Status: Single
City: Berlin
State: Berlin
Country: DE
Signup Date: 6/20/2006
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Friday, October 24, 2008
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Liebes Internet,
unsere Tour geht weiter. Berechtigte Einwände gäbe es viele. Ihr könntet uns in das Büro eines beliebigen Bookers eines beliebigen bundesdeutschen Live-Clubs zerren. Dort würdet ihr auf sich biegende Bretter zeigen und sagen: "Regale, Regale, CDs CDs. Man sollte denken, es reicht langsam. Aber nein, seht her, schon wieder kommt ein Gabelstapler. Der Booker hat Ringe unter den Augen - Ringe der Angst! Ihr werdet es nicht glauben, aber Jahr für Jahr werden hundert Quadratkilometer Booker mit CDs junger Künstler zuasphaltiert. Viele bekommen Neurosen und Pickel, weil sie sich vor dem nächsten Arbeitstag fürchten. Spielt ihr nicht auch noch Konzerte! Bewerbt euch lieber bei der Polizei. Nichts ist sinnvoller, als Verbrechen zu bekämpfen. Denkt nicht, das wäre Ironie!" Sagt aber niemand.
Motor ist seiner Zeit voraus, es hat bereits von Geld- auf Naturalienwirtschaft umgestellt. Respekt. Womit wir nicht das Gerücht in die Welt setzen wollen, sie wären pleite. Es gibt jedoch als Gage in Berlin im NBI eine nahezu unbegrenzte Gästeliste. Alle, die kommen wollen, also bitte eine Nachricht schicken: wer sie sind und wen sie noch mitbringen wollen! Von der Anlieferung von Kartoffeln, Tomaten oder Orangen ins NBI als Dank für den Gastzustand bitten wir abzusehen. Es werden Listen herumgereicht, worin sich jeder nebst vorhandener Naturalie eintragen kann. Wir werden bei Gelegenheit darauf zurückkommen.
Gehabt euch wohl. Der Sternbuschweg.
05.Dez.2008 Oberhausen Neidryder Party im Druckluft 06.Dez.2008 Köln Normal Plattenladen (Akustik-Gig 18Uhr!) 07.Dez.2008 Münster www.wohnzimmer-ev.de (Wohnzimmer-Konzert 20Uhr!) 08.Dez.2008 Köln Blue Shell 12.Dez.2008 Berlin NBI (Motor Party) (wg. Gästeliste mail an: band@sternbuschweg.de alle Wünsche werden erfüllt!) 07.Jan.2009 Berlin Schokoladen (EP-Release)
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Tuesday, July 29, 2008
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Genau genommen ist Fränki viel eher eine deutsche Indie-Band als Sternbuschweg. Im Vergleich mit ihm sollte man uns als papua-neuguinesische Heavy-Metal-Combo oder so etwas in der Art bezeichnen, um der Unterschiede irgendwie sprachlich habhaft zu werden. Doch die sukzessive Verfeinerung dieser Kategorien stellt ein Projekt für die Zukunft dar, und so bleiben wir fürs Erste bei dem Gewohnten. Fränki nun ist (jedoch in bestem Glauben) ein Bestandteil von allem, zu dem wir nie gehören werden und nie gehören können. Wir sind Gründungsmitglieder und wurden doch wie Trotzki von den Photographien entfernt; diese Gemeinschaft ist klug und dumm zugleich: sie schließt all diejenigen aus, die sie in Frage stellen. Das bewahrt den einen die Homogenität und den anderen den Status der Sonderlinge, doch trägt beides in sich bereits das Muster des Verfalls.
Fränki macht ab und zu Partys in seiner WG in Berlin-Pankow und er fragte uns, ob wir nicht zum Tourabschluss bei ihm auf eben einer dieser Partys spielen wollen. Wir so: Fränki, ja gerne, wie hast du dir das gedacht? Der Wolfgang mit Akustikgitarre und Sebastian drückt vielleicht hier und da mal vorsichtig eine Taste? Fränki: nein, die ganze Band. Wir so: ah okay, du willst, dass wir alle anwesend sind? Fränki: nein, ihr sollt alle spielen. Wir so: jetzt haben wirs, dann trommelt Benjamin nur die Snare mit Besen, Dennis dreht den Bass runter, alle ganz leise, recht? Fränki: was seid ihr denn für Flaschen! Die ganze Band komplett, laut, schmutzig und RocknRoll. Die Nachbarn wissen Bescheid, meiner Frau Untermieterin bezahle ich ein Hotelzimmer für das Wochenende, die Polizei ist bestochen und ab geht's! Wir so: ah oooookay...
Ganz ehrlich: unsere Phantasie reichte nicht aus dafür, uns vorzustellen, dass sowas tatsächlich noch geht im teilgesäuberten Berlin nach der Jahrtausendwende. Noch dazu nicht in dem Abbruchhaus eine Tür weiter, sondern im frisch renovierten Eckpalast mit Treppen aus Marmor und Malereien im Aufgang in der bürgerlichen Gegend von Pankow. Daran kann man sehen, wie sehr in unseren Köpfen die wilden Jahre der Anarchie verankert sind, als im Prenzlauer Berg die illegalen Partys von einem Keller zum nächsten zogen, es im Winter noch nach Kohle roch, das Viertel bevölkert war von denjenigen, die heute als Hartz IV Empfänger längst aussegregiert sind und in Neukölln bzw. Marzahn unterkommen mussten oder im Ausnahmefall noch als schrullige Kiezurgesteine geduldet werden. Grüßen indes tut man tut man sie nicht. Jeder Kontakt mit diesen Schrullen birgt die Gefahr, selbst dazu gerechnet zu werden und im eisenharten Korsett der sozialen Hierarchie wieder auf Anfang zu müssen.
Doch es wächst auch gesunde Nonkonformität heran, und so taten wir unser bestes, dies zu unterstützen. Den ganzen Krempel nach Pankow gefahren, wir als Technik-Amateure wichtige Kabel im Proberaum vergessen, später gemerkt, dass es irgendwie auch ohne geht und rauf auf den Teppich. Den ersten Song noch ein bisschen verhalten, man tut sich ja bekanntlich schwer damit, angelernte Verhaltensmuster aufzugeben, doch einmal dabei, macht man es wie jeden Abend: die hoch und heilig versprochene Zusage an den Mischer, die Verstärker NICHT lauter zu machen während des Konzertes nimmt man als das, als was es gemeint war: gut, ich mache den Verstärker nicht mehr als doppelt so laut. Deal? Da es keinen Mischer gab, musste man sich jedoch nicht mal mit Befindlichkeiten dieser Art aufhalten. Wolfgang bat das Publikum, auf Betten und Möbel zu springen, bis sie in sich zusammen fallen würden, das Publikum tat genau das und Betten und Möbel fielen in sich zusammen. Lieber Fränki, es hat auch etwas Gutes: ein Wiederaufbau, klug ausgeführt, kann durchaus den Horizont erweitern. Unsere Grooves und Hooks schallten über Berlin-Pankow, es gingen Anrufe aus Friedrichshain ein, dass wir doch bitte etwas leiser machen mögen, man würde auf dem Balkon sitzen und wollte zur Abwechslung mal etwas anderes hören als Sternbuschweg. Die Missionare taten nicht dergleichen, hatten jedoch irgendwann ihr Set ausgespielt und es ging mit Disko weiter.
Wie es meine Art ist, vertiefte ich mich später in sinnlose Partygespräche, das kann gute wie auch schlechte Nebenwirkungen haben; in diesem Fall ersparte es mir die Aufräumarbeiten. 3xSternbuschweg mit tatkräftger Unterstützung einiger Partygäste hatten die ganze Backline aus dem Fenster in die PKW geworfen. Mir blieb nur mein verdienter Chauffeursjob und aus. Die Tour, oder sagen wir ruhig: das Ereignis, kam somit auf denkbar schwerste Weise zu Schaden. Es endete. Verdienste erwarben wir uns keine, doch das waren der wunderbaren Tage.
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Tuesday, July 15, 2008
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Dass Pete Doherty seine Spione auf mich angesetzt hat, ist allgemein bekannt und wird inzwischen auch in der englischen Tagespresse entsprechend gewürdigt (NME Nr. 24 2008, The Sun vom 25.6.2008). Diese Tatsache verschafft mir in meinem Turmzimmer eine gewisse Form der Genugtuung, von der ich mir zwar nichts zu essen kaufen kann, doch der Eintrag in die Geschichtsbücher ist immerhin garantiert. Dass sich auch Joachim Löw in die Standleitung, die direkt aus meinem Ankleidezimmer in die Metropolen geschaltet ist, eingeloggt hatte, war mir lange nicht bewusst, doch ich kann nunmehr sogar den Zeitpunkt bestimmen, an dem er glaubte, genug gesehen zu haben und sich auf seine zweite Funktion als Bundestrainer zu konzentrieren begann; es ist der 3.4. 2007. Zu diesem Zeitpunkt wechselte ich Gürtel und Anzughosen; in der Männerausgabe der Gala (Nr. 27 2008) mit Joachim Löw und Günther Netzer sieht man genau, was passiert ist: mit einer leichten Anwandlung von Wehmut kann man dort nachvollziehen, dass der gute Joachim die seitdem erfolgte Evolution meines Stils ignoriert hat und trotzdem immer noch eine gute Kopie abgibt. Der Weg zur Vollendung verursacht auch und gerade im Rückblick nostalgische Gefühle der Verklärung. Über die gefärbten Haare kann man sich streiten. Doch Respekt für alles. Ich hatte immer schon ein Faible für nichtpraktizierende Homosexuelle.
