits ca. 1000 oder mehr Zuhörer_innen nochmal das Wort.
Um 16.50h begann die Demonstration. Etwa 3000 Teilnehmer_innen (Zahlen von indymedia Deutschland) bewegten sich über die schmalen und breiten Straßen des Bezirks Friedrichshain, zwischendrin gab es mehrere Zwischenkundgebungen.Als wir uns der Rigaerstraße näherten, wo es mehrere kollektive Wohnprojekte gibt, d.h. Häuser, in denen Antifas, Anarchist_innen und Angehörige der autonomen linken Szene Berlins leben, wurde auf den Dächern der Häuser Feuerwerk gezündet. An gleicher Stelle gab es eine kurze Zwischenkundgebung.
Als um ca. 19h die Demo offiziell aufgelöst wurde, begann die Polizei mit ihren traditionellen Provokationen: eine größere Gruppe Demonstrant_innen wurde eingekesselt, angeblich um Ausschreitungen zu verhindern. Die aufgebrachten Leute fingen an, Parolen gegen die Polizei zu skandieren, die Polizei hingegen setzte Gas ein und hetzte Demonstrant_innen im Umkreis der Boxhagener / Ecke Niederbarnimstraße. Das Ganze endete gegen 19.20h, als die Polizei mithilfe physischer Gewalt alle Anwesenden aus diesen Straßen gedrängt hatte, wobei sie keinen Unterschied machte zwischen Demonstrant_innen, Anwohner_innen, Journalist_innen etc. und zynisch durch Lautsprecher allen einen „angenehmen Abend“ wünschte.
(…)
In Moskau hingegen wurde Antifaschist_innen am Sonntag verboten, eine Gedenkdemonstration für Ivan Chutorsoj durchzuführen, was viel über die politischen Präferenzen der Regierenden aussagt.
Aus diesem Grund beschlossen an die 300 Antifas, Blumen am Grabmahl des unbekannten Soldaten an der Kreml-Mauer abzulegen (einen eher symbolträchtigen Ort haben sie sich auf die Schnelle anscheinend nicht ausdenken können). Nichtsdestotrotz entschied sich ein Teil der Anwesenden, eine unangemeldete Aktion durchzuführen, welche auch eine Blockade der Mochovaja und Volchonka Straßen beinhaltete. Als besser geeigneten Ort, um ihre Blumen niederzulegen, wählten diese 40 Aktivist_innen die Stelle, an der Stanislav Markelov und Anastasia Baburova ermordet wurden.
Eine ausgezeichnete Fotoreportage, welche die Blumenniederlegung beinhaltet findet sich im Blog von keltea: keltea.livejournal.com/843326.html (rus)
Über die Straßenblockade und Fotos der Aktion: www.avtonom.org/index.php?nid=2873 (rus)
Berichte über die Ermordung Ivan Chutorskojs und die darauf folgenden Protestaktionen gibt es bei indymedia: ru.indymedia.org/feature/display/13342/index.php (rus)
Vlad Tupikin,
22. November 2009, Berlin

Rede Moskauer Antifaschisten auf der Gedenkdemonstration zum Andenken Silvio Meiers und aller Opfer neonazistischer Gewalt

Den heutigen Tag, den 21. November 2009, begehen wir im Andenken Silvio Meiers und anderer Menschen, welche durch Neonazis getötet wurden.
Leider haben auch wir in Russland Gründe, den Opfern neonazistischer Gewalt gerade im November zu gedenken. Vor vier Jahren, am 13. November 2005, wurde in St. Petersburg unser Freund und antifaschistischer Genosse Timur Kacharava ermordet, diesen Montag, den 16. November 2009, wurde in Moskau der Antifaschist Ivan Chutorskoj getötet. In den letzten 3,5 Jahren sind alleine in Moskau 7 Antifaschisten auf solche Weise umgekommen.
Aber die antifaschistische Bewegung wächst. Auch aus diesem Grund, weil sie mittlerweile offene Auseinandersetzungen mit Antifas fürchten, sind Neonazis zu feigen Morden aus dem Hinterhalt übergegangen, zu Schüssen in den Hinterkopf.
Vor kurzem berichtete der russische Präsident Dmitrij Medvedev im deutschen „Spiegel“ über die Aufklärung der Morde an dem Rechtsanwalt und Antifaschisten Stanislav Markelov und der Journalistin und Antifaschistin Anastasia Baburova. Ja, deren Mörder sind gefasst. Ja, im letzten Jahr wurde die Verfolgung neonazistischer Gruppierungen intensiviert. Aber die Zahl der von Neonazis verübten Morde (die, welche in Erfahrung gebracht und gezählt werden können), hat sich praktisch nicht verringert – 2008 sind etwa 100 Fälle bekannt geworden und bereits 80 bis November 2009.
Außerdem darf nicht vergessen werden, dass in den voran gegangenen Jahren die Regierung Russlands und deren Propaganda viel für das Anwachsen von Xenophobie, Nationalismus und die Stärkung der neonazistischen Szene getan haben.
Es darf nicht vergessen werden, dass in den letzten Jahren mindestens vier größere neonazistische Organisationen unter dem direkten Schutz der Regierung gestanden haben: Die „Russische nationale Einheit“ (Русское национальное единство (РНЕ)), die „National-Sozialistische Gemeinschaft“ (Национал-социалистическое общество (НСО)), die „Bewegung gegen illegale Immigration (Движение против нелегальной иммиграции (ДПНИ)) und aktuell „Russkij obraz“ (Русский образ), die Organisation, zu der die am 04. November verhafteten Mörder Markelovs und Baburovas gehören. Eben aus diesem Grund haben Moskauer Antifas als Antwort auf die Ermordung Ivan Chutorskojs das Büro von „Junges Russland“ angegriffen, einer marionettenhaften pro-Kreml-Jugendorganisation, welche gerade den „Russkij obraz“ deckelt.
Wie wir sehen, geht der nazistische Terror in Russland weiter.
Gerade deswegen muss weiterhin Druck auf die russische Regierung aufgebaut werden, damit sie aufhört, Nazi-Strukturen zu unterstützen, die nationalistische Propaganda einstellt und sich ernsthaft auf die Verfolgung nazistischer Mörder konzentriert.
Daran müssen wir nicht nur an solchen Tagen denken, wie heute. Sondern auch dann, wenn russische Politiker_innen nach Deutschland kommen, um ihre Geldgeschäfte zu machen, Ausstellungen und Kinofestivals zu eröffnen und dabei versuchen, Russland als normales demokratisches Land darzustellen. Glaubt ihnen nicht!
Erinnert sie an die unaufgeklärten faschistischen Morde in Russland und an den weiterhin präsenten Nazi-Terror im Land.
Hoch lebe die internationale Solidarität der Antifaschist_innen!
Antifaschisten Moskaus
Berlin, den 21. November 2009, in der U-Bahnunterführung Samariterstraße, 15 Uhr.
 