Sternbuschweg in Dessau, dass kann eigentlich nichts anderes ergeben, als eine groß angelegte Willkommensparty, die komplett im Matsch des Zeitgeschmacks festzustecken droht. Wir taten alles Menschenmögliche, um dieser klebrigen Mischung aus Wasser und Mutterboden zu entkommen, doch man kann und will sich auch nicht für alle Zeiten gegen zweifelhafte Formen der Zuneigung erwehren. Mit der Sicherheit des Status der lokalen Helden begaben wir uns auf die Bühne, Wolfgang fragte in die Menge hinein, wer von den Anwesenden NICHT mit uns verwandt wäre; die Tatsache, dass sich nur wenige Arme in den virtuellen Clubhimmel erstreckten, bedeutete nicht, dass nur Wenige vorhanden gewesen wären. Allein es war ein Donnerstag und alle hatten hart an den Maschinen der blühenden Industrielandschaft gearbeitet; das macht die Arme schwer. Sowas versteht auch die Sternbuschweg-Boheme und wir hatten für all die fleißigen Werktätigen ein paar heilsame Slogans parat: „Meine Liebe dauert länger als der Kommunismus", „ Es ist unmöglich, sich klein zu machen wenn man groß ist" und „Die Welt ist nicht gemacht für uns". Die Werktätigen erfuhren eine völlig unerwartete Re-Politisierung. Die paar anwesenden Vertreter der bürgerlichen Klasse wollten sie noch davon abhalten, doch es war zu spät: sämtliche Lehren aus den Jahren marxistischer Herrschaft wurden augenblicklich ihrer stalinistischen Überformung entledigt; die Produktivkräfte erinnerten sich ihrer Macht, besetzten die Maschinen und das Land, überführten alles in Volkseigentum und gründeten die „Freie und Demokratische Republik Anhalt". Die Hartz-IV Emfänger krochen aus den Löchern ihrer gesellschaftlichen Isolation, erstrahlten im Licht der neugewonnenen materiellen und geistigen Freiheit, sie lachten und warfen Kinder durch die Luft, sie tanzten mit Blumen im Haar im Rhythmus der Maschinen, sie pflanzten Rüben, Rosen und Radieschen auf den Feldern und feierten Randale in den Straßen.
Sternbuschweg, eine unpolitische Band? Kaum jemals wurde ein falscheres Urteil gesprochen. Wir sind die Vorsitzenden und Gründungsväter der „Freien und Demokratischen Republik Anhalt", unsere Porträts hängen in sämtlichen Wohnzimmern und Amtsstuben. Was will man mehr? Ach ja, die Weltherrschaft. Wir stehen in intensiven Gesprächen mit Oskar Lafonatine, Hugo Chavez, Rudi Dutschke und Jesus Christus. Es ist nur eine Frage der Zeit.
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Friday, July 11, 2008
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Ich sehe es noch genau vor mir: die Mauer, der Aufprall, das Blut, der Schmerz. Ich spreche nicht von meiner Geburt (diese war ein lichtdurchtränktes freudiges Ereignis mit einem leuchtenden Stern über mir), wir wurden auch nicht von Nazis verprügelt, obwohl wir das eigentlich erwartet hatten als androgyne linksintellektuelle Fremdkörper. Warum Sternbuschweg dann trotzdem in diese gebeutelte Landeshauptstadt gefahren sind? Weil auch in der Wüste missioniert werden muss. Nun, der Eingangssatz beschreibt bereits den Abschluss unseres Konzertes in Magdeburg. Doch wie es dazu kam? Bitteschön, hier alles der Reihe nach.
Die feinen Menschen vom Leo-Magazin baten uns im Rahmen ihrer Konzertreihe auch nach Magdeburg. Dank an dieser Stelle. Auch sie missionieren in der Wüste, und als Brüder im Geiste sagten wir umgehend zu. Unserer Navigationssystem führte uns direkt in die Mitte der fünf verbliebenen Bürgerhäuser, in den Keller hinabgestiegen fanden wir einen hübschen Club vor und guten Mutes gingen wir unserer Arbeit nach: runtertragen, soundchecken, essen, warten. Das Warten dauerte diesmal etwas länger als gewöhnlich. Die unausgesprochene Übereinkunft zwischen der Band (also uns) und dem Publikum (also euch) ist folgende: wir tun einen tollen Club auf, arrangieren Tagestipps in allen gängigen Massenmedien, fahren den ganzen Weg zu euch, haben tolle Songs dabei, machen uns hübsch und sind bester Laune; dafür kommt ihr in kleiner oder größerer Anzahl auf unser Konzert und seid ebenfalls bester Laune aufgrund dieses Aufsehen erregenden Ereignisses.
In Magdeburg sieht man das wohl etwas anders. Dort lässt man die Band ihre Arbeit tun, man selbst jedoch glaubt sich von jedweder Verpflichtung entbunden und bleibt einfach zu Hause. Da ist es doch auch schön, man kann wahlweise aus dem Fenster hinaus oder in den Fernseher hinein sehen, ein bisschen Kafka lesen, später Rudi Dutschke auf youtube bewundern, um dann von Anton Weberns „Der Tag ist vergangen" in den Schlaf gewiegt zu werden. Liebe Magdeburger, Respekt dafür, doch was haben wir davon? Wolfgang, wie immer seiner Zeit voraus, packte seine Gitarre ein und machte sich auf den Weg zur Elbe, um dort besinnliche Stunden zu verbringen. Einige Zeit später kamen dann doch die vier ungebildeten Magdeburger, die weder Kafka, Dutschke noch Webern kennen und wollten ein Konzert von Sternbuschweg hören; es gesellten sich außerdem noch ein paar ebenso ungebildete Hamburger dazu. Wolfgang, der bereits den Flusslauf durchmessen hatte, wurde zurückbeordert, abgetrocknet und ab gings auf die Bühne. Sieben Zahlende und zehn Bedienstete waren dann doch in der Lage, Sternbuschweg zu mittleren Höchstleistungen zu bringen, und Achtung, jetzt kommts: ich sehe mich nach dem letzten Song dem Publikum winken, den Abgang Richtung backstage nehmen und alles ist wieder da: die Mauer, der Aufprall, das Blut, der Schmerz. Warum ausgerechnet der Kleingewachsenste von uns mit voller Wucht gegen die niedrige Steinwand auf dem Weg zum Bandraum stoßen muss, bleibt ein Mysterium der Rockgeschichte. Es ist halt passiert. Sieben Zahlende und zehn Bedienstete wollten Zugaben. Ich ließ blutgetränkte Handtücher auf die Bühne reichen, doch der Mob kannte kein Erbarmen: entweder ihr spielt oder wir gehen Kafka lesen. Nun, das wollte ich nicht verantworten und delirierte auf die Bühne. Wir gaben eine wahnsinnige Version von „Star" zum Besten, in der alle Widersprüche von Leben und Tod für einen kurzen Augenblick vereint und gleichzeitig aufgehoben wurden. Das Stadion nahm es als das, was es war: ein ökumenisches Abendmahl, gab Applaus, faltete die Hände und verabschiedete sich.
Auf der Heimfahrt nach good old Dessau, die wir, wie auch die Hinfahrt, mit zwei PKW antraten, verirrte sich Wolfgang auf ein Rapsfeld, weil er, berlingeschult, geflissentlich Straßensperren ignorierte. Später überholte er uns Kraft seiner Pferdestärken, noch später fielen wir alle wohlbehalten in die weichen Arme unserer Mütter; meine Stigmata wurden derweil photographisch archiviert, um sie der Nachwelt zu erhalten.
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Thursday, July 03, 2008
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Man macht sich ja so seine Gedanken. Es heißt, die Zeit würde ihren schützenden Mantel über alles Vergangene werfen: weich zeichnen, gütig sein, nachträglich legitimieren, die Fehler verzeihen helfen, allein: das bleibt ein Wunschtraum. Das exakte Gegenteil ist der Fall. In aller Klarheit und mit wissenschaftlicher Präzision geht die Zeit ihrem zerstörerischen Tageswerk nach. Jede Verfehlung wächst ins Unermessliche, sie erklimmt, aus einer unsichtbaren Kraft schöpfend, einem Perpetuum Mobile gleich, ungeahnte Höhen und zeigt keine Spur der von uns so sehnlichst gewünschten Ermüdungserscheinungen. Was ich mir, um Gottes Willen, zu Schulden kommen lassen habe? Banalitäten. Doch seien wir ehrlich: die meisten von uns waren damals, als der Britpop zu seinem absurden Höhenflug ansetzte, für Oasis oder für Blur. Keine Frage, talentierte Bands, stilprägende Sänger, gute Songs. Doch warum hat niemand mein kleines Köpfchen darauf hingewiesen, dass es in jenen Tagen nur ein sehr beschränktes Wissen beherbergt hat? Aber selbst wenn. Pulp und Jarvis Cocker standen zwar wie einsame Lichter im Dunkel der Stilidioten, der Schläger, der Liam Gallagher-Lookalikes und der affektierten Studentenbande, doch ihr Rufen war umsonst. Nicht dass sie mir unbekannt gewesen waren, doch ihr Wirken verhallte bei mir, in Beziehung gesetzt zu ihrer tatsächlichen Bedeutung, nahezu ergebnislos. Den Unterschied macht es jedoch, sich seiner Verfehlungen bewusst zu werden und Buße zu tun. Ich war irgendwann soweit.
Buße tun sollten jedoch auch so einige andere. Ich habe in den letzten Tagen meine Musikaliensammlung, welche, sagen wir, mittleren Umfang besitzt, frisch sortiert, bin dabei auf allerlei Absurditäten gestoßen, welche sich dort nach und nach angesammelt haben und fütterte meine Hifi-Anlage damit; die Erkenntnis war niederschmetternd. Welcher Mist an hiesiger Musik in den letzten Jahren veröffentlicht wurde (und nach wie vor wird) schreit zum Himmel. Höhlen voll mit Schrott. Ich bin sehr gespannt, was ich, in aller Schärfe und Rücksichtslosigkeit gealtert, in 10 Jahren über meine eigene kleine Band sagen werde. Gott sei Dank habe ich alle Angebote ausgeschlagen, als Teil des Album-Artworks dieser Leute zu erscheinen. Das kann nicht jeder von sich behaupten. Nebenbei bemerkt: CDs brennen außerordentlich schlecht, sie sind nicht mal dafür gut, als Feuerchen noch einen Rest von Nützlichkeit in sich zu tragen, uns zu wärmen und leise vor sich hin knisternd in gute Stimmung zu versetzen, damit wir halbwegs Frieden mit ihnen schließen können, während sie ein Raub der Flammen werden. Wohin man sich auch dreht und wendet: es gibt kein Entkommen.
Ob ich schlechte Laune habe? Ganz und gar nicht. Man sollte klare Einsichten nicht mit schlechter Laune verwechseln.
Angefüllt mit diesen Gedanken, geschlagen mit der Schwere der Geschichte und unserer eigenen Ignoranz, gelangten wir nach Lemgo. Das war eigentlich schon Überraschung genug. Lemgo ist, wie allseits bekannt, kulturelles Ödland. Doch das Schicksal treibt eben ab und zu seine Spielchen mit uns. Mit dabei unsere lieben Karpatenhunde und eine lokale Band, deren Name mir gerade nicht einfällt. Letztere waren sehr jung, sehr nett, sehr überrascht davon, dass sie dann doch mit Musikern von Weltruf wie uns den Backstage teilen durften; der Sänger ging fast auf die Knie, als er gewahr wurde, dass Claire die selbe Claire ist, welche auch auf MTV moderiert. Es rührt mich immer fast gar nicht, sowas zu sehen. Die Muster dahinter sind sehr einfach und mir gut bekannt: bevor ich selbst auf Bühnen stand, erschien mir jeder, der eben das tut, geheimnisvoll und unerreicht wie der Held einer griechischen Tragödie. Dasselbe Muster wiederholte sich vor meinem ersten Radio- und vor meinem ersten Fernsehauftritt. Was kann jetzt noch kommen? Ich träume manchmal von dem Tag, in ferner Zukunft, an dem ich meinem Klon gegenübertreten werde, zur Salzsäure erstarre, tot umfalle und das gesamte Universum mit ins Verderben reiße. Es gibt auch Situationen, an denen ich, während ich vor dem Spiegel stehe, das Gefühl habe, genau das würde gerade eben passieren. Doch das Universum scheint stabiler als gedacht.
Im Backstage gab es selbstgebrannten Schnaps. Geht's noch? Wie war das mit dem Ethanol und dem Methanol? Etwas zuviel Sauerstoff und man wird blind, mit etwas mehr Glück stirbt man auch gleich. Die Konzerte waren allesamt gut, leider nicht genug Leute da, so dass die ganz reizenden Veranstalter vom Triquency-Campusradio mit diesem einen Abend mal eben so ihr halbes Jahresbudget verballert haben. Das tut mir wirklich leid. Aber es hat auch niemals jemand behauptet, dass Entwicklungshilfe preiswert zu bekommen wäre.
Später setzte leichter Regen ein, ich schlenderte einsam durch die Industriebrachen und versuchte so, mir bleibende Eindrücke zu verschaffen. Das ist mir auch halbwegs gelungen. Da solle noch einer sagen, ich würde keinen guten Willen zeigen.
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Saturday, June 14, 2008
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Der letzte Termin unserer 4-Tage-am-Stück-Konzertreise im Rahmen der Sternbuschweg-Neverending-Album-Tour. Es verschlug uns noch weiter in den Osten, in einen Teil des Ostens, der eher dem Klischee zu entsprechen scheint, als es Halle vielleicht tut. Die komplette Geschichte der katastrophalen Entscheidung, Magdeburg, diese arme und gebeutelte Stadt des Teufels, anstelle von Halle zur Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt zu küren, wird an anderer Stelle geschrieben. Ganz sicher jedoch konnten es die ganzen westdeutschen Provinzpolitiker, deren Karrieren zu Recht alle schon gescheitert waren, und die damals, spät, aber durch glückliche weltpolitische Wendungen begünstigt, die Chance bekamen, ihr Unvermögen den wehr- und ahnungslosen neu angeschlossen Bundesländern als Geschenk zu verkaufen, zum einen niemals zulassen, dass eine Stadt, die mehr Würde und Stil besitzt als die meisten westdeutschen Landeshauptstädte – auch dies gleichwohl kein eigentlicher Verdienst der Stadt, sondern das Ergebnis der Geschichte – Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt wird (Missgunst, damit kenne ich mich aus); außerdem liegt Magdeburg an der A2 und so war es dafür prädestiniert, schnell mal dorthin zu düsen, ein bisschen Politik zu machen und dann flugs wieder zurück ins schöne Eigenheim, in die heile Welt von Wohlstand, Frau und Kindern zu flüchten. Die Rache folgte auf dem Fuß: geschätzte 95% aller jungen Menschen sind, sobald sie dem Spalt einer Chance gewahr wurden, aus dieser Einöde abgehauen.
Das schöne und doch nicht überraschende an Hoyerswerda (schön, weil es dem Klischee widerspricht und uns erfreut, nicht überraschend, weil wir einer Anzahl von Hoyerswerdaern eng verbunden sind und so bereits um die Qualitäten der Stadt wussten) ist, dass es dort das feine Populario-Festival gibt und die Kulturfabrik, die beide gemeinsam die Fahnen der guten Populärkultur hoch halten. Ein paar junge Leute hatten sich vorgenommen, im Rahmen einer Abituraufgabe ein Benefizkonzert zugunsten des DKMS zu veranstalten, Sie taten es mit Bravour. Wir wurden auch gefragt und sagten umgehend zu. Ich entdeckte parallel dazu im Auto von Wolfgang Post des DKMS, persönlich an ihn adressiert; er braucht kein Benefiz seiner kleinen Band, um sich dieser Aufgabe zu widmen. Er ist schon längst Mitglied und schreitet in aller Stille, so wie es seine Art ist, mit gutem Beispiel voran. Manchmal, in einsamen Nächten, male ich mir aus, wie es wäre, wenn ich das Glück erfahren dürfte, etwas von seinem fabelhaften Knochenmark zu bekommen; ich bin manchmal soweit, meinem Körper entsprechende Anweisungen zu geben, damit er das typische Krankheitsbild simulieren möge. Das ist Hypochondrie auf einem völlig neuen Niveau, und zuweilen, früh am Morgen, bin ich in der Lage dazu, diese Form von Kontrolle über meine biochemischen Prozesse zu erlangen. Dann jedoch haue ich mir umgehend links und rechts eine runter und es wird mir klar, welche Missachtung der wirklich Bedürftigen das alles bedeutet und man straft mich für diese Ungeheuerlichkeit umgehend mit Schlaflosigkeit. Ein so mildes Urteil, dass ich jedes Mal dem Schöpfer für seine Gnade danke.
Wir wurden fürstlich bewirtet, es gab zunächst für jeden Pizza, nach Beendigung dieser Mahlzeit wurden uns aus erlesenen Biozutaten persönlich zubereitete Nudeln nebst Beilage serviert, nachdem wir auch das geschultert hatten gab es Schokolade und andere diverse Knabbereien. Manchmal glaube ich ja, dass man das alles nur für mich tut, um mich endlich in die Lage zu versetzen, ganz normal Kleidung kaufen zu können, ohne in der Frauen- und Kinderabteilung zuflucht suchen zu müssen; allein jeder ist bis jetzt daran gescheitert. Aber gut gemeint, ihr lieben Leute von der Essensausgabe.
Vor uns spielte eine, nunja, Provinzmetalband, die jedoch ihre Fanschar bestens beisammen hatte und frenetisch gefeiert wurde und deshalb ihre Spielzeit locker mal eben verdoppelte. Doch das haben wir schon vor Jahren beim Herrn Watzlawick gelernt: wenn man etwas falsch macht, dann hilft es auch nicht, wenn man noch mehr des Falschen tut. Wir stiefelten nach ihnen auf die Bühne, erwähnten beiläufig das Wort Berlin und schon machte die gesamte sehr zahlreiche Crowd 30 Meter nach hinten. Wir spielten unser Set durch vor einem ausgewiesen exklusiven Publikum: den versammelten Veranstaltern, den DJs und drei versprengten Spezialhörern. Der ganze Rest verharrte ehrfurchtsvoll im ungefährlichen hinteren Dunkel des Konzertsaales. Da kann man nichts machen, wir waren irgendwann tapfer und beendeten unser Benefiz, dann ging es schnell ans Abbauen und dann ab nach, ja, genau, nach BERLIN. Man sollte sich an dieses Wort gewöhnen, es ist weder Furcht einflößend noch Respekt gebietend. Das ist die genauso doofe wie wunderbare Stadt, in die uns der Lauf der Zeiten verschlagen hat.
Auf dem Weg zur Autobahn begegnete uns allerlei Getier, wir dachten kurz an das arme Ding nach Lüdenscheid, doch unser Ruf eilte uns auch hier voraus, alle machten zuvorkommend Platz und so hatten wir noch genug Reserven, zu Hause angekommen das gesamte Equipment in den 3. Stock zu werfen, in Friedrichshain den betrunkenen Großstädtern auszuweichen und dann tat der Sternbuschweg, was er halt so tut: schlafen, die Schlaflosigkeit zelebrieren, auf die nächste Party abhauen, den Abwasch machen oder die Freundin zudecken. Wie man sieht, ein jeder von uns hat seine unersetzbare Rolle gefunden. Auch das ist, was uns diese Band gelehrt hat.