Sunday, November 22, 2009 

Bremen: Armut geht nicht wählen

2009 November 22
by syndikalismus
Wie hier bereits schon an anderer Stelle berichtet wurde (Arme wählen nicht) ist Bremen der Spitzenreiter der westdeutschen Bundesländer beim Nicht-Wählen. In der heutigen Ausgabe des „Bremer Anzeiger“ finden sich dazu weitere Analysen. Diese basieren u.a. auf dem von der Bremer Arbeitnehmerkammer veröffentlichten aktuellen Bremer Armutsbericht.
Siehe auch die Homepage des Bremer Anzeiger

Zum Vergrößern auf das Bild klicken.


In einer kurzen Mitteilung in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL berichtet das kapitalfreundliche Magazin über eine Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbands über den Zusammenhang von „Nichtwählen und Armut“.
Demnach seien „ohne Ausnahme“…“die Zahl der Nichtwähler…in jenen Regionen, Kommunen und Stadtteilen überdurchschnittlich hoch, wo besonders viele Menschen von Arbeitslosengeld und niedrigen Löhnen leben müssen.“ Spitzenwerte bei den Wahlenthaltungen liegen mit 41% in Sachsen-Anhalt und mit „fast einem Drittel“ in Bremen. Völlig zu Recht kommt die Studie zum Schluss dass „gerade Langzeitarbeitslose … keine Verbesserung ihrer sozialen Situation mehr erhoffen“. Konkretisiert werden müsste diese Aussage dahingehend, dass keine Verbesserung der sozialen Situation durch Parteien und im Kapitalismus erhofft wird. Der Staat und die Propaganda der politischen Parteien fallen also unter denen, welche die soziale Realität und Benachteiligung am deutlichsten zu spüren bekommen, auf keinen fruchtbaren Boden. Lügen und falsche Versprechungen sind durchschaut. Doch leider verhält sich ein Großteil dieser Menschen unserer Klasse passiv. Was nicht zuletzt der Vereinzelung und Isolierung geschuldet sein dürfte. Somit stellt diese Masse an Menschen keine Bedrohung des Status Quo dar. Wer sich passiv verhält, wehrt sich nicht. Das ist nicht nur ein Problem für die auf Stimmenfang gehenden Parteien, sondern auch für uns, die wir in der Aktivität und Selbstorganisation der Mehrheit den Schlüssel zur grundsätzlichen gesellschaftlichen Veränderung erblicken. Vielleicht sind die alten Rezepte ja wieder aktuell geworden. Wie wäre es mit der Hausagitation – Von Block zu Block und Viertel zu Viertel?

Dokumentiert: Arme Nichtwähler

Nach einer Analyse des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes ist der Zusammenhang zwischen Armut und Politikverdrossenheit größer als bisher angenommen. Wie die Paritätische Forschungsstelle in Berlin herausfand, war die Zahl der Nichtwähler bei der Bundestagswahl Ende September „ohne Ausnahme“ in jenen Regionen, Kommunen und Stadtteilen überdurchschnittlich hoch, wo besonders viele Menschen von Arbeitslosengeld oder niedrigen Löhnen leben müssen, berichtete Rudolf Martens, Leiter der Forschungsstelle. Es sei „ganz offensichtlich, dass sich gerade Langzeitarbeitslose in Deutschland keine
Verbesserung ihrer sozialen Lage mehr erhoffen“. So war in Sachsen-Anhalt, wo 22 Prozent der Menschen als arm gelten, die Zahl der Nichtwähler mit 41 Prozent am höchsten. Auch unter den westdeutschen Bundesländern ist das Land mit den anteilig meisten Einkommensschwachen vorn: In Bremen, wo die Armutsquote bei 19 Prozent liegt, gingen fast ein Drittel der Menschen nicht zur Wahl. Hoch war die Wahlbeteiligung dort, wo Gutverdienende wohnen, beispielsweise in den Speckgürteln von Berlin, Stuttgart und München.
Aus: Spiegel Nr.42/2009

In dem Zusammenhang vielleicht auch interessant: Der Beitrag der ASJ zur Antiwahlkampagne:

Auszug:
Interview mit der Jungen Welt zur Antiwahlkampagne (Authorisierte Fassung)
Frank Pott ist Mitglied der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin und Mitorganisator der Kampagne »Wir haben keine Wahl«
F: Unter dem Motto »Wir haben keine Wahl« haben Sie zusammen mit anderen Gruppen eine Kampagne gegen die Bundestagswahl 2009 gestartet. Warum?
Wir sollen am 27. September unsere Stimme für Parteien und Direktkandidaten abgeben und damit eine Institution wie die Bundesregierung legitimieren, die uns die nächsten vier Jahre nichts gutes bescheren wird. Der Parlamentarismus wird unsere soziale Lage nicht verbessern. Die Parteien in den Parlamenten waren für die sozialen Verschlechterungen der letzten Jahrzehnte verantwortlich. In Berlin werden unter dem rot-roten Senat demnächst im Haushalt diverse Einsparungen anstehen. Und alle Parteien, auch die sich selbst sehr sozial darstellen, sind sich einig, daß Kürzungen auf allen Ebenen erfolgen. Besonders betroffen sind in Berlin die öffentlichen Räume für Jugendliche. Da sind sich alle Parteien einig, daß da auf jeden Fall rationalisiert und Gelder weggekürzt werden müssen. Auch kleine Parteien, die für soziale Verbesserungen und mehr Rechte antreten, bleiben im parlamentarischen System verfangen und werden unsere soziale Situation nicht lösen können. Und deshalb sagen wir nein zu Wahlen.

weiterlesen : 


Sunday, November 22, 2009 
http://syndikalismus.wordpress.com/2009/11/22/seifenoper-babylon-kabale-und-spekulationen/

Eine neue Stellungnahme der Beschäftigten des Berliner Kinos Babylon und der FAU Berlin wurde heute auf dem deutschen Indymedia veröffentlicht. Wir geben das Schreiben an dieser Stelle wieder und finden bemerkenswert dass wir uns bei einigen Formulierungen an Kommentare von GenossInnen hier auf syndikalismus.tk erinnert fühlen.




Seifenoper Babylon: Kabale und Spekulationen

Während die halbe Linke darauf wartet, dass die Wirtschaftskrise endlich auch mal die bundesdeutschen Lohnabhängigen zu Taten reizt, kämpfen seit Monaten Beschäftigte des Kinos Babylon Mitte in Berlin nicht nur für höhere Löhne und sichere Arbeitsverhältnisse, sondern auch für Würde, Mitbestimmung, ja sogar für Gewerkschaftsfreiheiten, die in Deutschland ganz offensichtlich rar sind. Hartnäckig bestehen Sie auf ihren Forderungen und darauf, nicht entmündigt zu werden, so dass sie mittlerweile nicht nur im Konflikt mit der Geschäftsführung, sondern auch mit ver.di stehen, die sich unter dubiosen Umständen eingeklinkt hat. Selten hat ein so kleiner Betriebskonflikt solche Wellen geschlagen, selten solche eine Hartnäckigkeit gezeigt. Um die endlich in den Griff zu bekommen, greifen die Opponenten zu allen Mitteln. Nun wird gar ein Gewerkschaftsverbot bemüht. Spätestens jetzt sollte klar sein: Babylon geht alle an!
In dieser Woche sollte eigentlich die zweite Verhandlungsrunde zwischen ver.di und der Geschäftsführung des Babylon Mitte um einen Tarifvertrag stattfinden. Wie das „Neue Deutschland“ am 20.11. berichtete, wurde diese nun aber vertagt ( http://www.neues-deutschland.de/artikel/159531.verhandlungen-ohne-beschaeftigte.html). Warum und auf welchen Zeitpunkt, erfährt mal wieder niemand, auch nicht diejenigen, um die es geht: die Beschäftigten. Die Desinformationspolitik von ver.di ist man mittlerweile ja gewohnt, hat doch der selbsternannte ver.di-Verhandlungsführer Köhn niemals Zweifel daran gelassen, dass er auf einen wirklichen Einbezug der Betroffenen keinen Wert legt.
Vielleicht geschieht das deswegen, dass man alles möglichst spät erst preisgeben möchte (der Tarifvertrag soll zum 1. Januar gelten), um möglichst wenig Raum für Einsprüche zu bieten. Nach der ersten Verhandlungsrunde zumindest musste sich Herr Köhn einiges anhören, wurde doch deutlich, dass sich ein niedriges Ergebnis abzeichnet und die vielen zentralen Forderungen der Belegschaft (siehe  http://prekba.blogsport.de/2009/10/21/die-belegschaft-fordert/) unberücksichtigt bleiben.
Vielleicht möchte man das Ergebnis auch deswegen soweit hinauszögern, um Zeit zu gewinnen, z.B. weil man einem Wiedererstarken der Aktivitäten von FAU und aktiven Beschäftigten wenig Vorschub leisten möchte. Denn womöglich gibt es Grund zum Fürchten, dass diese das Ergebnis nicht hinnehmen und wieder in die Offensive gehen könnten.
Aber vielleicht auch steht das damit im Zusammenhang, dass der Betriebsrat mit seinem Drängen auf Betriebsvereinbarungen und die Betriebsgruppe der FAU nach wie vor unbequem sind und auch der FAU Berlin nach dem Anti-Boykott-Urteil nach wie vor zahlreiche Möglichkeiten zur Verfügung stehen (vom weiteren Kampf für einen eigenen Vertrag bis zu hin zur Einforderung nichttariflicher Regelungen mit der Gewerkschaft), die man erst mal noch weiter ausschalten möchte. Denn – Überraschung, Überraschung! – jetzt droht die Geschäftsführung gar mit einer Einstweiligen Verfügung, dass die FAU Berlin nicht mehr als Gewerkschaft auftreten dürfe. Das würde faktisch einem Gewerkschaftsverbot gleichkommen. Mal sehen, ob die Geschäftsführung wirklich diesen Schritt hin zu türkischen Verhältnissen wagt und damit endgültig zeigt, was sie von ArbeiterInnenrechten und Gewerkschaftsfreiheit hält. Ob dann die massiven Subventionen für das angeblich „linke“ Kino für die „linke“ Linkspartei noch tragbar sind? Und wie steht wohl ver.di zu dem Versuch eines Gewerkschaftsverbots? Ob Köhn munter weiter mit der Geschäftsführung schnackt, statt sich endlich mal an die Seite der KollegInnen zu stellen? Klar dürfte sein: die Sache ist explosiv.
Und vielleicht auch liegt es daran, dass Herr Köhn sich nicht sicher ist, wie er das Ergebnis legitimieren soll. Zuletzt war die Kritik gegen ihn auch ver.di-intern gewachsen, weil das Untragbare in seinem Vorgehen immer offensichtlicher wurde. Lehnte er es zwischenzeitlich ab, dass das Ergebnis überhaupt abgestimmt werden sollte, musste er nun einräumen, dass die ver.di-Mitglieder es abstimmen dürfen sollen. Da darf man gespannt sein. Denn mittlerweile ist bekannt, dass eines der ominösen Vier schon länger nicht mehr im Babylon beschäftigt ist. Ein anderes hat seine Mitgliedschaft zum nächst möglichen Zeitpunkt gekündigt. Von Nummer drei munkelt man, dass es eher in der Chefetage angesiedelt sei. Und der Letzte, nun, der protestiert schon länger vehement gehen Köhns Vorgehen. Wer da wohl Köhn herbeigerufen hat und ihm ein „Mandat“ für Verhandlungen gab?
Oder vielleicht macht der unberechenbare Geschäftsführer Grossman das Spielchen gar nicht mehr so mit und denkt sich, dass Herr Köhn doch gar nichts in der Hand habe, um wirklich etwas durchzusetzen. Oder es ist etwa schon alles unter Dach und Fach und man versucht ein Bild von Unstimmigkeiten und Problemen zu erzeugen, um bloß nicht die Vorwürfe aus der Belegschaft und von FAU zu nähren, dass Machenschaften im Spiel sind. Oder, oder, oder…
Man weiß es nicht. Im Dunkeln ist gut Munkeln, wie man so schön sagt. Wo jegliche Transparenz vermieden wird, bleiben halt nur noch die Mutmaßungen. Sowohl Köhn als auch Geschäftsführung scheinen das so zu wollen.
Mit dem jetzigen, irrsinnigen Ansinnen eines Quasi-Gewerkschaftsverbots sollte wohl endlich allen klar sein, um was es alles im Babylon geht. Das Babylon ist zu einem Miniaturabbild der bundesdeutschen Arbeitsbeziehungen geworden. Es liefert einen deutlichen Vorgeschmack, was andere ArbeiterInnen zu erwarten haben, wenn sie es wagen, ihre Kämpfe selbst in die Hand zu nehmen und mehr als nur die typischen Krümel zu fordern. Alle Register werden hier gezogen, um eine aufmüpfige Belegschaft und eine kleine, aufstrebende Gewerkschaft niederzuhalten. Die FAU darf sich geehrt fühlen. Wie einst Bebel sagte, „Lobt dich der Gegner, dann ist das bedenklich, schimpft er, dann bist du in der Regel auf dem richtigen Weg.“ Da hier nicht nur geschimpft, sondern an allen Fronten getobt und gewütet wird, dürfte die Berliner FAU wohl (fast) alles richtig gemacht haben.
Und sie macht es weiter, wenn auch für viele Außenstehende unbemerkt. Wer die Beschäftigten und die FAU dabei unterstützen möchte, sollte sich direkt an sie wenden. Sie informiert erfahrungsgemäß auch gerne aus erster Hand und hat das eine oder andere Informationsbonbon zu bieten.