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Wednesday, June 11, 2008
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Eine lange Strecke von ganz weit im Westen in den tiefsten Osten. (Das ist ein Weg, den außer Oskar Lafontaine und Jürgen Schneider niemand vor uns in dieser Richtung gegangen ist; beide übrigens mit derselben Absicht: dem absoluten und vollständigen Ruin.) Es ging in mein geliebtes Halle an der Saale. Ich war wie immer in freudiger Erwartung, die Stadt wieder zu sehen, in der ich Teile meiner Kindheit verbracht hatte, in der zudem eines meiner Vorbilder zugegen war, ihr wisst schon, nein, nicht der, der auch nicht, nein, ja gut, bei dem klaue ich wie bescheuert, und der, ach stimmt, die Sache mit den Anzügen und den Nazi-Imitationen... aber nein: Georg Friedrich Händel! Er war als Kind ebenfalls in Halle zugange. Weitere Gemeinsamkeiten? Die Affinität zum Größenwahn, zu blöden Sprüchen, zu England, zur Katharsis, zum Hedonismus und zur Askese gleichermaßen. Unterschiede? Der Körperumfang, er war immens erfolgreich und, nunja, Händel ist bereits lange unter der Erde und wir können deshalb die ganzen gemeinsamen Abenteuer und Kumpeleien nur noch in meiner Vorstellung erleben.
Der Durchlauferhitzer befindet sich gegenüber von Händels Geburtshaus und ist genau genommen eine Abbruchwohnung in einem Abbruchhaus. Das tat jedoch tat, auch wenn es semantisch nahe liegt, meiner Freude KEINEN Abbruch. Wir alle (manchmal habe ich dann doch sowas wie einen EFFEKT) hatten außerdem gemeinschaftlich so gute Laune, dass wir bereits Stunden vor der vereinbarten Zeit dort anrauschten, Sturm klingelten und gegen die Tür traten, doch nichts bewegte sich. Wir ahnten da schon, dass höchstwahrscheinlich der Bundesgrenzschutz den Club dicht gemacht hatte, da er die heimelige Ruhe des beschaulichen nachbarschaftlichen Friedens gestört hatte; wir ergaben uns in unser Schicksal und tranken Unmengen Cola und Kaffe im Restaurant gegenüber, als dann viel später doch die Türen aufgingen und man uns in die heiligen Hallen hineinbat. Die Betreiber waren angenehm neben der Spur, es wurde dann in aller Ruhe aufgebaut und mit meiner in Halle verbliebenen Verwandtschaft telefoniert. Eben jene waren auch die Einzigen, welche pünktlich zum vereinbarten Konzerttermin erschienen. Ich informierte mich über den neuesten Klatsch, später kamen dann nach und nach noch Gäste, welche nicht mit mir verwandt waren und wir spielten schließlich einer doch überschaubaren Menge unsere Musik vor. Das haben wir lange geübt, und auch wenn es uns mittlerweile leichter von der Hand geht, tobende Massen zu bewegen, waren wir nicht komplett fehl am Platze.
Benjamin und Dennis begaben sich anschließend direkt in die Schlafkojen, während Wolfgang und ich noch auf eine illegale Party in einem Hinterhof verschwanden. In solchen Augenblicken fühlt sich Halle so an wie Berlin vor vielen Jahren: verfallende Häuser, die noch von einstiger wirklicher Größe berichten (jenseits des Faschismus vom neu- und erbreichen Kleinbürgertum mit einer Unmenge von plärrenden Bälgern in überteuerten Kinderwägen und hochglanzpolierten und durch Wachschutz gesicherten Altbaufestungen); wahnsinnig aus- und gleichzeitig einladende Wohnungen, dunkle Hinterhöfe, in denen junge Leute um ein Lagerfeuer sitzen, trinken, tanzen und sich urbanen Raum aneignen.
Wolfgang gedachte mit einer immer noch jung wirkenden Frau, mit der er vor einigen Jahren viel Zeit verbracht hatte, eine Menge zu bereden, ich war irgendwann zuviel, das merkte ich eher spät als früh, doch immerhin. Man erklärte mir den Nachhauseweg: geradeaus, dann links, noch mal links, rechts, wieder geradeaus und dann bist du auch schon da. Ich war ziemlich betrunken, ging geradeaus, dann rechts, dann noch mal rechts, dann links und schließlich wieder zurück und ich stand in einem unwirtlichen und verlassenen Industriegebiet. Es wurde hell, große und furcht einflößende Vögel stiegen um mich auf (sie hielten mich für eine sichere Beute, das wurde mir klar, als ich sie belauschte; manchmal, früh am Morgen kann ich die Vogelsprache verstehen; und nein, es war kein fröhliches tschirp tschirp, es war ANDERS.) Ich fror, wollte nach Hause, weinte kurz aber heftig und nahm es dann selbst in die Hand: dieser unverhoffte Tagesanbruch in der Einöde machte mir ein wunderbares Geschenk. Ich fand mich zurück in die Stadt, verbrachte die blaue Stunde an der Saale zwischen Sträuchern und alten Häusern, ich lief am Wasser weiter zur Burg, sprang über den Graben, strolchte zwischen einigen hundert Jahren Menschheitsgeschichte umher, war glücklich über diese großartige Begegnung, es wurde hell und die dunklen Gestalten und Gedanken der Nacht begannen sich langsam aufzulösen, sie wichen zugunsten einer halben Klarheit, eben dieser wunderbaren Zwischenwelt des beginnenden Tages. Und siehe da, ich stand vor dem Nachtquartier, der Schlüssel passte und der Protagonist fiel hocherfreut in seine Matratzengruft.
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Friday, June 06, 2008
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Diese gebeutelte Stadt in NRW, man fährt hinein und augenblicklich, getrieben von Urinstinkten, steuert man den Bus gleich wieder hinaus. Zum Glück hatten wir die strenge Dame von unserem Navigationssystem dabei, die uns mit einer Mischung aus Dominanz und Charme in Richtung Club lenkte, jeden Fluchtversuch im Keim erstickte und bei der Ankunft mittels des eingebauten Belohnungszentrums Glückshormone ausschütten ließ; liebes Ding, wo bist du, wenn man dich braucht? Wir jedenfalls verstehen jetzt, dass es der Fußball sein muss. Wir denken an 1997 und die Champions League und reißen die Arme hoch, wir denken an 2008 und uns bricht das Herz. Jürgen Klopp wird es richten. Existiert eigentlich schon ein Begrüßungssong für ihn?
Es gibt so Abende, da häufen sich die Katastrophen. Der Club ist sehr schön, auch die Betreuung vorab war ganz reizend, nur technikmäßig sah es ziemlich mau aus. Nicht genug Mikros da, keiner wusste, wo sie sein sollten, kein Haustechniker in Sicht, dafür der tapfere Tobi von Hasenheim, der immer alles richten muss. Später fanden wir heraus, dass die ganzen Mikrofone fein säuberlich im Backstage versteckt waren, doch auf solche Spielchen waren wir nicht vorbereitet: Ostern lag bereits etwas zurück und bei der Ankunft in einem Musikclub hat man auch Besseres zu tun, als sich in die Untiefen der Räumlichkeiten zu begeben in der Hoffnung, Schätze längst vergangener oder gegenwärtiger Zeiten aufzuspüren.
Trotzdem oder gerade deswegen ist es erstaunlich, wie aus solchen Momenten der Improvisation und des Mangels große Abende geboren werden. Es waren eine ganze Reihe Fans mitgereist, das Ruhrgebiet lädt dazu ein, seinen Lieblingsbands nachfahren; gleichwohl erschien sogar Kundschaft aus Freiburg; das ehrte uns ganz besonders. Entsprechend legten wir uns ins Zeug und hatten einen der besten Abende unserer Tour. Karpatenhund taten es uns gleich. Claire schoss ihre obligatorische Konfettikanone direkt hinters Publikum mitten in unseren Merchandisestand hinein. Gut gezielt kann ich dazu nur sagen, und gutes Timing. Ich war zu diesem Zeitpunkt nämlich gerade woanders zugange und entzog mich so elegant den Aufräumarbeiten. Gewusst wie.
Nach dem Konzert galt es, die Karpatenhund-stalkenden Draußensteher abzuwimmeln, die nur bis vor den Club kamen, um Autogramme abzugreifen; wir machten ihnen erfolgreich weiß, dass zwei Straßen weiter Justin Timberlake ein Geheimkonzert geben würde und schickten sie direkt in die Arme einer Horde von Ruhrpottprolls. Auch das muss man drauf haben.
Später gab es einige Aufregung: wir hatten fertig gepackt, aber noch unsere Privatsachen im Backstage, als ohne einen Mucks die Security den Club dicht machte und abhaute in Richtung Feierabendbesäufnis. Heftigstes und ausdauerndes Klopfen brachte keine Punkte, so standen wir also auf der Straße und vermissten sehnlichst unsere Portemonnaies, Schlüssel, Laptops und Tagebücher. Ich war gerade dabei, mir im Schnellkurs die Grundlagen eines leisen und unsichtbaren Einbruchs beizubringen, die anderen hatten derweil hübsche Gewaltphantasien. Auf verschlungenen Wegen kam es aber dann doch dazu, dass wir in der Lage waren, den betrunkenen Clubchef zu erreichen, der seine Freundin losschickte, damit sie mit dem Ersatzschlüssel unserem Vandalismus Einhalt gebieten würde. Gesagt getan; sie düste im Kleinwagen zum Club, wir stiegen durchs aufgeschlossene Kellerfenster in den Backstage, feierten Wiedersehen mit den armseligen Zeugnissen unserer kümmerlichen Existenzen, Benjamin war geistesgegenwärtig genug, noch die Getränkevorräte zu plündern und ab ging es in Richtung Köln.
Auf dem Heimweg, das zu unserer Schande, schlugen wir uns den Bauch voll mit Fast Food. In dem Augenblick, wo man es WILL, glaubt man zu sterben ohne es; wenn man es HAT, dann glaubt man zu sterben MIT IHM. Das ist eines der ungelösten Rätsel unserer amerikanisierten Gesellschaft.