Tuesday, November 17, 2009 

Russland: Iwan Chutorskoi ermordet

2009 November 17
by syndikalismus
Gestern Abend, am 16. November 2009 wurde in Moskau der 26-jährige Antifaschist Iwan Chutorskoi in seinem Hauseingang hinterhältig erschossen. Iwan organisierte in letzter Zeit den Saalschutz bei antifaschistischen Konzerten, und führte Kampfsporttraining für Genossen durch. Den Rechtsextremen war er wohlbekannt, sein Name tauchte neben denen von Stanislaw Markelow und Nikolai Girenko beständig in den Todeslisten der Nazis auf.
Vor dem gestrigen Mord waren bereits drei Mordversuche an Iwan verübt worden. 2005 wurde Iwan von Nazis überfallen, die ihm seinen Kopf zerschnitten. Ein weiteres Mal überlebte er nur durch ein Wunder, als ihm Nazis im Hauseingang auflauerten und mit einem Schraubenzieher zahlreiche schwere Verwundungen im Halsbereich zufügten. Im Januar dieses Jahres überlebte er wiederum nur knapp einen Messerstich in den Bauch, den er bei einem Straßenkampf mit Nazis erhielt.
In Moskau ist dies bereits der sechste Mord an Antifaschisten durch militante Rechtsextreme. Im April 2006 starb der 19-jährige Alexandr Rjuchin an Messerstichen, im März 2008 wurde bei einem Messerangriff Alexej Krylow getötet, im Oktober 2008 wurde Fedor Filatow, ein Anführer antifaschistischer Skinheads, neben seinem Hauseingang ermordet und am 28. Juni 2009 starb der Antifaschist Ilja Dshaparidse bei einem Überfall der Rechtsextremisten.
Ergänzt
Iwan war Mitbegründer der Moskauer R.A.S.H. (Red and Anarchist Skinheads). Er legte mehr Wert auf Taten, als auf Worte. Die Schuldigen an seinem Mord werden sich verantworten müssen.
Zusammengestellt nach:
Scheiße! Nicht schon wieder einer von uns!
Solidarität und Trauer, Mitgefühl und Kraft für die GenossInnen!
Remember the Revolutionaries!
Heute abend wird eine Kerze ins Fenster gestellt.



Verfassungsgericht bestätigt Verbot

Keine Verherrlichung des NS-Regimes

Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe billigt das Verbot der Verherrlichung des NS-Regimes. Damit wurde die Beschwerde des verstorbenen NPD-Funktionärs Rieger nachträglich abgelehnt.

Demonstranten gegen den Neonazi-Aufmarsch zum Gedenken an Rieger vor dem Friedhof in Wunsiedel.    Foto: dpa

KARLSRUHE afp | Das Bundesverfassungsgericht hat die Strafvorschriften zur rechtsradikalen Volksverhetzung gebilligt. Die Regelungen griffen zwar in das Grundrecht auf Meinungsfreiheit ein, doch dies sei mit Blick auf den Schrecken, den die NS-Herrschaft über Europa gebracht habe, "ausnahmsweise" noch zulässig, entschied das Gericht in einem am Dienstag veröffentlichten Beschluss.

Damit wurde die Beschwerde des Ende Oktober verstorbenen NPD-Politikers Jürgen Rieger nachträglich als unbegründet zurückgewiesen. Er hatte geklagt, weil eine von ihm im Jahr 2005 in Wunsiedel angemeldete Veranstaltung zum Gedenken an den Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß verboten worden war.


Die Verfassungshüter verwiesen mit Blick auf die Meinungsfreiheit darauf, dass das Grundgesetz zunächst "auf die Kraft der freien Auseinandersetzung als wirksamste Waffe auch gegen die Verbreitung totalitärer und menschenverachtender Ideologien" vertraue. Deshalb sei selbst die Verbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts "als radikale Infragestellung der geltenden Ordnung" nicht von vornherein verboten. Die Bürger müssten den dieser Ideologie ausgehenden Gefahren zunächst "im freien politischen Diskurs" entgegentreten. Die Vorschrift zur Volksverhetzung diene insoweit auch nicht dem Schutz der Bevölkerung vor einer "Vergiftung des geistigen Klimas".

Die Strafvorschrift zur Volksverhetzung ist laut Karlsruhe jedoch "ausnahmsweise" zulässig, weil sie verhältnismäßig bleibt: Sie verbiete weder generell "eine zustimmende Bewertung von Maßnahmen des nationalsozialistischen Regimes", noch eine "positive Anknüpfung an Tage, Orte oder Formen mit gewichtiger Symbolkraft".

Das Gesetz ziele vielmehr allein auf "die Gutheißung des Nationalsozialismus als historisch real gewordene Gewalt- und Willkürherrschaft". Diese Gutheißung kann nach Ansicht der Verfassungshüter auch in der glorifizierenden Ehrung einer Symbolfigur der NS-Gewaltherrschaft wie etwa Rudolf Heß liegen.

(AZ: 1 BvR 2150/08)


http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/keine-verherrlichung-des-ns-regimes/







Sunday, November 15, 2009 
Die jubelnde Menschenmenge vor dem Brandenburger Tor zum 20. Jahrestag des Mauerfalls, das waren "alle verfügbaren Polizeischüler" der Stadt, in Zivilkleidung.