Ein weiteres ungelöstes Rätsel tat sich mir auf am nächsten Morgen beim Frühstück in Köln in einem sehr schönen Restaurant. Soll man die reizende Bedienung darauf hinweisen, dass an der Stelle zwischen Rücken und darunter, wo sich etwas Haut auftut, wo man nicht absichtlich hinsieht, die man aber doch im Blick hat, ihr Kleidungsschild herausguckt? Ich tat es nicht. Und ich hab keine ruhige Minute gefunden seitdem. Ich wälze mich schlaflos auf meiner Matratze und kann mir nicht verzeihen, dass ich zu feige war, es ihr zu sagen. Irgendwann, das weiß ich jetzt schon, wird mich mein Weg wieder in eben jenes Restaurant führen und ich werde unter Tränen meine Verfehlung eingestehen. Bis dahin werde ich weiter einsam meine Bahnen ziehen und an anderer Stelle um Vergebung für meine Sünden bitten. Jeder hat sein Kreuz zu tragen und ich werde der Versuchung widerstehen, meines als das Schwerste anzusehen. Gleichwohl, es fühlt sich so an.
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Thursday, June 05, 2008
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Wonach klingt es, im lauschigen und heimeligen Viersen im Ruhrgebiet ein Konzert zu spielen, nach Provinz, Langeweile, Altrockern und drögem Publikum? Nun, man weiß es nicht, aber macht sich so seine Gedanken. Auf der Habenseite jedoch sind die üblichen Spielchen mit der Autobahnpolizei, die uns auch beim zigsten Durchlauf noch nicht langweilen, genauso wenig wie die Polizisten. Das unter uns: es gibt einen unausgesprochenen Geheimdeal zwischen Sternbuschweg und der Staatsgewalt: wir tragen zu eurer Unterhaltung bei, versüßen euch den Alltag und sorgen dafür, dass ihr zu Hause beim Abendbrot vor euren pubertierenden Töchtern angeben könnt („Heute war ich ganz nah dran am Gitarristen, ich konnte das Weiße in seinen Augen sehen, als ich mit 150 Sachen an der Seite ihres Busses klebte, ein paar unglaubliche Manöver machte und schließlich in den Straßengraben gedrängt wurde."), sie lassen uns dafür gewähren; doch für dieses Mal wollen wir hier niemanden mit Details langweilen. Viel aufregender ist da schon die Wissenschaft, im Speziellen die Tatsache, dass ich mich in der Endphase meiner letzten Hausarbeit in Musikwissenschaft befinde bei unser aller Liebling Professor Christian Kaden, der von uns nur bewundernd CK genant wird.
Wir trafen pünktlich am Ort unserer zukünftigen Erfolge ein, Karpatenhund waren auf ihre Art ebenfalls pünktlich, sie haben sich mittlerweile so gut mit uns synchronisiert, dass sie nicht ohne Sternbuschweg können, folglich treffen sie immer genau zusammen mit uns unter dem Triumphbogen ein, auch wenn der Tourplan sie dort schon zwei Stunden vorher erwartet hatte. Doch so können wir ihnen beim Ausladen ihres umfangreichen Equipments helfen. Wenn man davor steht, glaubt man niemals, dass das alles in ihren Bus passen würde. Doch sie sind ebensolche goldenen Packgötter wie wir, Brüder und Schwestern im Geiste. Das ist kein Witz: selbst die Luhmannsche Systemtheorie wird das bestätigen: Gruppen von bis zu 15 oder 20 Mitglieder können eine Vollstruktur ausbilden, jeder kommuniziert mit jedem. Die Ideale der Aufklärung (alle Menschen sollen Brüder sein) sind nicht mal in der Theorie möglich, doch wenn ich Björn anbrülle, er solle gefälligst sein Gitarre aus dem Weg räumen, er wiederum Wolfgang anschreit (durch drei Schwenktüren hindurch), dass er noch den Pianoständer unter den Arm klemmen möge und Wolfgang gleichzeitig (wie eigentlich immer) verzweifelt den Rest seiner Band nach dem Autoschlüssel fragt, dann ist die kleine soziale Gruppe in idealtypischer Manier zu Gange.
Wir spielten schöne Konzerte, gaben unser bestes wie immer, interessanter sind die Nebenschauplätze. Während des Konzertes vor einem insgesamt sehr wohlwollenden Publikum wurde Dennis der Tatsache gewahr, dass die paar Jungs mit den Frisuren, die glaubten, betont gelangweilt tun zu müssen, auf seine flinken Hände starrten und bei seiner phänomenalen Basslinie zu „Mach ich dich glücklich oder nicht" nur mühsam Haltung bewahrten. Dennis tat daraufhin, was jeder coole Bassist getane hätte: er spielte weiter, ohne auf seine Bünde zu schauen, maß gelassen das Publikum aus und blickte beiläufig in die Ferne, als die besonders schwierigen Teile kamen. Präzision in Verbindung mit vernünftigem Rockstartum kann man halt nicht lernen; das hat man eben so, wenn man bei Sternbuschweg spielt.
Als ich mein zweites Bier aufmachte, merkte ich, das schmeckt aber anders als das Erste, das Verfallsdatum sagte lange her, und so ging ich zur Bar und dachte dabei: ein aufstrebender Musiker, dessen Verfallsdatum noch lange nicht abgelaufen ist, der braucht auch eine adäquate Bewirtung. Sprachs aus und bekam frisch gezapft. So einfach ist es manchmal, Innen und Außen in Kongruenz zu bringen.
Bald danach waren wir müde und fielen ins Bett. Die Erfolgsgeschichte, liebe Freunde, ging also weiter.
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Tuesday, May 13, 2008
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Rein in den Bus, rauf auf die Autobahn und los geht's: die Polizei rechts überholen, so tun, als wäre man betrunken oder würde am Steuer schlafen, dann mit Vollbremsung auf den Rastplatz, sich über das schlechte Essen aufregen, mit Sonnenbrille den Ausgang nicht finden und gegen die Wand laufen. Die Zeche prellen, haufenweise bescheuerter und in jedem fall misslungener Selbstporträts mit der Kamera machen, ständig die Frisur richten, aus dem Fenster klettern und Autosurfen probieren etc. Die endlosen Stunden auf der Straße sind fad, ich muss mir immer was einfallen lassen. Wolfgang hat es gut: wenn er fährt, dann läuft grundsätzlich The National, daran kann er sich auch beim fünftausendsten Durchlauf erfreuen, ebenso an seinem zwanzigsten Kaffe an diesem Vormittag. Dennis hat es auch gut: er programmiert die ganze Zeit und bekommt abwechselnd Sorgen- und Lachfalten im Gesicht, beides steht ihm übrigens blendend. Benjamin hat es noch viel besser: er ist damit beschäftigt, panischer Beifahrer zu spielen (beide Hände an Armaturenbrett heißt: bitte bremsen! Hand rechts heißt: der LKW ist zu nah! angestrengtes Atmen bedeutet: wir fahren zu schnell!) und zugleich die gute Bandseele zu sein: lass mal, ach was, das wird schon. Nur ich hyperaktives Etwas muss immer beschäftigt werden. Es sei denn, ich fahre selbst: dann werden alle von mir schön in den Schaf geschaukelt. Der göttliche Maximilian Hecker aus den Boxen tut sein übriges.
Lüdenscheid ist ganz hübsch, das hatte ich nicht erwartet, zudem ein sehr feiner Club mit tollem Cafe dran. Von dort schaut man über eine große Glasfront die Straße runter auf nette alte Häuschen (muss ich mir merken: Lüdenscheid ist NICHT im Ruhrgebiet und dort stehen Gebäude, die VOR 1945 gebaut wurden, aha), man bekommt allerbesten Milchkaffe und es hängen da haufenweise Schwarz/Weiß-Porträts berühmter Rockstars rum; wir sind natürlich schnell in das nächstgelegene Photostudio, haben uns in Pose geworfen und den Quatsch dann heimlich dazugepinnt. Vermutlich besteht für Sternbuschweg jetzt Clubverbot. Zu Recht übrigens, wie ich finde. Sowas ist ja das allerletzte. Falls nicht, dann hat es wohl tatsächlich keiner gemerkt und der ganze Größenwahn-Mist hier ist wirklich schon Realität? Meine Fresse...da mache ich doch schnell noch mal ein paar bescheuerte Selbstporträts, der Augenblick der Erkenntnis muss festgehalten werden.
Ich schlage übrigens vor, wir spielen nur noch mit Karpatenhund zusammen: sie sind die liebsten Freunde, die man sich wünschen kann, außerdem gibt es da immer tolles Catering, durch das man sich munter hindurchfuttern darf. Aber andererseits: wir sind ja für unseren Heroin-chic bekannt, was sollte man also mit mir anfangen als lustige kleine Kugel? Dicke Leute glänzen ja besonders mit ihrer guten Laune, ich weiß auch warum: alle anderen um sie herum sind so deprimiert beim Anblick der deformierten Körper, da muss man halt selbst die Fahnen des Frohsinns hochhalten.
Es waren ein paar weniger Leute da, als gehofft; diejenigen, die da waren, verhielten sich zudem ruhiger, als erwartet. Was soll man machen. Wir spielten ein mitreißendes Konzert, verkauften dann doch ein paar Merchandise-Artikel, gewannen ein paar reizende neue Fans und hauten wieder ab. Rein in den Bus, rauf auf die Autobahn und wieder das alte Spiel: der Polizei bis ans Heck fahren, so tun, als hätte man Kalashnikovs dabei, dann mit Vollbremsung auf die Gegenfahrbahn etc.
Was uns aber wirklich berührt hat: mitten in der Nacht überrollten wir ein schon totes Reh, das irgendjemand auf der mittleren Spur seinem Schöpfer hatte gegenüber treten lassen. Das war kein Pappenstil, es hat tüchtig geholpert und wir sind kurz auf zwei Rädern gefahren. Man rast stundenlang durch die schwarze Nacht, ist mit sich, dem Wagen, dem Asphalt, den Fahrbahnmarkierungen und dem Rock'n'Roll alleine und dann plötzlich tut sich etwas auf, das man nicht erwartet hat: Zerbrechlichkeit, Einsamkeit, Trauer, Tod.