Denn das sind "sensible Zuschauerbereiche", und da sollten die Polizeischüler als "Stabilisatoren" wirken. Und wer sich jetzt denkt, naja, 20 Jahre Mauerfall, das ist selten, da kann man da einmalig schon mal drüber hinwegsehen...:

hier die Originalmeldung - nicht von irgendwelchen Verschwörungsideologen, sondern von Spiegel Online!

http://www.spiegel.de/spiegel/vorab/0,1518,661268,00.html

14.11.2009

Berliner Polizeischüler in Zivil sicherten Feier zum Mauerfall

In der Menschenmenge, die vergangenen Montag am Brandenburger Tor den 20. Jahrestag des Mauerfalls mit Kanzlerin Angela Merkel und zahlreichen Staatsgästen feierte, standen auf Anordnung des Berliner Senats auch "alle verfügbaren Polizeischüler" der Stadt – in Zivilkleidung. Die Polizeianwärter sollten in "sensiblen Zuschauerbereichen als ,Stabilisatoren'" wirken, so heißt es in einem Schreiben von Staatskanzlei-Chefin Barbara Kisseler an den Berliner Innenstaatssekretär Ulrich Freise. Ein Polizeisprecher teilte auf Anfrage mit, der Einsatz von "Stabilisatoren" sei in Berlin kein Einzelfall, sondern "eine bewährte taktische Maßnahme bei Veranstaltungen mit hohem Gefährdungspotential". Dabei geht es nach Angaben eines Berliner Polizeigewerkschafters darum, Plätze mit zuverlässigen Personen zu besetzen: "Die Polizeischüler sollen nicht eingreifen, aber wo sie stehen, kann ja kein anderer stehen." Kisseler hatte in ihrem Brief angeregt, zusätzlich Polizeischüler der Bundespolizei auch noch anzufordern, die Bundespolizei lehnte den Wunsch jedoch ab. Gegen einen Einsatz, so begründete das Bundesinnenministerium die Absage, spreche schon die Fürsorgepflicht für die nicht voll ausgebildeten Polizeianwärter. Polizeigewerkschafter kritisierten die Aktion beim "Fest der Freiheit": Anwärter dürften für taktische Maßnahmen nicht eingesetzt werden; zudem sei es wenig sensibel, ausgerechnet bei der Feier zum Mauerfall normales Publikum durch angehende Polizisten in Zivil zu ersetzen.


ahäm, Zitat Ende-

Kommentar von fefe: 
Ja, meine Damen und Herren, das ist der Zustand unserer Demokratie. Unsere Junta hat so dermaßen den Rückhalt im Volk verloren, dass sie die Ränge auf solchen Veranstaltungen nicht mit ernsthaft positiv eingestellten Menschen gefüllt kriegen, und da Jubelperser hinstellen müssen. Wie damals im Ostblock!
Jetzt müssen wir nur noch für die Demonstranten ein paar Kilometer entfernt eine "First Amendment Zone" absperren, und dann... oh warte, haben wir schon. Nennt sich "Bannmeile".
------
juchheissa, ist das krass...
DDRBRD- da soll noch einer sagen, die alte Konvergenztheorie wg. beider Systeme wäre komplett aus der Luft gegriffen gewesen ----

http://blog.fefe.de/?ts=b401fa78
Saturday, November 14, 2009 
Was tut eine Junta wie die unsere, wenn im Deutschen Historischen Museum eine Ausstellung stattfindet, aus der man Dinge lernen kann, die ihnen nicht genehm sind? Na klar! Sie schicken den Kulturstaatsminister Neumann hin, und der zensiert dann die Ausstellung.
Wie der Sprecher des Deutschen Historischen Museums gegenüber der ZEIT bestätigte, war eine große Texttafel, die sich mit der Situation von Migranten in Deutschland von 1989 bis heute beschäftigt, auf ausdrücklichen Wunsch des im Kanzleramt angesiedelten Kulturstaatsministers ausgetauscht worden. Das Ministerium hatte auch gleich die neue, genehme Formulierung geliefert.
Wo kämen wir da hin, wenn in den Geschichtsbüchern die Wahrheit landet! Das können wir unmöglich dulden! Da muß ein freiheitlicher Rechtsstaat dann schon mal mit eiserner Faust hinlangen, wo kämen wir da denn sonst hin. Das ist Wehrkraftzersetzung!!!

(gefunden bei fefe!)

http://www.zeit.de/2009/47/Zensur-Fremde

Hier ist der Artikel

Zensur

Bundesbeauftragter für Propaganda

Schottet sich Europa gegen Flüchtlinge ab? Staatsminister Bernd Neumann hat eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum zensieren lassen

Kulturstaatsminister Bernd Neumann

Kulturstaatsminister Bernd Neumann

Dieter Gosewinkel traute seinen Ohren nicht, als am 15. Oktober im Deutschen Historischen Museum in Berlin die Ausstellung Fremde? Bilder von den Anderen in Deutschland und Frankreich seit 1871 feierlich eröffnet wurde. Mit Hunderten von Exponaten reflektiert diese Schau die Entstehung und Wirkung von Fremdbildern in den beiden Nachbarländern. Sie vergleicht die jeweiligen Stereotype über »die Fremden« – von der Zigeunerkarikatur bis zur Roberto-Blanco-Platte – und untersucht ihre Bedeutung für den Prozess der nationalen Selbstfindung.
Eigentlich sollte der Staatsminister für Kultur, Bernd Neumann, die Ausstellung mit einer Rede beehren, er hatte jedoch kurzfristig abgesagt und seine Stellvertreterin Ingeborg Berggreen-Merkel geschickt. Die kritisierte nun vor versammeltem Festpublikum die Arbeit der Kuratoren. Insgesamt leiste diese Ausstellung zwar einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte von Fremdbildern und Fremdenfeindlichkeit, sagte Berggreen-Merkel. Gleichzeitig werde in den Begleittexten zu den Exponaten jedoch ein zu negatives Bild vom eigentlich doch offenen und toleranten Deutschland gezeichnet. Aber das sei natürlich Sache der Ausstellungsmacher, die diese Texte zu verantworten hätten, so die Ministerialdirektorin.
Gosewinkel, der als Geschichts- und Rechtswissenschaftler eine Forschungsgruppe am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung leitet und an der Freien Universität Berlin lehrt, fühlte sich angesprochen. Schließlich hatte er zusammen mit drei anderen namhaften Kollegen im wissenschaftlichen Beirat dieser Ausstellung dafür gesorgt, dass die Arbeit der Kuratoren dem Stand der Forschung entsprach. Mit öffentlicher Kritik an seiner Arbeit kann Dieter Gosewinkel selbstverständlich leben. Doch was der Historiker später an diesem Abend im Gespräch erfuhr, ließ ihn an der Unabhängigkeit der Museen in diesem Land zweifeln. Das Staatsministerium hatte die Ausstellung nicht nur öffentlich kritisiert. Es hatte sie vor der Eröffnung und Berggreen-Merkels Rede auch zensieren lassen.
Wie der Sprecher des Deutschen Historischen Museums gegenüber der ZEIT bestätigte, war eine große Texttafel, die sich mit der Situation von Migranten in Deutschland von 1989 bis heute beschäftigt, auf ausdrücklichen Wunsch des im Kanzleramt angesiedelten Kulturstaatsministers ausgetauscht worden. Das Ministerium hatte auch gleich die neue, genehme Formulierung geliefert.
Der ursprünglich vorgesehene Text hatte mit den Sätzen geendet: »Neue Gesetze über Staatsangehörigkeit und Zuwanderung schufen erst seit der Jahrtausendwende die neuen Rechtsgrundlagen. Während innerhalb Europas die Grenzen verschwinden, schottet sich die Gemeinschaft der EU zunehmend nach außen ab. Die ›Festung Europa‹ soll Flüchtlingen verschlossen bleiben.« In der nun ausgestellten Version fehlen die letzten beiden Sätze. Stattdessen steht da nun die staatliche Bekanntmachung: »Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge fördert seitdem staatlicherseits die Integration von Zuwanderern in Deutschland.«
»Selbstverständlich kümmert sich ein Integrationsbeauftragter um Integration«, sagt Dieter Gosewinkel, der viel zu Fragen von Staatsbürgerschaft und Migration im deutsch-französischen Vergleich geforscht hat: »Doch der Ausstellungstext hatte ursprünglich eine ganz andere Aussage. Eine Aussage, die nicht aus wissenschaftlichen Gründen korrigiert, sondern aus politischem Kalkül gestrichen wurde.«

Ist dieser Vorfall Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien? Wird nach dem Wahlsieg von Schwarz-Gelb jetzt auch ideologisch durchregiert? (Der Staatsminister hat auf Fragen der ZEIT bis Redaktionsschluss nicht reagiert.)
Besonders skandalös ist der politische Eingriff in die Arbeit des Deutschen Historischen Museums (DHM) vor dem Hintergrund der Geschichte dieses Hauses. Das zu DDR-Zeiten im Zeughaus angesiedelte Museum für Deutsche Geschichte unterstand direkt dem ZK der SED. In der Gründungsphase des bundesrepublikanischen DHM hatten sich die beratenden Historiker – darunter Lothar Gall, Jürgen Kocka, Michael Stürmer und Richard Löwenthal – die Unabhängigkeit des neuen Nationalmuseums von den Einflüssen der Politik ausbedungen. Bisher hatte sich das Museum, soweit bekannt, diese Unabhängigkeit bewahren können. Nun scheint der Druck aus der Regierung zu stark gewesen zu sein. Das Bundesministerium hat mit dem Akt der Zensur nicht nur das Grundgesetz missachtet, es hat auch dem Museum geschadet. Ein Museum, dem ein Ministerium die Sicht auf die Dinge vorschreibt, kann man nicht ernst nehmen. Für Staatspropaganda, wenn man sie haben wollte, gibt es in dieser Republik das Bundespresseamt.

Mehr zum Thema aus der "Zeit":








Friday, November 13, 2009 
"Wer noch Zweifel hatte, wie schamlos "Schwarz-Geld" unsere Bevölkerung kaputt macht, für den habe ich hier noch einen schönen Artikel: Die Kostensteigerungen im Gesundheitssystem sollen in Zukunft nicht mehr vom Arbeitgeber sondern nur noch vom Arbeitnehmer bezahlt werden. Und wer DAS schon schlimm findet, ... das wird noch viel krasser:
Steigende Kosten auf der Ausgabenseite bedingen steigende Kosten auf der Einnahmenseite – ohne Beteiligung der Arbeitgeber kann dies nur eine massive Mehrbelastung der Arbeitnehmer bedeuten, und die soll, so will es die Regierung, einkommensunabhängig per Pauschalbetrag erhoben werden.
Ja, richtig gelesen! Die Armen sollen den Reichen ihre Gesundheitsversorgung bezahlen! (*) So sieht das aus. Die TUN nicht mal mehr so, als ginge es um Fairness oder Gerechtigkeit. Eigentlich können wir so langsam auch wieder anfangen, von Leibeigenen und Lehenswesen zu sprechen. Wer hat diese Gestalten noch mal in die Regierung gewählt?!"

(danke, Fefe!)

Wir werden wohl doch ne Rentner-Armee- Fraktion (RAF) gründen müssen, um Zahnärzte in Volksgefängnisse zu entführen, bis sie uns die Knabberleiste so weit hergerichtet haben, daß wie die geklauten Fressalien von Aldi wieder beissen können, äh, oder so...

(*Dass die Armen den Reichen alles erwirtschaftet, also bezahlt haben, ist aber nicht so neu, Fefe, nixfürungut...)

Hier der Artikel auf TP:

Spitze Ellenbogen statt starker Schultern

Jens Berger 13.11.2009

Schwarz-Gelb beerdigt die paritätische Finanzierung des Gesundheitssystems

"Es wird in jeder Gesellschaft einen Ausgleich geben müssen zwischen Arm und Reich - aber eben nicht im Gesundheitssystem." Mit dem Sozialstaatsgedanken haben die Vorstellungen, die der frischgebackene Gesundheitsminister Philipp Rösler in der gestrigen Bundestagsdebatte über das Gesundheitssystem offenbarte, nur mehr wenig zu tun. Die neue Regierung will das System der gesetzlichen Krankenkassen von Grund auf reformieren.


Das Ende einer Erfolgsgeschichte

Im letzten Jahr konnte die paritätische Finanzierung des Gesundheitssystems ihr 125jähriges Jubiläum feiern. Seit der Verabschiedung des ..[extern] Gesetzes..betreffend die Krankenversicherung der Arbeiter im Jahre 1883 werden in Deutschland die Beiträge zur Krankenversicherung jeweils zur Hälfte von Arbeitnehmern und Arbeitgebern gemeinsam bezahlt. Wie selbstverständlich wurde die Höhe der Beiträge stets an der Höhe des Einkommens bemessen. Dies ist schließlich einer der Grundpfeiler des Sozialstaates - starke Schultern können mehr Lasten tragen als schwache. Sozialstaat ade, die geplanten Reformen entkoppeln die Finanzierung des Gesundheitssystems endgültig vom "solidarischen Ballast" alter Zeiten. Künftig wird die Krankenschwester genau so viel zu schultern haben wie der Chefarzt.


Doch Schwarz-Gelb vollendet damit nur, was schon Rot-Grün und die Große Koalition begonnen haben. Schon bei der letzten Gesundheitsreform im Jahre 2005 sind die Arbeitgeber von zusätzlichen Beitragserhöhungen einseitig befreit worden. Der erhöhte Beitragssatz von 0,9 Prozent wurde den Arbeitnehmern aufgebürdet, die seitdem 7,9 Prozent ihres Bruttoeinkommens für die Krankenversicherung aufbringen müssen, während die Arbeitgeber sich mit 7 Prozent begnügen dürfen. Diese vorweggenommene Aufkündigung des Solidarpakts zu manifestieren, wird indes eine der Aufgaben von Schwarz-Gelb sein. Und Schwarz-Gelb wäre nicht Schwarz-Gelb, wenn sie nicht den Abriss des Sozialstaatsprinzips noch weiter beschleunigen würde. In einem ersten Schritt sollen nicht nur weitere zu erwartende Beitragserhöhungen einseitig von den Arbeitnehmern getragen werden, sondern diese zusätzlichen Versicherungskosten sollen auch noch einkommensunabhängig erhoben werden.