Armes Ding, wir werden dich nicht vergessen.
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Monday, May 12, 2008
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Es sei zunächst kommentarlos die Stadtchronik Paderborns vorangestellt:
777 Fränkische Reichsversammlung Karls des Großen auf sächsischem Boden. In diesem Zusammenhang erste urkundliche Erwähnung Paderborns. 1000 Paderborn erhält Stadtrechte. 14. Jh. Paderborn wird Fürstbistum. 1802 Das Fürstbistum Paderborn fällt an Preußen. 1945 Weitgehende Zerstörung der Altstadt durch massive Bombardierungen. In der Nachkriegszeit Wiederaufbau 1972 Gründung der Universität Paderborn. 1975 Durch die kommunale Neuglierderung wird Paderborn zur Großstadt mit mehr als 100.000 Einwohnern. 2008 Sternbuschweg sind zu Gast in Paderborn, komplette Zerstörung der Stadt, kein Wiederaufbau möglich 2008 Tut uns leid. Wirklich. Trotzdem: selber schuld.
Es bestehen gewisse Gemeinsamkeiten zwischen der Band Neuser, die das Privileg hatte, mit uns zusammen in Paderborn zu spielen, und der Band Sternbuschweg, die das Privileg hat, mich zu ihren Mitgliedern zu zählen. Neuser besaßen einen Majordeal bei den Illuminaten von Universal-Music, Sternbuschweg haben eben jenen Majordeal auszuschlagen. Wenn schon mafiöse Strukturen, dann doch bitte unsere eigenen. Dieser Kinderkrams einer amateurhaften Mischung aus Eitelkeit, Geldvermögen und vermeintlich marktbeherrschenden Strukturen in der Spreeklitsche langweilen mich zu Tode. Bitte alle gemeinsam die H&M Klamotten ausziehen, das Provinzgehabe ablegen und in den Fluss steigen. Ich werde euch taufen, eurem biederen Büroalltag ein Ende setzen, euch aus den Glasgefängnissen befreien und in eine bessere Zukunft entführen. Denn mein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen.
Wir ritten in Paderborn ein, durchmaßen den Grundriss der Stadt, machten uns einen Eindruck von ihr und musterten die Einwohner; eine von mir sehr geliebte und geschätzte Aufgabe. Jeder hat spezielle Fähigkeiten, auch wenn viele davon nichts wissen oder man es ihnen nicht anmerkt. Eine meiner speziellen Fähigkeiten ist es, innerhalb der ersten halben Stunde, welche ich in einer Stadt verbringe, deren Wesen und das seiner Bewohner (so wie andere vielleicht Gesichter lesen können oder Weinsorten schmecken) komplett zu erfassen. Es ist nicht in jedem Fall ein Geschenk. Paderborn machte aber alles in allem einen guten Eindruck.
Wir kamen im Cube Club an und es muss uneingeschränkt festgehalten werden: auch was die Auftrittsorte betrifft, greift diese eigentümlich Fähigkeit von mir. Ich kam an und wusste: alles wird bestens. Der überaus sympathische Chef begrüßte uns in legeren Trainingsklamotten, und man fühlte sich sofort heimisch und willkommen; die reizende Bandbetreuerin, deren Namen ich vergessen habe, tat ihr bestes (sie möge es mir verzeihen, ich habe mir jedoch gemerkt, dass sie aus dem von mir geliebten Köthen stammt, das unserer Heimat nahe ist und damals für den seligen Johann Sebastian Bach einige Jahre eine überaus wohlgemeinte Anstellung bereit hielt; gute Taten für unsere Freunde vergessen wir nie). Und all das war nicht ohne Erfolg. Kaffe und Kuchen und gesundes Obst brachten uns in Schwung. Wir spielten ein feines Konzert und hatten gute Resonanzen, Neuser machten es nach uns eben so gut und hatten es mit dem schon warmgelaufenen Publikum noch etwas leichter. Danach ging der Abend aber erst so richtig los. Die Party zog Publikum wie bescheuert, Sternbuschweg hatten derweil mit jungen Frauen zu tun, die nicht von unserer Seite wichen. Bis, ja, BIS: sie erfuhren, dass Benjamin mit einer der tollsten Frauen Berlins zusammen ist, Wolfgang keine 19 mehr ist, Dennis schlechte Laune hat und Sebastian eigentlich nur tanzen will. Dies als Hinweis an alle Nachwuchsbands: jeder dieser Tricks funktioniert immer. Ich dann zusammen mit Dennis mitten rein in die Tanznazis (Dank an Dennis für diese Wortschöpfung), auch hier erstarrten alle zur Salzsäule aufgrund nie gesehener expressiver Gesten, und als wir gerade zu olympiatauglicher Form aufliefen, ging es ins Bett. Besser so. Wir wollen niemandem wirklich die Freude verderben. Solche Philanthropen sind wir: verlassen das Schlachtfeld, bevor es unsere lieben Mitmenschen deprimieren könnte.
Das Hotel war ganz okay, zum Frühstück gab es Dennis und Sebastian; die bessere Hälfte verschnarchte Brötchen und Spiegeleier. Macht nichts, liebe Bandkollegen, das kann man auch an jeder beliebigen Autobahnraststätte haben für 16€50.
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Tuesday, April 22, 2008
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Tourbooking ist nicht der einfachste Job. Respekt und Liebe an alle, die das tun für kleine und mittlere Bands. Auch für eine Combo von Weltruf wie Sternbuschweg kann das booking manchmal schwierig sein, weil wir bekannt sind für zerstörte Clubs, abgebrannte Hotels, unzählige Polizeieinsätze und krankenhausreif geweinte junge Männer und Frauen. Das ist zwar der Stoff, aus dem Rock'n'Roll Träume gemacht sind, aber in der popkulturellen Provinz Deutschland ist das, was einem auswärts zu Unsterblichkeit verholfen hätte, am Ende nicht mehr als ein den Frieden in der Trutzburg in Frage stellendes Ärgernis. Schon der von mir sehr verehrte Georg Friedrich Händel hatte das erkannt und war 1710 nach London geflüchtet, wo er schließlich seine Träume von Größenwahn, Weltruhm und gottgleicher Verehrung umsetzen konnte. Überhaupt großer Respekt an seine Adresse. Die Sprüche, welche von ihm kolportiert sind, haben die Messlatte für Ian Brown und die Gallagher-Brüder sehr hoch gelegt. Beispiel? „Sänger zu Händel: ‚Diese Arie ist so großer Mist, wenn ich sie singen muss, steige ich ihnen ins Cembalo.' Händel zum Sänger: ‚Falls sie das tatsächlich machen sollten, sagen sie rechtzeitig vorher Bescheid, dann lade ich Publikum dazu ein. Das wird daran sicher mehr Freude daran haben als an ihren Gesangeskünsten."
Vor Beginn der Reise nach Frankfurt/Main wurde ich zweimal überrascht. Wir wagten ein Experiment, verzichteten auf unseren Anhänger und haben den ganzen Kram, den man als Band so mit sich rumschleppen muss, in unseren VW Sharan gepackt. Und es passte tatsächlich alles rein. Damit sind wir nun endlich reif für den Auftritt bei „Wetten dass...?". Wetten, dass wir es schaffen, den Inhalt eines beliebig großen Bandproberaums in einen VW Sharan zu bekommen? Man kann uns als Band buchen UND als Wettgast. Außerdem würde ich mich anbieten, auf der Couch Platz zu nehmen, einen Haufen Schwachsinn zu labern und den blasierten Hollywood-Stars mal zu zeigen, wo der Hammer hängt. Anschließend gedenke ich, mich auf der After-Show-Party den ZDF-Oberen an den Hals zu werfen, Thomas Gottschalk zu erklären, dass er ein alter Sack ist, ihn in den Bauch des nächstbesten Frachtflugzeuges zu sperren und fort ist er. Dann übernehme ich seine Sendung, fahre sie innerhalb eines Vierteljahres komplett gegen die Wand und schwupps, damit sind wir diese Plage auch endlich los. Dankesbriefe und Dankesmails werden von mir noch bis Ende des Monats wohlwollend entgegengenommen. Falls das bis jetzt noch nicht ganz klar war: ich bin absolut empfänglich für jede Form von heuchlerischen Lobesbekundungen. Die zweite Überraschung erfolgte, als der Bandbus tatsächlich nur mit anderthalb Stunden Verspätung in Berlin auf die Autobahn machte. Wie ihr seht: Sternbuschweg sind auf direktem Wege in einen fast schon penetranten Professionalismus. Wir waren nach halsbrecherischen 6 Stunden Fahrt aber trotzdem pünktlich da und hatten nebenbei sogar noch das Stammland von Luther und der Familie Bach erkundet. Jetzt ist mir so einiges klar. In dieser verdammten Einöde muss man einfach auf dumme Gedanken kommen.
Im schönen Club „Das Bett" waren wir schon mal vor zwei Jahren zu Gast, auch diesmal fühlten wir uns wohl, alles lief wie am Schnürchen und mit Freude sahen wir, dass sich der kleine Laden ansprechend füllte. Wir spielten ein gutes Konzert und freuten uns anschließend zusammen mit den Gästen über den schönen Abend. Gegen drei Uhr nachts wurde dann schon das Geheimnis des Schlafs ergründet, das ist mir ja eigentlich viel zu früh, doch die Jungs sind ja noch klein und ich bin nun mal u.a. auch dazu da, mit gutem Beispiel voran zu gehen. Also Decke über den Kopf und Ruhe im Karton.