Die vier Asse auf der Gewinnerseite

Wenn man entdeckt, dass bei der gegenwärtigen Kassenlage im Gesundheitssystem die Ausgaben höher sind als die Einnahmen, hat man verschiedene Möglichkeiten, dieser Schieflage zu begegnen.

Man könnte beispielsweise die Einnahmenseite unverändert lassen und die Ausgaben kürzen. Ausgaben sind allerdings nicht nur Leistungen, die den Versicherten zugutekommen, sie stellen auch Einnahmen für die verschiedenen Interessengruppen dar. Zum Einen gibt es dort die niedergelassenen Ärzte. Ein niedergelassener Arzt erzielt im Durchschnitt einen Reinertrag von 142.000 Euro im Jahr – davon gehen nur noch Steuern und Sozialabgaben ab. Durchschnittlich elf Prozent mehr Honorar konnten die Ärzte in den beiden letzten Jahren verbuchen. Den Grundstock der üppigen Honorare bildet dabei ein Regelleistungsvolumen, das in einem Kollektivvertrag mit den Krankenkassen ausgehandelt wird. Das Honorierungssystem für Ärzte hat mit freiem Wettbewerb nicht viel zu tun, aber die FDP, die sich sonst bei jeder Gelegenheit als letztes Bollwerk zur Rettung des freien Wettbewerbs aufführt, hat auch gar kein Interesse daran, hier Reformen durchzusetzen. Schließlich gehören der Arzt, neben dem Apotheker, dem Anwalt und dem Architekten zu den berühmt-berüchtigten "vier Asse", die das Rückgrat der FDP bilden und als deren Klientelpartei sich die Liberalen verstehen. Eine Gesundheitsreform, bei der die Ärzte mit Kürzungen konfrontiert werden, ist mit der FDP daher nicht möglich, also müsste an anderer Stelle gespart werden.

Wie wäre es mit den Apothekern? Kein anderes Gewerbe kann so hohe Margen vorweisen. Apotheker leben in einer seltsam nostalgischen Welt ohne echten Wettbewerb – sie sind dank politischer Protektion vom Wettbewerb weitestgehend ausgeschlossen und werden durch das Arzneimittelgesetz, die Apothekenbetriebsordnung und das Sozialgesetzbuch vor Konkurrenz geschützt. Natürlich könnte man im Gesundheitssystem viel Geld sparen, wenn man im Apothekenbereich einen echten Wettbewerb durchsetzten würde. Dies ist mit der FDP aber nicht zu machen. Schon in der Vergangenheit hat sie alles in ihrer Macht Stehende getan, um das Monopol der Apotheken zu wahren und gegen Konkurrenz aus dem Internet zu schützen. Auch im Koalitionsvertrag ist nichts von einer Stärkung des Wettbewerbs bei Apotheken zu lesen – im Gegenteil. Der freie Markt ist für die FDP nur dann gut, wenn mit ihm keine Nachteile für eine ihrer Klientelgruppen verbunden sind.


Kostentreiber Pharmaindustrie

Auch auf Seiten der Pharmakonzerne und der Krankenhäuser könnte man auf der Ausgabenseite sparen. Aber natürlich nicht mit der FDP, der es angeblich um die Arbeitsplätze in diesen Wachstumssektoren geht. Um die Arbeitsplätze geht es der FDP freilich nicht – vor allem im privatisierten Krankenhaussektor wird entlassen, was das Zeug hält. Examinierte Fachkräfte werden gegen schlecht ausgebildete – aber spottbillige – Pflegeassistenten ausgetauscht, und aufgrund der angebotenen Hungerlöhne haben viele Kliniken sogar Engpässe beim ärztlichen Personal, das lieber ins Ausland geht, wo noch ordentlich bezahlt wird.

Die Pharmaindustrie und die Krankenhäuser wollen nicht nur eine Eigenkapitalrendite von mindestens 5% verwirklichen, sie wollen auch wachsen. Mehr Umsatz und mehr Rendite bedeuten im Umkehrschluss jedoch höhere Kosten für das Gesundheitssystem. Die Kosten für Krankenhäuser und Arzneimittel steigen jährlich um rund 5% und dies wird sich unter Schwarz-Gelb sicherlich nicht ändern. Es ist sogar zu erwarten, dass die Kosten weiter steigen. Reformmaßnahmen der letzten Regierung, die die Kosten deckeln sollten, stehen nämlich bereits auf dem Prüfstand – Schwarz-Gelb spielt bereits mit dem ..[extern] Gedanken.., Erstattungshöchstpreise, Zuzahlungsbefreiungen für besonders preiswerte Medikamente, Rabattverträge mit den Krankenkassen und die Kosten-Nutzen-Bewertung neuer Arzneimittel durch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit zu kippen. Das ist gut für die Aktionäre der Pharmakonzerne, aber schlecht für die Beitragszahler der Krankenkassen.


Umverteilung von unten nach oben

Auf der Ausgabenseite kann Schwarz-Gelb also nicht sparen, wenn man es sich nicht mit seiner Klientel verderben will. Wenn die Kostensteigerung einmal als gegeben angenommen wird – Experten gehen sogar von einer Steigerung von 5% p.a. aus -, heißt das natürlich, dass die Einnahmen erhöht werden müssen. Auch dabei gäbe es einige Möglichkeiten, wie man dies sozialverträglich gestalten könnte. Man könnte beispielsweise die Beitragsbemessungsgrenze von derzeit 3.675 Euro erhöhen oder gutverdienende Privatversicherte über eine Zwangsumlage am Solidarsystem teilnehmen lassen. Aber in der Diktion von Schwarz-Gelb sind Bürger, deren Einkommen oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze liegt, ja "Leistungsträger", die ent- und nicht belastet werden dürfen. Wenn also die Gutverdiener und Vermögenden nicht verstärkt zur Kasse gebeten werden können, müssen halt die Normal- und Geringverdiener für die Zusatzkosten aufkommen. Die Mehreinnahmen von Ärzten und Apothekern und die Dividenden der Aktionäre von Pharma- und Krankenhauskonzernen müssen daher künftig einseitig von den Mitbürgern aufgebracht werden, die nicht unter die Kategorie "Leistungsträger" fallen. Das ist nicht nur ein Abschied vom Solidarprinzip, es ist sogar dessen Umkehrung.

Dabei sind die einkommensunabhängigen Zusatzbeiträge erst der Anfang einer Reformierung des Beitragssystems, die bei der Kopfpauschale enden wird, die Schwarz-Gelb wohl nach den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen umsetzen wird. Nach ..[extern] Berechnungen.. der AOK würde eine Kopfpauschale für den Arbeitnehmeranteil der Krankenversicherung bedeuten, dass jeder Versicherte, von der Krankenschwester bis hin zum Chefarzt, monatlich mit 140 Euro zur Kasse gebeten wird – Steigerungen von rund 10% pro Jahr, da die 5% Gesamtkostensteigerung ja einseitig auf die Arbeitnehmer umgelegt wird, exklusive. Bei dem zugrundeliegenden Beitragssatz von 7% des Bruttoeinkommens hieße dies nicht nur, dass sämtliche Arbeitnehmer, die weniger als 2.000 Euro Brutto verdienen, schon jetzt mehr bezahlen müssten als vorher, sondern auch, dass künftig jedes Jahr rund 150 Euro mehr in den Lohntüten fehlen, da damit die Kostensteigerungen aufgefangen werden. Und dies Jahr für Jahr, den Zinseszins nicht einmal inbegriffen. So wird der Slogan "Mehr Netto vom Brutto" zur zynischen Farce.

Um die Zusatzbelastungen sozialverträglich abzufedern, will Schwarz-Gelb sie für Bedürftige aus Steuermitteln finanzieren. Doch das ist nicht etwa sozial, sondern höchst unsozial, da diese Steuermittel an anderer Ecke im Transfersystem eingespart werden müssen. Die geschätzten 22 Milliarden Euro, die dafür nötig sind, sind kein Zuschuss für sozial Schwache, es sind Subventionen für sozial Starke. Wenn die Beiträge von Gut- und Besserverdienern gekappt werden und die daraus resultierenden Kassenlöcher aus dem Steuersystem ausgeglichen werden sollen, so ist dies nämlich nichts anderes als eine Subvention. Auch Subventionen will die FDP natürlich abbauen – freilich nur solche, die nicht ihre Klientel betreffen.


INSM voran!

Wohin die Reise noch gehen wird, hat Philipp Rösler bereits durch die Nominierung seines "Expertenrates" unter ..[extern] Beweis.. gestellt. Künftig sollen die Herren Thomas Drabinski, Günther Neubauer und wohl auch Bernd Raffelhüschen die Zukunft des Gesundheitssystems mitgestalten.

Da hätte Rösler auch gleich die neoliberale Lobbyvertretung "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" (INSM) mit den Reformen betrauen können. Drabinski ist dafür bekannt, dass er dafür eintritt, dass Patienten künftig ..[extern] 10%.. der Behandlungskosten aus eigener Tasche zahlen sollen.

Neubauer, der ebenfalls die Patienten an den Krankheitskosten ..[extern] beteiligen.. will, wird von der INSM sogar regelmäßig ..[extern] mit.. Studien beauftragt. Raffelhüschen ist seinerseits sogar ..[extern] offizieller.. Botschafter der INSM und zeichnete sich in der Vergangenheit nicht nur als neoliberaler Abrissbagger für das Sozialsystem, sondern auch als beliebter Aufsichtsrat diverser Versicherungskonzerne und regelmäßiger Gast in Talkshows aus. So schlimm und unsozial die aktuell geforderten Novellen sind – dies ist wohl erst der Anfang einer langen Reihe von Grausamkeiten.


Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31491/1.html








Thursday, November 12, 2009 

Zum revolutionären Umbruch in der DDR 1986 bis 1990. Interview mit Wolfgang Rüddenklau

2009 November 11
by syndikalismus
Radiotipp2Ein sehr interessantes und aufschlussreiches Interview mit dem Anarchisten Wolfgang Rüddenklau über den Widerstand in der DDR und die Tage der „Wende“ sowie die Umdeutung der Proteste in der heutigen offiziellen Berichterstattung.
Aus der Eigenbeschreibung des Stadtradio Münster:
Im Oktober 2009 haben Graswurzelrevolution-Redakteur Bernd Drücke und GWR-Praktikant Christoph Krebber (Unbezahlt? Fragt Syndikalismus.tk) im Studio des Medienforums Münster, technisch begleitet von Klaus Blödow, eine Radio Graswurzelrevolution-Sendung zum Thema „20 Jahre ‘Wende’ in der DDR“ produziert. Sie ist in einer redaktionell bearbeiteten Version in der anarchistischen Monatszeitung Graswurzelrevolution (GWR Nr. 343, November 2009, www.graswurzel.net) erschienen.
Telefonisch aus Berlin zugeschaltet war Wolfgang Rüddenklau (* 1. Mai 1953 in Erfurt), über den in den 80er Jahren Oberstleutnant Zeiseweis von der Bezirksverwaltung Berlin eine Akte angelegt hat:
Wolfgang Rüddenklau

Wolfgang Rüddenklau.

„R. [Rüddenklau] ist zweifellos ein eingeschworener Feind unserer Gesellschaft, insofern ist eine Zielstellung, Straftaten gemäß §§ 219 oder 220 StGB nachzuweisen, ein Verniedlichen der feindlichen Grundposition des R. ; wir sollten alles unternehmen, den Staatsfeind R. zu enttarnen und zu beweisen.
R. und seines gleichen lassen sich schwer einsperren. Unser erstes Ziel sollte sein, ihn als Feind politisch unwirksam zu machen.
Seine
- Machtambitionen,
- Herrschsucht,
- Anarchistische Position,
- Unbeherrschtheit,
- Homo- oder Bisexualität,
- Desinteresse an Umweltfragen usw.
bieten Angriffspunkte gegen ihn.“
Zeiseweis war kein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes, sondern der Staatssicherheit der DDR, der Stasi.
Wolfgang Rüddenklau war ab 1986 Redakteur der Umweltblätter und ab 1989 des telegraph. Das waren die wichtigsten Oppositionsblätter in der DDR. Er ist Mitbegründer der Ost-Berliner Umwelt-Bibliothek, die ein wichtiger Treffpunkt und ein Mobilisationsort der basisdemokratischen und libertären Oppositionsgruppen in der DDR war.
Hier gehts zur Homepage von Wolfgang Rüddenklau: http://www.belfalas.de/wolfgang.htm
Eintrag über Wolfgang auf der deutschsprachigen Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_R%C3%BCddenklau

Telegraph gibts heute noch:
und hier
Sind immer einen Besuch wert.