Was nur wirklich ärgerlich ist: man düst mit der Band überall in der Weltgeschichte rum und hat nie die Zeit, sich das alles wirklich anzuschauen. Alles, was ich von FFM nach drei Besuchen mit der Band mittlerweile kenne, ist der Unicampus, Das Bett, der Clubkeller, Sachsenhausen, ein paar rote Ampeln, eine große Brücke und die Autobahn. Soeben reift in mir ein verwegener und aberwitziger Plan: ich werde in meinem kleinen Auto alleine durchs Land fahren und all die Stätten des Ruhmes inkognito besuchen. Falls ihr also in nächster Zeit jemanden in eurer Heimatstadt trefft, der mir ähnlich sieht und auf Nachfragen nicht reagiert, sondern autistisch seine Bahnen zieht und vor sich hin brabbelt „störe meine Kreise nicht, ich muss weiter...", nun, vielleicht...vielleicht auch nicht.
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Sunday, April 20, 2008
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Ja ja ja ja ja, es geht weiter - ich groove mich so langsam ein in mein erstes Schreiblustrevival. Wir sind unterwegs von Paderborn nach Berlin und Benjamin verzieht das Gesicht beim Verzehr seines gerade an der Tankstelle erstandenen Kaffee. 2x Zucker ist offenbar keine gute Wahl, wenn es sich um einen 0,1er Becher handelt. Und grell ist es wohl auch - Wolfgang (fährt momentan) und Benjamin (mimt den Beifahrer) waren letzte Nacht direkt ins Loft-Zimmer des Süd-Hotels gezogen und aufgrund Sebastian's und meiner Unkenntnis der Zimmernummer nun nicht aufzufinden. Energisches Anrufen bringt da rein gar nichts. Nach einem ausgiebigen Frühstück mit zu hart gekochten Eiern, dünnem Kaffe und gestrecktem O-Saft zogen wir los, klopften an jeder Zimmertür, stellten uns höflich vor, schlossen Bekanntschaften - nein - tiefe Freundschaften, pflanzten jeder einen Baum und bauten ein Haus. Meines ist ganz hübsch geworden, Sebastian hat wieder übertrieben. Ein Rieeesen-Haus mit nur einem Süd-Ost-Eckzimmer. Typisch.
Letztlich sind wir am Zimmer Nummer 27 angekommen. Auf unser Klopfen gibt es keine Reaktion. Nein, Moment - doch - ein zufriedenes Schnarchen dringt durch das Schlüsselloch. Das MUSS es sein! Wir also rein und Wolfgang sofort entdeckt. Benjamin vermute ich im Bad, da im Bett niemand liegt. Plötzlich meint Sebastian, dass da doch etwas im Bett liegt - oder besser - so halb unter dem Nachttisch. Demnächst müssen wir noch Sicherheitsgatter für Hotelbetten mitnehmen. Ich weiss gar nicht, wie wir das noch wegkriegen sollen. Es ist jetzt schon immer absolute Mikromillimeter-Arbeit.
So wie gestern Abend - das Konzert lief gut - wie so oft war das Publikum willig, zuzuhören, aber nicht völlig auszurasten, wie es Wolfgang so oft anbietet. Da wir als alte Profis natürlich genau wissen, was in Deutschland an einem als Indie-DJ-Abend mit Bands davor angekündigtem Event so alles geht, packen wir so schnell es geht und schmeissen uns unters Tanzvolk.
Dicht umringt von Tanzhummeln, und um(anti)ringt von Tanzgruppennazis gebe ich den Timberlake. In letzter Zeit bin ich ja tanzmäßig wieder ganz hibbelig und kann meine Füße einfach nicht stillhalten. Auf der Bühne gebe ich ja immer schon, was ich kann - aber meine (*hüstl*) enorm komplexen und fordernden Bass-Grooves hindern mich daran, dieser Leidenschaft dort voll und ganz nachzukommen. Hier sei ein Hinweis an Bärbel (Name v. d. Redaktion geändert) ausgeschrieben: Es wird jetzt echt mal wieder Zeit für eines der großen Berliner Ws - Weekend, Watergate, WMF oder eine ähnliche Location - ich will keine Ausflüchte mehr hören!
Der Abend zuvor in Frankfurt hatte diesbezüglich weit weniger zu bieten - dafür lief das Konzert meinem Empfinden nach um KLASSEN besser. Das spielerisch bisher beste Konzert der Tour - da ist sich die Rythmusgruppe einig. Und die Frage nach der Qualität des Zusammenspiels können ja eh nur Benjamin und ich beurteilen - das ist mal Fakt!
Dabei fing der Abend für mich eher bescheiden an. Die Ansage, dass diverses annehmbares Equipment vor Ort sei, ließ uns wie so oft nur meinen Bassverstärker, aber keine Boxen mitnehmen. Das ist insofern ganz praktisch, weil wir nicht soooooo viel Zeugs durch die Gegend tragen müssen und außerdem auch keine noch so kleine Schrankwand mehr ins Auto gepasst hätte. Von Geburt an mit einer gesunden Portion Skepsis ausgestattet, schlendere ich nach unserer ausgiebigen, aber auch eher unfreiwilligen Erkundung des einbahnstrassendurchzogenen Szeneviertels Sachsenhausen direkt ins Kämmerchen hinter die Bühne und entdecke eine riesengroße 4x12er Bassbox. Zufrieden mit mir und der Welt entspanne ich mich und fange an, den Jungs beim Reintragen zu helfen. Der Chef des Abends wird von mir informiert, dass ich Equipment nutzen möchte und wenig später steht eine Box auf der Bühne, die ich durchaus auch direkt in meinen Verstärker einbauen könnte. Was war DAS bitte schön? Was nun? Wie soll das gehen? Geht die nicht kaputt, wenn ich da meinen Monsterverstärker dranstöpsel? Von völliger Verzweiflung zu sprechen wäre maßlos untertrieben, aber sich jetzt mit dem Chef des Klubs anzulegen ist auch nicht die Lösung, zumal wir eh nicht so laut sein dürfen - wie so oft gibt es Ärger mit den Anwohnern und der Stadt. In ein weithin bekanntes Szeneviertel mit einer Bar neben der anderen zu ziehen und sich dann über den Krach beschweren ist auch ein Spießertum, was echt keiner braucht. Na gut - der ein oder andere Anwohner wird sicher schon vorher da gewohnt haben, aber das ist dann Pech. Die Welt braucht Kultur - so wie z.B. unsere feine kleine Kapelle.
Das sahen die gesammelten Pressevertreter der Stadt genauso und erschienen pünktlich zu den vorher in einem langen Auswahlverfahren vergebenen Interviewterminen. Aufgrund von Zeitknappheit - Wolfgang war zur Parkplatzsuche für mindestens eine Stunde verschwunden - und getrieben von gar schrecklichen Hungergefühlen verschlug es uns ins nächstbeste Lokal. Die beiden Jungs vom Campusradio Mainz wurden kurzerhand ins Schlepptau genommen und konnten ein von gar wundersamer orientalischer Muik unterlegtes Gespräch mit uns führen. Das war ganz lustig und hat viel Spass gemacht - die Taktik, den Fragenden mit Gegenfragen zu bombardieren ist super und sollte ausgebaut werden. Zwei entzückende Mädels einer Schülerzeitung waren die nächsten und begannen zunächst mit der Frage aller Fragen: "Woher kommt denn euer Bandname ... ?". Alle vier drängelten sich danach, diese ungemein wichtige Frage beantworten zu dürfen und innerlich dachte ich, dass es doch eigentlich zum Einmaleins eines jeden Reporters gehören sollte, die Antworten auf solcherlei Fragen selbst herauszufinden.
Aber weit gefehlt - die Mädels machten ihre Sache mehr als gut, indem sie uns echt knifflige und größtenteils tatsächlich noch nie gehörte Fragen stellten. Was denn unser Lieblingssong auf dem Album wäre. Solche Fragen sind echt brutal und führten bei manchen Bandmitgliedern zu einer innerlichen Zerreißprobe ungeheuerlichen Ausmaßes. Unser aller Lieblingsfrage, die auch ausführlichst beantwortet und regelrecht diskutiert wurde war die Frage nach den Vor- und Nachteilen, in einer reinen Jungsband zu spielen. Toll! Das ist mal echt cool und wir waren zunächst mucksmäuschenstill. Niemand traute sich, den beiden süßen Mädels gegenüber zu verraten, dass es einfach cooler sei - so nur mit den Kumpels unterwegs zu sein. Naja - ich wagte zumindest, den Types einer in einer Rockband spielenden Frau zu pauschalisieren und geriet in einen Strudel der Erklärungsnot, nachdem die anderen 3 einfach den Stöpsel zogen um sich an meiner aufkommenden Befangenheit zu ergötzen.
Danach ging es - ziemlich satt vom "Iss soviel du kannst"-Buffet - direkt auf die Bühne und eine gute Show und 2 Zugaben später stand ich auch schon pflichtbewusst am Merchandise-Tisch. Benjamins nähere Verwandtschaft war vor Ort und so war es eine Selbstverständlichkeit, dass ich abklatsche und an diesem Abend diesen Job übernehme. Zunächst etwas schleppend groovte sich die Käufergemeinde ein und gleich der Erste wollte seine CD natürlich signiert haben. Es ist immer wieder erstaunlich wie zum Einen dann alle weiteren Käufer selbigen Wunsch äußern und zum Anderen, dass wir jedesmal wieder auf der Suche nach nem Edding sind. Professionell ist was anderes. Tststs. Am coolsten fand ich aber den jungen Herrn, der direkt auf mich zuschritt, mir nen Zwanni für die 12 Euro kostende CD hinhielt und meinte: "Stimmt so." Das nenn ich mal akkurat oder wie man in Muckerkreisen auch sagt - amtlich! Und er wollte nicht mal ne Unterschrift!
Jetzt biegen wir gerade auf den Berliner Ring ein, will heissen, dass die Heimat immer näher rückt. Es ist genauso trüb und diesig wie heute früh in Paderborn. Was man nicht alles als grell empfinden kann ...?
.dennis
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Saturday, April 19, 2008
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Manche Konzerte sind wie nach Hause kommen. Auf der Insel Reichenau im Bütezettel zu spielen z.B. zählt dazu. Herrliche Lage, herzlichste Betreiber, feines Publikum. Liebe Grüße an dieser Stelle an Stephan und Jürgen. Wir waren dort ja schon mal vor einiger Zeit, hatten uns damals recht unaufgefordert als Vorband zu einem bestehenden Konzert dazugebucht und viele Freunde gefunden. So ist es unsere Art: ankommen, spielen, verzückte Zuschauer hinterlassen und dann für Jahrzehnte in der Versenkung verschwinden. Das widerspricht den gängigen Strategien der Musikindustrie, jedoch: was kann einem Besseres passieren, als das Gegenteil von dem zu tun, was einen ganzen Industriezweig in den Ruin treibt? Sternbuschweg waren immer schon die Ersten: wir verhalfen der Menschheit zu ihrem Ausgang aus der selbstgewälten Unmündigkeit und schlugen die Tür zum Paradies zu, wir flüsterten den Bewohnern von Babel fremde und verführerische Worte ins Ohr, ließen hunderttausende Sklaven für die ägyptischen Pyramiden schuften, zettelten den peloponnesischen Krieg an, unterwarfen Brutus, Pontius Pilatus und Kaiser Nero unserem Willen, erfanden Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit; Bach, Beethoven, Brahms, Beatles und Byrds spielten unsere Musik, Johannes Calvin folgte unserem Rat, schuf den modernen Kapitalismus und damit die Grundlage zur Vernichtung der Zivilisation, die russischen Zarenfamilie ließ ihr Leben (doch unsere Liebe dauert länger als der Kommunismus), der Blitzkrieg wütete, Mick Jagger schrieb das alles auf und machte aus den Notizen seinen besten Song.
Am Tag vor Reichenau waren wir wieder bei unseren lieben Freunden in der Trösteinsamkeit (das ist ein weißes Haus auf einem Hügel am Bodensee) zu Gast - alle außer mir, ich hatte das Vergnügen, zusammen mit C. in dem bandeigenen Privatjet nach Paris geflogen zu werden. Doch das tut nichts zur Sache. Die wohlerzogene Hündin Leoni, ebenso gütige wie kompromisslose Hüterin des Hauses, bereitete Benjamin einiges Kopfzerbrechen, da er schon mehrmals schlechte Erfahrungen mit Hunden gemacht hatte, und gezwungen gewesen war, wertvolle Jahre seines Lebens in Hundemägen auszuharren, doch das hindert ihn nicht daran, auf direktem Weg zur größten außermusikalischen Karriere von uns zu sein: Direktor des Berliner Zoos. Was sind dagegen die 15 Jahre, die ich im Bauch meiner Universität verbracht habe? Kinderkram.
Mit uns die tollen Jungs von St. Vincent & the Grenadines, der beste Dennis von allen machte ihnen einen Live-Sound, der sich auch 1989 im Blackpool Empress Ballrom hätte sehen lassen können. Danach wir mit wehenden Fahnen auf die Bühne, ein Stunde Pyrotechnik später wieder runter, das Publikum war wie gewohnt allerliebst und aufmerksam, ebenso Stephan, der beim Ende unseres Konzertes, als wir gerade „Star" spielten, das Licht auf Stroboskop schaltete. So kann man sich auch auf kleinen Bühnen groß fühlen. Wir danach noch entspannt den Abend im Bütezettel zu Ende geplaudert.
Was nicht hieß, dass der Abend insgesamt zu Ende gewesen wäre, er war es nur im Bütezettel: danach ging es direkt nach Konstanz in den Kulturladen, mal schauen, wie die Partys da so laufen. Sie sind auch nicht anders als in Berlin und man tut, was man halt immer tut: rauchen, trinken, doof rumlabern, tanzen, von Leuten angestarrt werden, Streit anfangen, sich über den DJ lustig machen, ihm seine Freundin wegnehmen und ihn auf dem Klo einsperren, aus dem Club geworfen werden. Ins Hotel zurückkommen und die Daheimgebliebenen foppen: der friedlich schlafende Gitarrist von St. Vincent bekam einen laufenden Staubsauger in sein Bett geworfen, anschließend gab es eine Kissenschlacht, er rächte sich und stellte früh am Morgen Stühle und Tische auf seine schlafenden Kollegen.
Beim Frühstück wurde es sehr leise und aufmerksam, als wir den Raum betraten, man hörte die anderen Gäste die Luft anhalten, vernahm das Pling des Kondenswassers in der Kaffeekanne, das Aufsteigen von Kohlensäure, Verdauungsgeräusche im Magen der alten Frau, ausatmen; unwahrscheinlich, dass so ein paar hübsche und wohlerzogene junge Männer so einen infernalischen Krach machen können, nicht? Die Welt ist gemacht aus Paradoxien. Beim Frühstück waren wir wieder leise. Man braucht ja schließlich auch mal seine Ruhe.
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Monday, April 14, 2008
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Prag: eine sehr schöne Erfindung das. Es heißt, die Einwohner der Stadt hätten nach dem Krieg die Trümmer des einzigen kaputten Hauses extra lange liegen lassen, weil sie ein schlechtes Gewissen hatten, dass ganz Europa in Schutt und Asche lag, ihr Prag jedoch ansonsten unversehrt geblieben war. C. und ich mussten leider nach einer knappen Woche wieder abreisen, da die Bandkasse ausgegeben war und ich ja Verpflichtungen in Augsburg hatte, außerdem passte das gut zusammen: ich musste mir neue finanzielle Mittel besorgen, um den nächsten Urlaub planen zu können, und was lag da näher, als wieder mit Sternbuschweg auf Tour zu gehen?
Die beste Band der Welt tat, wie ich es von ihr erwartet hatte: sie freute sich über meine erholsamen Tage, lobte den frischen Schwung, der mich umwehte und nahm regen Anteil an meinen aufgeregten Stadtbeschreibungen; kein Hauch von Neid oder Missgunst verschleierte die offenen Gesichtern meiner lieben Freunde. Sie wissen noch, was wir uns damals bei der Bandgründung gegenseitig in die Oberarme geritzt hatten: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Das haben uns dann später die Franzosen geklaut, es zum Anlass genommen, ein paar Leuten die Köpfe abzuschlagen und einen Kontinent mit Krieg zu überziehen. So schnell wird man missverstanden.
In Augsburg ist es recht hübsch und beschaulich, die Band nebst Bus düste durch die Stadt, am Kö vorbei, Ludwigstr. rein und dann gings runter in den Club. St. Vincent & the Grenadines waren schon da und standen vor einem Riesenberg aus PA-Teilen, Instrumenten, Verstärkern und Schlagzeughälften. Wir mit der Abgeklärtheit eines halben Rockstarlebens unseren Kram dazugepackt, uns kurz vorgestellt, dann wieder raus, essen gehen und die Jungs erstmal machen lassen. Zwei Stunden später wieder in den Club zurück, St. Vincent standen immer noch vor einem Riesenberg aus PA-Teilen, Instrumenten, Verstärkern und Schlagzeughälften, was aber nicht bedeutet, dass es keine Fortschritte gegeben hätte: mit Zufriedenheit registrierten wir, dass inzwischen eine ganze Reihe von Zuschauern da waren, welche sich interessiert mit zu dem Bandhaufen gesellt hatten. So stand man da also eine Weile rum, irgendwann löste sich diese unangemeldete Versammlung auf und machte Platz für zwei Konzerte nebst anschließendem Tanzbein. Wir spielten unseren Stiefel durch, ich hatte das ganze Konzert über einen suchscheinwerferartiges Licht auf mich gerichtet, was soweit in Ordnung war: mich gut auszuleuchten, ist immer von Vorteil. Doch über alles weitere, was während unseres Auftritts passierte, kann ich aus diesem Grund nur Mutmaßungen anstellen: ich glaube, es waren eine ganze Menge Zuschauer da (es kamen entsprechende Geräusche von da unten) und meine Band muss auch mit mir zusammen auf der Bühne gestanden haben: die Geräusche, die von neben mir kamen (Schlagzeug, Bass, Gitarre, Gesang), kann ich mir jedenfalls nicht anders erklären.
Später noch den Augsburger Indie-Nasen gezeigt, wie man vernünftig Morrissey-Gesten auf der Tanzfläche hinbekommt und mich drüber lustig gemacht, dass sie das dann auch unbedingt glaubten machen zu müssen; viel schlechter natürlich und nicht auf eine cool-ich-mach-mit-Art (Tipp fürs nächste mal: so sollte man es tun), sondern auf eine spackige das-hier-ist-unser-Revier-Art (Tipp fürs nächste Mal: so nicht). Ich dann mit Geldscheinen gewedelt, überall rumerzählt, dass man in unserem 5-Sterne Hotel das Frühstück aufs Zimmer geliefert bekommt, bei Bedarf in die Sauna getragen wird und sämtliche Bedienstete ständig auf Abruf sind; das komplette Programm halt. Falls sich bis Ende des Jahres immer noch niemand getraut hat, mich zu verprügeln, muss ich wohl auch das selbst erledigen. Ein Kreuz.
Benjamin und Dennis waren müde, zerrten Wolfgang und mich von der Tanzfläche, wir liefen an besagtem 5-Sterne Hotel vorbei zur 5-Sterne WG von Sabine, die uns fürstlich bei sich einquartierte. Die Rhythmusgruppe groovte sich sofort routiniert in den Schlaf, Wolfgang verschwand am anderen Ende der Wohnung, ich schrieb noch ein Tourtagebuch fertig und schaute die neue Folge von undertube an, Gäste diesmal: Wolfgang und Sebastian von Sternbuschweg. Feine Jungs, tolle Band. Nur von dem, was dieser kleine mit der Frisur die ganze Zeit für ein Zeug labert, hab ich kein Wort verstanden. Aber ich kenn ihn von irgendwoher.
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